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„Hüpfer“ nach Berlin : Lufthansa schickt den Jumbo auf Inlandsflüge

In die weite Welt hinaus? Nichts da - die Lufthansa lässt Jumbos nach Berlin fliegen. Bild: Helmut Fricke

Fernflugzeuge sollen Reisende von Frankfurt nach Berlin bringen, die nicht mehr Air Berlin buchen. Auch anderswo springt Lufthansa schon für den Rivalen ein. Das ruft Gewerkschaften auf den Plan.

          Mit ihrem charakteristischen Buckel fliegt die Boeing 747 seit vielen Jahren in die weite Welt. Auf der Kurzstrecke zwischen Frankfurt und Berlin wirkt sie dagegen wie ein Fremdkörper. Doch Jumbo-Flüge zwischen Deutschlands größten Flughafen und der Hauptstadt sind eine weitere Blüte, die der Niedergang der insolventen Fluggesellschaft Air Berlin treibt. Ab 1. November schickt die Deutsche Lufthansa doppelgeschossige Großjets auf den eine Stunde dauernden Flug, den der Konzern selbst als „Hüpfer“ für den Riesenflieger bezeichnet – vorerst rund 60 Mal im Monat.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Während die Branche darüber diskutiert, ob Flugzeuge mit vier Triebwerken wie der Jumbo ineffizienter und zweistrahligen Jets unterlegen sind, spricht Lufthansa von einer „außerordentlich hohen Nachfrage“ nach Plätzen zwischen Frankfurt und Berlin, der mit den auf der Route üblichen Airbus-320-Fliegern nicht beizukommen sei. Der Großeinsatz der Lufthansa in Berlin heizt aber auch Spekulationen an, dass die Air-Berlin-Ära viel eher enden könnte, als Skeptiker befürchten. Die insolvente Gesellschaft tritt dem entschieden entgegen. Am gestrigen Freitag endeten zwar die Flüge zwischen Hamburg und München, am 15. Oktober ist auf Amerika-Strecken Schluss, darüber hinaus gebe es nichts zu vermelden.

          Die Lufthansa rechnet sich offenbar dennoch beste Chancen aus, die 304 Economy-Sitze und 67 Business-Class-Plätze in den Jumbos gefüllt zu bekommen, weil nach Ausfällen und Verspätungen bei Air Berlin immer mehr Reisende die Gesellschaft meiden. Zahlreiche Unternehmen haben nach der Insolvenz für ihre Geschäftsreisenden Air-Berlin-Buchungen ausgeschlossen – aus Sorge, dass im Ernstfall gezahlte Ticketpreise verloren sind. Lufthansa ist die zwangsläufige Alternative zwischen Frankfurt und Berlin, der Geschäftsreiseverband VDR klagt schon vor der Verteilung der Air-Berlin-Reste über steigende Ticketpreise.

          Noch bis voraussichtlich zum 12. Oktober verhandelt die Lufthansa über die Übernahme des größten Teils von Air Berlin mit rund 80 Flugzeugen. Doch schon jetzt erweist sie sich mehrfach als Lückenfüller, wenn Flüge vor der Zerlegung wegfallen. Air Berlin hat Karibik-Flüge ab Düsseldorf gestrichen, neben der Gesellschaft Condor legt die Lufthansa-Billigmarke Eurowings neue Verbindungen auf. Auf den Weg von Berlin nach New York macht sich im November vorerst die im Betrieb teurere Muttermarke Lufthansa, weil Eurowings dafür erst im nächsten Sommer genügend Flugzeuge hat. Die Lücke sollte in der Zwischenzeit niemand anderem überlassen werden. Denn der zweite favorisierte Bieter für Air-Berlin-Segmente, der britische Billigflieger Easyjet, dient sich nach der Gesellschaft Norwegian weiteren Langstreckenfluganbietern als Zubringer an, die auch Berlin in den Blick nehmen könnten.

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          Um genügend Flugzeuge für die zusätzlichen Strecken zu haben – unabhängig davon, wie der Air-Berlin-Poker im Detail endet –, hat der Lufthansa-Aufsichtsrat bis zu einer Milliarde Euro freigegeben, damit der Konzern selbst bisherige Jets der Berliner kaufen oder mieten kann. So viel Engagement für das Füllen von Lücken im Streckennetz ruft Arbeitnehmervertreter auf den Plan. Lufthansa will zwar bis zu 3.000 zusätzliche Mitarbeiter anstellen, die müssen sich aber formal neu bewerben für Stellen, auf denen sie weniger als bislang verdienen sollen. „Mit der Übernahme von Flugzeugen, Slots und Streckenrechten geht auch soziale Verantwortung für die Beschäftigten der Air Berlin einher“, argumentiert die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) dagegen. Die Gewerkschaft Verdi wollte am Freitag mit Air Berlin Gespräche über Vereinbarungen für die Übernahme von Beschäftigten durch Käufer aufnehmen. Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann hatte zu Wochenbeginn gesagt, er sehe Chancen für bis zu 80 Prozent der Mitarbeiter. „Das muss nun vertraglich festgemacht werden. Deswegen fordern wir Air Berlin und die Käufer auf, ein echtes Rettungsprogramm zu vereinbaren“, sagte Verdi-Vorstandsmitglied Christine Behle.

          Nach Angaben von Eurowings wurden am Freitag die ersten bisherigen Air-Berlin-Piloten eingestellt. Sie erhalten Verträge der Tochtergesellschaft Eurowings Europe in Wien. Die Gehaltstarife liegen dort nach Gewerkschaftsangaben 10 bis 20 Prozent unter denen der deutschen Eurowings-Gesellschaft. Es werde nun deutlich, dass der Lufthansa-Konzern die Leute nur „maximal billig“ anstellen wolle, kritisierte ein VC-Sprecher. Laut Eurowings werden die neuen Piloten in Deutschland stationiert und sollen zu deutschen Eurowings-Konditionen bezahlt werden. Eine alte Vereinbarung mit der VC verhindert eine direkte Anstellung bei der deutschen Tochtergesellschaft. Mit einer Wachstumsgrenze sollte einst eine Expansion auf Kosten der Piloten bei der Muttermarke Lufthansa verhindert werden. Den außergewöhnlichen Jumbo-Einsatz verhindert dies hingegen nicht.

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