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Lufthansa-Aufsichtsratschef Jürgen Weber : „Wir brauchen an der Spitze mehr Bescheidenheit“

  • Aktualisiert am

Bei fünf Millionen Euro Gehalt sollte Schluss sein, findet Lufthansa-Chefkontrolleur Jürgen Weber Bild: dpa

Der frühere Lufthansa-Chef Jürgen Weber führt heute den Aufsichtsrat des Luftfahrtkonzerns und ist bestens vernetzt mit der Managerklasse. Im Gespräch mit der F.A.Z. plädiert er für mehr Bescheidenheit in den Top-Etagen - und für eine Gehaltsobergrenze von rund fünf Millionen Euro selbst für Spitzenleute.

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          Der frühere Lufthansa-Chef Jürgen Weber führt heute den Aufsichtsrat des Luftfahrtkonzerns - und sitzt zudem in den Kontrollgremien von Allianz Leben und Bayer. Er ist also noch bestens vernetzt mit der Managerklasse. Im Gespräch mit der F.A.Z. appelliert er für ein neues Denken in den Top-Etagen. Und für mehr Bescheidenheit. Auch Spitzenleute sollten nicht viel mehr als rund 5 Millionen Euro verdienen, findet er.

          Herr Weber, die deutschen Manager stehen am Pranger. Haben Gier und Fehlentscheidungen Einzelner das Bild des angestellten Managers beschädigt?

          Wenn es so wäre, dürfte es so nicht sein. Deutschland hat tolle Manager, die Masse von ihnen ist bescheiden und zufrieden – gerade die Tausende in den mittelständischen Betrieben. Wir schauen aber nur auf ein paar Ausreißer.

          Nun sind die Gehälter und Boni von Spitzenmanagern im Zuge der Amerikanisierung kräftig gestiegen . . .

          Es hat in den letzten Jahren sicher Einzelfälle gegeben, die den Hals nicht voll bekommen haben, denen unverantwortliche Boni und Gehälter bezahlt wurden. Wer da nicht mitmachte, wurde schon scheel angesehen. Ich habe Lufthansa als Vorstandschef über Jahre erfolgreich geführt, lag, am Gehalt gemessen, aber in der Tabelle der 30 Dax-Unternehmen am unteren Ende. Das haben viele auf derselben Ebene nie verstanden.

          Also sind viele der heutigen Vorstandsmitglieder zu gierig?

          Ja, es ist eine gewisse Maßlosigkeit unter den Managern eingezogen. Man kann den Eindruck gewinnen, dass manche Aktienrückkaufprogramme nur entwickelt wurden, um die Kurse zu treiben und damit die Boni höher ausfallen zu lassen. Die Maßlosigkeit beginnt in der Regel in den oberen Etagen. Wir brauchen mehr Bescheidenheit.

          Predigen Sie das in den Aufsichtsräten, in denen Sie sitzen?

          Ja. Amerika kann in Hinblick auf die Gehälter nicht mehr der Maßstab für unsere Manager sein.

          Gibt es denn eine Faustregel, die Sie akzeptabel finden?

          Für mich gibt es eine Grenze, jenseits der die Gehaltsforderungen von Vorständen beginnen, unanständig zu werden: Auch ein Spitzenmann sollte niemals mehr als das Hundertfache des Durchschnittsgehalts der Mitarbeiter bekommen. Liegt der Durchschnitt etwa bei 50.000 Euro im Jahr, sollte bei rund 5 Millionen Euro auch für Topleute Schluss sein.

          Können Sie solche Vorstöße in den Aufsichtsräten durchsetzen?

          Ich spüre zumindest, dass auch durch die Krise langsam der Realitätssinn zurückkehrt.

          Wird der von einer neuen Generation von Managern getragen?

          Nein, nicht nur. Gerade unter denen, die auf dem Sprung nach oben sind, sind manche, die den Hals nicht voll bekommen. Und viele Unternehmen leiden unter mangelnder Loyalität ihrer Spitzenkräfte. Bietet die Konkurrenz mehr, sind sie sofort weg.

          Zu schwinden scheint der Realitätssinn bei manchen in Fragen der Staatshilfe. Jetzt darf auch ihr Lieferant, der Hersteller Airbus, auf diese Sicherheit bauen . . .

          Wenn ich all diese Rufe höre, wird mir angst und bange. Mein Lebensziel war es, die Lufthansa zu einem privatwirtschaftlichen Unternehmen zu wandeln. Die Abhängigkeit vom Staat bringt eine ganz andere Denke mit sich. Wenn Firmen schlecht gewirtschaftet haben, finde ich es ungeheuerlich, nach Staatshilfe zu rufen. Wer eine Modellpolitik verschläft, wer mit Gewerkschaften keine vernünftigen Kompromisse aushandelt, der braucht sich doch hinterher nicht zu wundern. Für Staatshilfe muss schon ein außerordentlich großes öffentliches Interesse aller daran bestehen, ein Unternehmen zu retten.

          Geht das gegen die Banken?

          Jeder, der betroffen ist, weiß, wen ich meine.

          Vielen Lufthansa-Kunden im Management werden derzeit ihre Privilegien gestrichen. Dazu zählen Flüge in der ersten oder in der Business-Klasse. Das bekommt Ihre Branche zu spüren. Wie schlimm wird es werden?

          Unser Branchenverband Iata sagt ein Minus von 3 Prozent für den Luftverkehr weltweit in diesem Jahr voraus. Das ist mehr als der Einbruch, den wir in der Krise 2001 durchlitten haben. Sogar ein Minus von 5 Prozent halte ich für nicht ausgeschlossen. Das aber wäre ein Horrorszenario.

          Im Dezember sank Ihr Passagieraufkommen um fast 2 Prozent, die Fracht um gut 20 Prozent. Wie weit spürt Lufthansa die Krise?

          Durchgeschlagen hat die Krise schon bei unseren Großkunden. Der private Konsum wird folgen. Da wird der Flug in den Urlaub gestrichen. Eine Prognose aber geben wir derzeit nicht ab. Wir passen uns täglich neu der Lage an. Und wir versuchen wirklich, jedes Geschäft mitzunehmen, das möglich ist.

          Das heißt, Lufthansa senkt die Preise?

          Nein, das werden wir nicht tun. Nur, um die Flugzeuge zu füllen, mit einem Durchschnittsertrag zu operieren, der die Kosten nicht deckt, macht keinen Sinn. Aber wir bleiben beispielsweise auf Strecken, von denen sich andere gerade zurückziehen. Gleichzeitig investiert Lufthansa weiter in Übernahmen.

          Wie viele der drei geplanten Käufe von Brussels Airlines, der britischen BMI und Austrian Airlines werden denn letztlich genehmigt werden?

          Ich denke, alle. Ich halte es aber für nicht gut, dass die Behörden in Brüssel in dem Moment riesige Kartelluntersuchungen anstrengen, in dem die europäische Luftfahrt endlich zusammenfindet und so arabischen und amerikanischen Konkurrenten die Stirn bietet. Die Europäer stehen in der Luftfahrt im globalen Wettbewerb.

          Heißt Ihr nächstes Übernahmeziel SAS?

          So würde ich es nicht formulieren. Richtig ist, dass wir uns zuerst mal auf Europa konzentrieren. Dann müssen wir die jetzigen Übernahmen abarbeiten. Und wenn die Konditionen stimmen, wird auch SAS für uns interessant.

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