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Lufthansa-Hauptversammlung : „Wir packen das“

Demonstration von Lufthansa-Mitarbeitern gegen die geplanten Stellenstreichungen in Frankfurt Bild: Reuters

Vorstand und Aufsichtsrat werben eindringlich um Zustimmung für das staatliche Rettungspaket. Es sei der „Schlüssel zu unserer Zukunft“ – obwohl man es sich anders gewünscht hätte.

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          Zum Auftakt gab es emotionale Worte. „In welchem Unternehmen gibt es solch ein Miteinander?“ fragte der Lufthansa-Aufsichtsratsvorsitzende Karl Ludwig Kley die zur außerordentlichen Online-Hauptversammlung zugeschalteten Aktionäre. Beeindruckt hatte Kley, dass zum ersten Flug der österreichischen Tochtergesellschaft Austrian Airlines nach der Corona-Pause hunderte Mitarbeiter in ihren Uniformen für die ersten Passagiere Spalier standen. „Es war in den letzten Wochen eine Achterbahnfahrt der verschiedenen Themen und ein Wechselbad der Gefühle“, sagte Kley – wohl auch mit Blick auf Gespräche mit Regierung, EU und Großaktionären wie dem Unternehmer Heinz Hermann Thiele, der erst in der Nacht vor der Versammlung seine Bedenken zurückgestellt hatte.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Nach dem Wiederanlaufen eines kleineren Flugbetriebs steht der Neustart für Lufthansa mit Staatshilfe und Staatsbeteiligung – ein Hilfspaket im Volumen von bis zu 9 Milliarden Euro – als einziger Entscheidungspunkt auf der Tagesordnung. „Wenn Sie zustimmen, können wir an der Genesung der Lufthansa arbeiten, damit wir an frühere Erfolge anknüpfen können. Es wird dann keine Insolvenz geben“, sagte Kley. Auch Vorstandschef Carsten Spohr bat um Zustimmung: „Wir appellieren an ihre Solidarität, an Ihren ganz persönlichen Anteil zur Sanierung des Unternehmen.“

          Nicht vollends zufrieden

          Er sei sich bewusst, dass der Staatseinstieg im Zuge einer Kapitalerhöhung zur Verwässerung der Anteile der Altaktionäre führe. „Wir wollen eine Insolvenz mit all ihren Folgen unbedingt vermeiden. Eine Insolvenz auch in der Stufe des Schutzschirmverfahrens hätte den vollständigen Verlust ihres Aktienvermögens zur Folge“, mahnte Spohr die Anleger. „Das Stabilisierungspaket ist der Schlüssel zu unserer Zukunft.“

          LUFTHANSA

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          Während der Vorstand beteuerte, sämtliche mögliche Alternativen geprüft und als schlechter befunden zu haben, ließ Kley deutlich anklingen, dass nicht nur Großaktionär Thiele, sondern auch Aufsichtsratsmitglieder mit dem zur Entscheidung stehenden Hilfspaket nicht vollends zufrieden sind. „Hätten wir uns ein anderes Vorgehen des Staates gewünscht? Eindeutig ja. Mehr als das, was der Vorstand erreicht hat, ist aus Sicht des Aufsichtsrats aber nicht durchsetzbar“, sagte er. Als Kritik am Vorstand wollte er das aber nicht verstanden wissen. „Sie haben Großartiges geleistet“, lobte er das Agieren des Vorstands um den Vorsitzenden Carsten Spohr und Rechtsvorstand Michael Niggemann.

          Das Paket sieht vor, dass der Staat zunächst mit 20 Prozent an Bord geht und lediglich 2,56 Euro je Aktie zahlt. Außerdem muss Lufthansa auf Stille Einlagen von 5,7 Milliarden Euro mindestens 4 Prozent Zinsen zahlen. „Insgesamt sind finanzielle und strukturelle Belastungen aus diesem Paket erheblich. Für den Staat ist es ein gutes Geschäft. Das freut uns als Steuerzahler, für den Konzern ist es aber eine Belastung“, sagte Kley. Trotz aller Bedenken zeigte sich Kley überzeugt: „Wir packen das.“

          Zustimmung gilt als sicher

          Spohr verwies darauf, dass sich Staat zum Rückzug als Aktionär verpflichtet, sobald die Stillen Einlagen von knapp 6 Milliarden Euro zurückgezahlt sind. Das Recht des Bundes, Teile der Stillen Einlage in weitere Aktien zu wandeln, diene lediglich als Schutz gegen feindliche Übernahmen und als Sicherheit, falls Lufthansa ihrer finanziellen Verpflichtung wider Erwarten nicht nachkommen könne. Der Konzern wolle aber trotz des anstehenden Schrumpfkurses die Stille Einlage schnellstmöglich zurückführen.

          Trotz kritischer Nachfragen von Aktionären gilt die Zustimmung zum Rettungspaket als nahezu sicher. Am Abend vor der Hauptversammlung hatte Großaktionär Thiele angekündigt, die nötige Zweidrittelmehrheit nicht mit seinem Stimmrechtspaket verhindern zu wollen. Damit hatte er der Versammlung einiges an Brisanz genommen. "Ich werde für die Beschlussvorlage stimmen", sagte Thiele der F.A.Z. „Es liegt im Interesse aller Lufthansa-Mitarbeiter, dass das Management zügige Verhandlungen mit den Gewerkschaften über die nötige Restrukturierung führen kann.“

          Am Donnerstagmorgen erteilte auch die EU-Kommission erwartungsgemäß die Freigabe für das Rettungspaket. Die Freigabe steht aber unter der Bedingung, dass die größte Fluggesellschaft Europas Start- und Landerechte an ihren Hauptstandorten Frankfurt und München abgibt. Das soll es Konkurrenten ermöglichen, Basen mit je bis zu vier Flugzeugen aufzubauen. Der Billigflieger Ryanair kündigte derweil an, gegen die EU-Freigabe rechtlich vorgehen zu wollen.

          Lufthansa plant nach früheren Angaben seine Zukunft mit 100 Flugzeugen weniger. „Wir haben große Aufgaben vor uns“, sagte Spohr. „Zu einem ‚new normal‘ werden wir erst 2023 kommen. Wir werden dann eine kleinere Lufthansa sein. Die dann hoffentlich wieder private Lufthansa wird aber agiler und effizienter sein“, prognostizierte er. In der Nacht zuvor hatte sich der Konzern auf einen Krisentarif mit der Flugbegleitergewerkschaft Ufo geeinigt.

          Der Abschluss sehe ein Senken der Personalkosten um 17 Prozent gegen einen Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen vor. Durch Teilzeit-, Ruhestands- und Abfindungsregeln soll ein Stellenabbau gelingen. Auch mit der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit sei man auf einem ähnlichen Weg, sagte Spohr. Schwieriger gestalteten sich Gespräche mit Verdi für das Bodenpersonal, die Verhandlungen sollten erst am Freitag fortgesetzt werden „Es muss unbedingt ein Vorankommen geben“, mahnte Spohr.

          Auch für Passagiere hatte er eine Botschaft. „Viele Kunden sind enttäuscht und verärgert, weil sie auf die Erstattung ihrer Tickets für ausgefallene Flüge warten“; sagte Spohr. Dafür bitte er um Entschuldigung. Vor der Hauptversammlung hatte der Konzern mit der Tochtergesellschaft Eurowings die erste gerichtliche Niederlage  wegen ausstehender Erstattungen einstecken müssen. Nach Angaben des klagenden Rechtsdienstleisters EU-Flight erfolgte die Entscheidung ohne mündliche Verhandlung, da der Konzern nichts auf die Klage erwidert hatte. „Jeder Kunde, der seinen Ticketpreis erstattet haben möchte, wird sein Geld bekommen. Wir werden in sechs Wochen den Rückstau abgearbeitet haben.“

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