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Staatliche Lufthansa-Rettung : Großaktionär Thiele geht mit frischem Geld auf Regierung zu

  • Aktualisiert am

Heinz Hermann Thiele ist gegen eine staatliche Rettung des Lufthansa-Konzerns. Bild: dpa

Der Lufthansa-Großaktionär Heinz Hermann Thiele wehrt sich gegen den Einstieg des Staates bei der Fluggesellschaft. Und wird aktiv, um kurz vor der Hauptversammlung eine andere Art der Rettung auszuhandeln.

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          Eine Woche vor der Abstimmung der Lufthansa-Aktionäre über das staatliche Rettungspaket hat der neue Lufthansa-Großaktionär Heinz Herrmann Thiele ein millionenschweres Aktienpaket an seinem Konzern Knorr-Bremse zu Geld gemacht und sucht einem Zeitungsbericht zufolge das Gespräch mit der Bundesregierung. Es werde nach einem Termin gesucht, an dem Thiele mit Finanzminister Olaf Scholz zusammentreffen könne, berichtete das „Handelsblatt“ am Donnerstag unter Berufung auf informierte Kreise. Das Treffen solle möglichst noch diese Woche stattfinden.

          Anfang der Woche hatte sich Thiele in einem Interview mit der F.A.Z. gegen die vorgesehene staatliche Aktienbeteiligung von 20 Prozent an Europas größter Fluglinie, die der Staat im Gegenzug für seine Finanzspritze von neun Milliarden Euro erhalten soll, gewehrt. Dem Plan waren wochenlange Verhandlungen vorausgegangen. In dem Interview machte er sich dafür stark, das Paket noch einmal aufzuschnüren.

          Thiele ist während der Corona-Krise bei der Lufthansa eingestiegen und hält gut 15 Prozent der Aktien. „Ich störe mich an der apodiktischen Aussage, das es keine anderen, konsensfähigen Lösungen gäbe“, sagte Thiele gegenüber der F.A.Z. Der Staat gerate als Aktionär in eine Doppelrolle und die nötige Sanierung der Lufthansa könne so verschleppt werden.

          In Reaktion auf Thieles Äußerung hatte die Lufthansa gewarnt, dass das Finanzpaket auf dem Aktionärstreffen bei einem Nein von ihm zur dafür notwendigen Kapitalerhöhung durchfallen könnte. Scholz hat ein Gespräch über eine Änderung des mühsam ausgehandelten neun Milliarden Euro teuren Plans bisher abgelehnt. Im F.A.Z.-Interview hatte der Großaktionär gesagt, er habe abschließend noch keine Entscheidung über sein Stimmverhalten getroffen. Er wolle nichts blockieren. „Ich hoffe vielmehr, dass noch im Vorfeld etwas bewirkt und in Bewegung gebracht werden kann.“

          Rund 750 Millionen Euro

          Um sich Liquidität für weitere Schritte zu beschaffen, hat Thiele nun überraschend einen großen Teil seiner Mehrheit am Bahn- und Nutzfahrzeugzulieferer Knorr-Bremse versilbert. Er habe rund acht Millionen Knorr-Bremse-Aktien verkauft, um den Erlös für andere Privatinvestments zu verwenden, teilte eine der Konsortialbanken mit. Der Unternehmer werde aber eine signifikante Mehrheit an Knorr-Bremse behalten. Thiele und Knorr-Bremse lehnten Stellungnahmen ab.

          Das Paket von acht Millionen Aktien entspricht einem Anteil von 5 Prozent an Knorr-Bremse und einem Börsenwert von schätzungsweise 750 Millionen Euro. Thiele hielt über seine Beteiligungsgesellschaft KB Holding zuletzt 75 Prozent an dem Münchner Bremsenkonzern.

          Kleineres Rettungspaket möglich

          Gleichzeitig meldete die Nachrichtenagentur Bloomberg mit Verweis auf informierte Kreise am Donnerstag, dass die Bundesregierung und die Lufthansa erwägen, das staatliche Rettungspaket in Höhe von 9 Milliarden Euro zu verringern. Der Grund: Die Fluggesellschaft steht vor weiteren Hilfszusagen aus der Schweiz, Österreich und Belgien. Die Regierung wolle die Belastung für den deutschen Steuerzahler verringern und erwäge, die vorgesehenen Kredite für Lufthansa in Höhe von 3 Milliarden Euro aus dem Fonds der staatlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau zu senken, wie mit der Angelegenheit vertraute Personen sagten. Die deutsche Airline, zu deren Imperium ehemalige nationale Fluggesellschaften in den drei anderen Ländern gehören, sei bestrebt, ihre Rettungskosten so niedrig wie möglich zu halten, hieß es weiter.

          Es sei noch keine Entscheidung getroffen worden, da sich Lufthansa in laufenden Gesprächen mit den drei anderen Ländern über die endgültigen Pakete befinde und die Diskussionen mit der Europäischen Union, den Aktionären und den Mitarbeitern anhalten, sagten die Personen. Die Lufthansa lehnte eine Stellungnahme ab. Eine Sprecherin des Bundesfinanzministeriums in Berlin wollte sich ebenfalls nicht äußern. Die Fluggesellschaft hat dem Bericht zufolge ein Interesse daran, die Hilfsmittel aus Deutschland zu verringern, da die Bedingungen der anderen Vereinbarungen weniger kostspielig seien. Die Diskussionen über den Höchstbetrag für eine Reduzierung dauern an, sagten die Personen.

          Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung dieses Textes war der Anteil, den Thiele an Knorr-Bremse verkauft hat, irrtümlich falsch angegeben. Es handelte sich um 5, nicht 17 Prozent. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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