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Tarifkonflikt : Was die streikbereiten Lufthansa-Piloten wollen

Annulliert, Cancelled: Diese Nachricht auf der Anzeigetafel des Frankfurter Flughafens bekommen Reisende derzeit öfter zu sehen, als ihnen lieb ist. Umsteigepassagiere am Drehkreuz sind damit gestrandet. Bild: Tom Wesse

Das Cockpitpersonal der Lufthansa stellt die Weichen für einen Ausstand. Vorerst setzen beide Seiten auf weitere Gespräche – aber das Risiko für Reisende steigt.

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          Mitten in der Urlaubshochsaison haben die Piloten der Deutschen Lufthansa für eine härtere Gangart gegenüber ihrem Arbeitgeber gestimmt und mit großer Mehrheit den Weg für einen möglichen Streik freigemacht. Wie die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) am Sonntagabend mitteilte, votierten 97,6 Prozent der Kapitäne und Ersten Offiziere der Kernmarke Lufthansa sowie 99,3 Prozent der Lufthansa-Cargo-Piloten für eine grundsätzliche Streikbereitschaft. 93,2 beziehungsweise 95,7 Prozent der stimmberechtigten Piloten hatten an der Urabstimmung teilgenommen. Damit wurde ein Quorum von 70 Prozent Zustimmung deutlich überschritten.

          Timo Kotowski
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Anders als die Gewerkschaft Verdi, die nach nur zwei Verhandlungsrunden das Lufthansa-Bodenpersonal zu einem ganztägigen Warnstreik aufgerufen hatte, wollen die Piloten, die schon sechs Verhandlungsrunden hinter sich haben, jedoch noch nicht direkt in den Ausstand treten. Die VC bezeichnete das Abstimmungsergebnis aber als „unüberhörbares Signal an die Lufthansa, die Bedürfnisse des Cockpitpersonals ernst zu nehmen“. Marcel Gröls, der Vorsitzende Tarifpolitik der Gewerkschaft, sagte: „Auch im Interesse unserer Passagiere bedarf es jetzt eines ernst zu nehmenden Lösungswillens seitens Lufthansa, um gemeinsam kreative Lösungsräume im Interesse des Unternehmens und seiner Mitarbeitenden zu schaffen.“ Der Konzern erklärte, man setze weiter auf eine konstruktive Lösung am Verhandlungstisch. Die nächsten Gesprächstermine stünden fest.

          Es geht auch um Eurowings

          Die Gehaltsforderung der VC klingt zunächst moderater als die von Verdi. Für das Bodenpersonal verlangt Verdi einen sofortigen Aufschlag um 9,5 Prozent, mindestens aber 350 Euro im Monat, was für untere Einkommensgruppen einer Erhöhung um 16 oder mehr Prozent gleichkäme. Die Piloten fordern zunächst 5,5 Prozent, wollen aber von 2023 an einen Erhöhungsmechanismus, der sich an der Inflation orientiert. Angesichts der angezogenen Teuerung hält Lufthansa dies für nicht tragbar.

          Der Konzern verweist auch darauf dass sich 60 Prozent der VC-Forderungen auf strukturelle Themen jenseits der Gehaltsaufschläge bezögen. Und während die VC rügt, Lufthansa habe bisher gar kein eigenes Angebot vorlegt, moniert der Konzern, dass die Gewerkschaft ihre übrigen Punkte nicht ausreichend konkretisiert habe. Die Gewerkschaft erklärte am Sonntag, ihr gehe es um eine „Angleichung der Vergütungssystematik im Personalkörper bei gleichzeitiger Steigerung der Attraktivität der unteren Lohnstufen“.

          Für Missstimmung hinter den Kulissen sorgt, dass die Lufthansa den Aufbau neuer Betriebseinheiten mit niedrigeren Vergütungsstrukturen vorantreibt. Für Ferienflüge ab Frankfurt ist die neue Eurowings Discover im Einsatz, die bislang in Wien angesiedelte Eurowings Europe soll ihren formalen Sitz nach Malta verlegen, unter dem Projektnamen „Cityline 2“ reift eine neue Einheit, die Zubringerflüge nach Frankfurt zu niedrigeren Kosten als die Kerneinheit Lufthansa erledigen soll. Die VC hatte in der Vergangenheit schon von „Tarifflucht“ gesprochen. Die VC bestreitet aber jeden Zusammenhang zwischen dem aktuellen Tarifstreit und den Konzernplänen. In der Vergangenheit hatte Lufthansa einen Pilotenstreik gerichtlich für rechtswidrig erklären lassen, weil die VC offen die damaligen Ausbaupläne für die günstigere Zweitmarke Eurowings beklagt hatte, Fragen zur Konzernstrategie aber nicht als legitimer Streikgrund galten.

          Lufthansa sieht sich unter Druck, einen weiteren Anstieg der Kapitänsgehälter, die für die dienstältesten Piloten mehr als 200.000 Euro im Jahr erreichen, zu bremsen. Um die internationale Wettbewerbsfähigkeit dauerhaft zu sichern, strebt der Konzern eine Umsatzrendite von 8 Prozent an. Am Mittwoch werden zunächst die Tarifgespräche für das Bodenpersonal fortgesetzt, Verdi hat bis zu diesem Termin Warnstreiks ausgeschlossen.

          Lufthansa möchte einen Ausstand wie in der vergangenen Woche, der den Betrieb nahezu lahmlegte, dauerhaft vermeiden. In Konzernkreisen gilt es mittlerweile als möglich, dass Lufthansa die Klausel aufgibt, einen Teil der angebotenen Aufschläge für das Bodenpersonal davon abhängig zu machen, dass der Konzern profitabel fliegt. Für 2023 strebt Lufthansa das ohnehin an.

          Anzeichen für Ende der Urlaubs-Hochkonjunktur

          Vor allem ans Mittelmeer – das gilt in diesem Reisesommer mehr denn je. Deutschland ist im Urlaub, mit dem Ferienauftakt in Bayern und Baden-Württemberg haben nun bundesweit die schulfreien Tage begonnen. Und das Buchungsvolumen, das bei Reiseveranstaltern wie TUI, DER Touristik und FTI für Sommertage in Spanien, Griechenland oder der Türkei eingegangen ist, liegt 7 Prozent über den Werten des Vor-Corona-Jahres 2019. „Zusammen mit den nachfragestarken Fernreisezielen Dominikanische Re­publik, Malediven und Mauritius fällt das Wachstum weniger Mittelmeerziele groß genug aus, um die teilweise noch hoch zweistelligen Rückgänge anderer Reiseländer nahezu aufzufangen“, teilt der Tourismus-Marktforscher TDA mit. Insgesamt lägen die bis Ende Juni gesicherten Sommer-Buchungsumsätze mit Reisenden aus Deutschland nur noch 7 Prozent unter dem Niveau von 2019.

          Doch schon jetzt zeigt sich, dass für den kommenden Winter die Erholung deutlich weniger furios ausfällt. Während für den Sommer der Rückstand auf die frühere Normalität von Monat zu Monat „zunehmend weiter abgeschmolzen“ sei, gilt das für das Winterhalbjahr nicht. Das Buchungsvolumen für Reisen ab November verharrt laut TDA seit Monaten etwa ein Drittel unter den Werten von 2019. Befund eindeutig. Von DER Touristik, hinter TUI die Nummer zwei auf dem deutschen Markt, hieß es zuletzt dennoch, man erwarte, „dass die große Reiselust der Deutschen den Sommer überdauern wird“. FTI, die Nummer drei, erklärte: „Wir gehen fest davon aus, dass 2022/23 wieder eine volle Wintersaison stattfinden wird.“

          Bisher hatten der Krieg in der Ukraine und die stark angezogene Inflation dem Sommergeschäft nicht geschadet. „Allerdings flacht die Buchungskurve im Verlauf des Junis ab“, deutet TDA ein Auslaufen der Hochkonjunktur an. In der vorletzten Woche – Mitte Juli – fiel der Wert der wöchentlichen Neubuchungen erstmals seit Mitte Februar unter den Vergleichswert von 2019. Ob Berichte über Flugausfälle, Gepäckprobleme und Streikrisiken, steigende Last-Minute-Preise oder doch finanzielle Sorgen Gründe sind, bleibt zunächst offen. Noch prägt die Branchenstimmung, dass Millionen Bürger wegen Corona aufgeschobene Reisen nachholen. TUI klingt für den deutschen Markt beinahe vorsichtig mit der Pro­gnose, „dass wir in diesem Jahr ein Sommergeschäft sehen, das an 2019 herankommt“. FTI-Chef Ralph Schiller jubelte gar über seine Buchungseingänge, es habe „nie stärkere Monate Februar bis Juni gegeben“. Doch dafür gibt es einen weiteren Grund: 2019 hatten die Unternehmen noch den untergegangenen Thomas-Cook-Konzern als Wettbewerber. (tko.)

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