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F.A.Z. exklusiv : Lufthansa-Großaktionär Thiele stimmt für die Rettung

Lufthansa-Großaktionär Heinz Hermann Thiele Bild: F.A.Z.

Die Zitterpartie ist zu Ende: Kurz vor der Abstimmung über den Staatseinstieg bei der Lufthansa kündigt der wichtigste Anteilseigner der Fluglinie seine Zustimmung an. Und Großaktionär Heinz Hermann Thiele sagt auch, wie es nun weitergeht.

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          Die Deutsche Lufthansa kann rund 23 Jahre nach der Privatisierung wieder teilverstaatlicht werden, um die schlimmsten Folgen der Corona-Pandemie abzufangen und eine Insolvenz zu verhindern. Wenn an diesem Donnerstag auf der außerordentlichen Hauptversammlung über ein staatliches Hilfspaket von bis zu rund 9 Milliarden Euro abgestimmt wird, das neben Kredit und einer stillen Beteiligung auch einen direkten Einstieg des Bundes mit rund 20 Prozent des Kapitals vorsieht, dürfte die Vorlage eine breite Zustimmung finden.

          Sven Astheimer
          (svs.), Wirtschaft
          Timo Kotowski
          (tko.), Wirtschaft

          Denn nun ist klar, dass der entscheidende Großaktionär Heinz Hermann Thiele mit seinen Stimmen die nötige Zweidrittelmehrheit nicht verhindern wird. „Ich werde für die Beschlussvorlage stimmen“, sagte Thiele der F.A.Z.

          Der 79 Jahre alte Unternehmer, der unter anderem auch Mehrheitseigner der Konzerne Knorr-Bremse und Vossloh ist, hält nach seiner jüngsten Aufstockung 15,5 Prozent an der Lufthansa. Damit war klar, dass gegen ihn der Staatseinstieg nicht möglich gewesen wäre. Denn zur Teilnahme an der Online-Hauptversammlung haben Anleger nur 38 Prozent der Stimmen angemeldet, von denen mehr als ein Drittel auf Thiele entfallen. „Es liegt im Interesse aller Lufthansa-Mitarbeiter, dass das Management zügige Verhandlungen mit den Gewerkschaften über die nötige Restrukturierung führen kann“, sagte Thiele weiter.

          Treffen mit Scholz und Altmaier

          Die Lufthansa steht vor tiefen Einschnitten. Der Konzern mit 138.000 Beschäftigten hat nach eigenen Angaben rechnerisch 22.000 Stellen zu viel. Während des weitgehenden Stillstands machte die Lufthansa eine Million Euro Verlust je Stunde, rund 800 Millionen Euro im Monat. Der Vorstandsvorsitzende Carsten Spohr plant für das Jahr 2023 mit einer um 100 Flugzeuge verkleinerten Flotte.

          Dass der mit Berlin ausgehandelte Kompromiss überhaupt wieder auf der Kippe stand, geht auf Äußerungen Thieles in einem Gespräch mit der F.A.Z. vor rund einer Woche zurück. Darin zeigte er sich gleich mit mehreren Punkten unzufrieden: Er fürchtete, dass die Politik die nötige Sanierung des Konzerns ausbremsen könne, wenn es etwa um den Abbau von Arbeitsplätzen gehe, die aufgrund des geringeren Flugaufkommens nicht mehr gebraucht würden.

          Thiele war der Einschätzung, man hätte „besser verhandeln“ können und forderte Nachverhandlungen. Obwohl es Anfang dieser Woche zu einem Treffen von Thiele und Spohr mit Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) und Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) kam, gab es in der Sache wenig Bewegung.

          „Es gibt nach wie vor unterschiedliche Positionen mit den Regierungsvertretern“, sagte Thiele nun. Seine Zweifel seien nicht beseitigt. Letztlich habe er jedoch nicht für eine Insolvenz stimmen können. Es sei klar, dass er als Ankeraktionär mit seiner Investition künftig im Risiko stehe, so Thiele weiter, der Schätzungen zufolge zu den vermögendsten Deutschen gehört. „Deshalb werde ich auch in Zukunft Einfluss nehmen auf die Entwicklung der Lufthansa.“ In welcher Form er dies genau zu tun gedenkt, dazu wollte er sich nicht äußern.

          „Staatsrettung ist besser als Insolvenz“

          Nach Thieles Zustimmung scheint die Annahme der Vorlage mit einer Zweidrittelmehrheit während der Versammlung nur noch Formsache. Weitere institutionelle Investoren haben schon Zustimmung signalisiert, ohne dass jedoch großer Jubel für das Konstrukt entstand. Vanessa Golz von der Fondsgesellschaft Deka sagte: „Uns Aktionären bleibt nichts anders übrig, als der Kapitalerhöhung für den Einstieg des Staates zähneknirschend zuzustimmen. Ansonsten wäre der Kranich kein Vogel mehr.“ Patrick Schuchter von Union Investment sagte: „Staatsrettung ist besser als Insolvenz.“

          Auf Kritik stößt bei ihm wie bei Thiele, dass der Staat nur 2,56 Euro je Aktie, insgesamt also rund 300 Millionen Euro, zahlen will. Obwohl es um einen kleinen Betrag gehe, werde die Wettbewerbsfähigkeit des Konzerns eingeschränkt. Statt als Aktionär das Eigenkapital zu stärken, hätte der Staat auf Emissionsreduktion dringen sollen, weil sie „gesellschaftlich einen höheren Nutzen gebracht und für die Lufthansa nicht zum Verlust von Start- und Landerechten geführt hätte“.

          Der Flughafenverband ADV machte aus seiner Sicht die Bedeutung des Pakets klar: „Die Lufthansa ist für die deutsche Luftfahrt und ihre Konnektivität ungeheuer wichtig“, sagte Hauptgeschäftsführer Ralph Beisel. „Fiele die Lufthansa aus oder würde stark geschwächt, wäre die Folge ein ausgedünntes Netz.“

          Außer der nun absehbaren Zustimmung der Aktionäre zum Rettungspaket steht noch eine Einigung mit der Gewerkschaft Verdi, der Unabhängigen Flugbegleiterorganisation (Ufo) und der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) aus. Ursprünglich sollte sie schon vor der Hauptversammlung stehen.

          Doch die Verhandlungen über Einsparungen, Arbeitszeitverkürzungen und mögliche Abfindungsregelungen zogen sich länger hin. Für das Bodenpersonal hatte die Gewerkschaft Verdi angekündigt, erst nach dem Aktionärstreffen am Freitag weiter verhandeln zu wollen.

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