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Luftfahrt : Ringen um die Verwertung von Japan Airlines

Japan Airlines: Wie geht es jetzt weiter? Bild: AP

Durch die Pleite von Japan Airlines werden die Karten in der Luftfahrtbranche neu gemischt. Während Delta und American Airlines seit Monaten eine Teilübernahme anstreben, findet sich der Konkurrent ANA mittlerweile im Vorteil. Von der Schlüsselposition der ANA würde indirekt auch die Lufthansa profitieren.

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          Durch die Pleite von Japan Airlines (JAL) werden die Karten in der internationalen Luftfahrtbranche neu gemischt. Während die amerikanischen Gesellschaften Delta und American Airlines seit Monaten eine Übernahme lukrativer Geschäftsteile der Japaner anstreben und bereit sind, sich dieses Geschäft Hunderte von Millionen Dollar kosten zu lassen, findet sich der heimische Konkurrent All Nippon Airways (ANA) im Poker um die verwertbaren Reste des Konkurrenten mittlerweile in der Vorhand.

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Von der Schlüsselposition der ANA würde indirekt auch die Deutsche Lufthansa profitieren: Beide Gesellschaften sind durch die globale Service-Allianz „Star Alliance“ eng miteinander verbunden. Reicht die japanische Regierung das Gros des internationalen Streckennetzes von JAL tatsächlich dem nationalen Konkurrenten weiter, wäre die Lufthansa als langjähriger „Codesharing“-Partner von ANA der wichtigste Nutznießer.

          Angesichts solcher Perspektiven sind die Bündnispartner von JAL bemüht, die Filetstücke der vom Konkurs bedrohten Gesellschaft unter Kontrolle zu behalten. Das 1951 gegründete Traditionsunternehmen Nippons ist seit Jahren Mitglied der „One World“-Allianz, die von American Airlines und British Airways angeführt wird. Neben American Airlines ringt allerdings auch der amerikanische Rivale Delta um die Gunst von JAL, der wiederum mit Air France-KLM die Service-Allianz „Skyteam“ anführt. Beide „Retter aus Übersee“ sind seit Monaten bereit, frisches Kapital einzuschießen sowie sich als Minderheitsaktionäre zu beteiligen.

          Doch der Einstieg eines ausländischen Partners gilt in Tokio nur als zweitbeste Option. Stattdessen wird in politischen Zirkeln eine „nationale Lösung“ bei der Sanierung von JAL favorisiert. Zwar zeigte ANA-Präsident Shinchiro Ito am Dienstag noch wenig Interesse an einer Übernahme der internationalen Flugrouten des Konkurrenten. Doch Kenner der Branche weisen bereits auf die strategischen Vorteile eines nationalen Verbundes hin: Ebenso wie bei JAL bestehe auch der Großteil der ANA-Flotte aus Flugzeugen des amerikanischen Herstellers Boeing. Japanische Konzerne wie Mitsubishi Heavy Industries gehören überdies zu den wichtigsten Partnern und Zulieferern des Anbieters aus Seattle.

          Auch japanische Politiker weisen öffentlich auf Gemeinsamkeiten zwischen JAL und ANA hin. Einige von ihnen erhöhen hinter den Kulissen den Druck auf ANA, Geschäftsteile von JAL zu übernehmen und so einen international schlagkräftigen Anbieter zu formen. Verkehrsminister Seji Maehara sagte am Dienstag: „Wir müssen uns angesichts des starken internationalen Wettbewerbs ernsthaft überlegen, ob Japan wirklich zwei große Fluggesellschaften braucht.“ Der Weisung aus der Politik will sich ANA-Präsident Ito nur bedingt fügen: „Wir treffen unsere Entscheidungen selbst“, sagte er. Doch sein Konzern sicherte den nationalen Behörden zumindest „umfassende Hilfe“ bei der Sanierung von JAL zu.

          Trotz der vermeintlichen Favoritenrolle von ANA lässt die amerikanische Konkurrenz in ihrem Bemühen um JAL nicht locker. Kurz nach der Eröffnung des Insolvenzverfahrens kündigte auch Delta Airlines seine Unterstützung an und stellte dabei klar, dass ein Wechsel der japanischen Gesellschaft von der „One World“-Allianz in das von Delta und Air France-KLM geführte „Skyteam“ ein strategisch wichtiger Schritt und mit hohen Kostenvorteilen für die beteiligten Partner verbunden sei.

          Offenbar wittert Bieter Delta Airlines, der erst Mitte des vergangenen Jahrzehnts selbst durch ein Insolvenzverfahren saniert werden musste, die Gunst der Stunde, um den „One World“-Verbund mit einem Coup bei JAL zu schwächen. Der Wechsel einer Allianz ist mit hohen Kosten verbunden. Delta stellte daher früh in Aussicht, nicht nur 500 Millionen Dollar an Kapital einzuschießen, sondern auch die Wechselkosten von rund 300 Millionen Dollar zu übernehmen.

          Hat Delta mit seinem forschen Werben in Tokio Erfolg, wäre das ein bitterer Rückschlag für die „One World“-Allianz. Durch den Wegfall von JAL fehlt Mitgliedern wie American Airlines und British Airways künftig die nötige Anbindung an lukrative Flugrouten nach Asien, vor allem nach China. Strategisch derart geschwächt, dürfte es den Mitgliedern von „Star Alliance“ und „Skyteam“ wohl dann immer leichter fallen, weitere „Restposten“ aus dem zerfallenden Verbund abzuwerben und so ihre eigene Positionen im weltweiten Luftfahrtmarkt zielstrebig auszubauen.

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