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Lufthansa-Einigung : „Wir sind an Lösungen interessiert“

Gelöste Stimmung vor Gericht: Lufthansa-Anwalt Ubber (links), Richterin Kohlschitter und Cockpit-Präsident Streicher Bild: dpa

Selten hat der Ausgang eines arbeitsgerichtlichen Verfahrens so sehr für Verblüffung gesorgt wie im Fall der streikenden Lufthansapiloten gegen ihren Konzern. Nach rund zwei Stunden einigten sich die Streithähne auf einen Vergleich - und niemand weiß, warum. Eine Spurensuche.

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          Die mündliche Verhandlung vor dem Arbeitsgericht Frankfurt dauert noch keine halbe Stunde als Silke Kohlschitter zum ersten Mal das Wort „Einigung“ in den Mund nimmt. Als Arbeitsrichterin sei sie nun einmal von Gesetzes wegen angehalten „auf einen Vergleich hinzuwirken“, leitet sie vorsichtig ein – und schiebt dann etwas verlegen lächelnd nach: „Wir sind natürlich nicht so vermessen, darauf zu hoffen, hier eine Einigung im Tarifkonflikt zu erzielen.“ Der Gedanke scheint geradezu absurd, selbst ein Vergleich über die Fortsetzung des Arbeitskampfes der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) liegt zu diesem Zeitpunkt noch in weiter Ferne.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Es ist kurz vor sechs Uhr abends, im kleinen Saal C 2.10 drängeln sich Rechtsanwälte, Piloten, Flugbegleiter und Journalisten, es ist heiß, stickig und eng. Seit 18 Stunden legen die Piloten bereits den Flugverkehr in Deutschland lahm. Das will die Lufthansa nicht auf sich sitzen lassen. Sie wittert unzulässige Streikziele und beantragt ein Eilverfahren. Vor Gericht geht es vordergründig um die ergebnisabhängige Vergütung der Piloten, tatsächlich wollen die Flugzeugführer jedoch am Wachstum ihres Konzerns im Ausland teilhaben. Die Gewerkschaft fordert Ausgleichzahlungen von bis zu 3 Millionen Euro für jedes Flugzeug, das die Lufthansa bei ihrer Tochtergesellschaft Lufthansa Italia von Piloten ohne Tarifbindung fliegen lässt. „Das ist in Wahrheit eine Strafzahlung“, beklagt Rechtsanwalt Thomas Ubber für die Lufthansa. „Das gehört zum Entgelt“, kontert Rechtsanwalt David Schäfer für VC. Schließlich soll das Geld direkt in den Vergütungstopf der Piloten fließen.

          Schon nach kurzer Zeit bewegt sich die Diskussion im Kreis, als Richterin Kohlschitter nach dem Strohhalm greift: „Wenn es tatsächlich nur um Entgelt geht, könnten die Parteien dann nicht an den Verhandlungstisch zurückkehren und genau darüber reden?“ Die Reaktion verblüfft auch sie: „Ich bin völlig irritiert, habe ich eben auf beiden Seiten Kopfnicken gesehen?“ Zu diesem Zeitpunkt hat sie ihre Folterinstrumente noch gar nicht herausgeholt, kein Hinweis auf das verfassungsrechtlich verbriefte Streikrecht der Gewerkschaften, kein Hinweis auf die unternehmerische Freiheit, die genau dieses Streikrecht wieder einschränkt. Doch keine Entscheidung ohne Rücksprache, eine halbe Stunde mit internen Absprachen vergeht bis Rechtsanwalt Schäfer zugibt: „Wir können uns da annähern.“

          „So kann man sich täuschen“

          Doch Ubber pocht auf eine Klarstellung: VC müsse zusichern, dass sich die Forderungen auf das deutsche Tarifgebiet beschränken. Es regt sich Protest auf der Pilotenbank, der Vergleich droht zu kippen: „Da sind ganz erhebliche Vorbedingungen“, schimpft die VC-Seite. Ubber, Partner der internationalen Wirtschaftskanzlei Lovells, lässt das kalt. Er kennt diese Eilverhandlungen schon zur genüge. Vor mehr als zwei Jahren reiste er für die Deutsche Bahn bereits quer durch die Republik, um die renitente Lokführergewerkschaft GDL am Arbeitskampf zu hindern.

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