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Luftfahrt : Alitalia kurz vor der endgültigen Landung am Boden

Ab Samstag bleiben die Alitalia-Flieger womöglich am Boden Bild: AFP

Die Gefahr ist groß, dass die Flugzeuge von Alitalia schon ab Samstag am Boden bleiben: Der Vergleichsverwalter hat offenbar mit den Prozeduren für den endgültigen Konkurs begonnen. Dazu würden nun Arbeitsverträge gekündigt und Personal entlassen, hieß es am Freitag.

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          Der Vergleichsverwalter der staatlich kontrollierten Fluggesellschaft hat nun nach Agenturberichten mit den Prozeduren für den endgültigen Konkurs begonnen. Dazu würden nun die Arbeitsverträge gekündigt und das Personal freigestellt, wurde berichtet. Damit besteht die Gefahr, dass die Flugzeuge von Alitalia schon von Samstag an am Boden bleiben.

          Tobias Piller
          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Auslöser der dramatischen Situation ist das Patt bei den Verhandlungen über einen künftigen Arbeitsvertrag. Die privaten Investoren, die von der italienischen Regierung zur Übernahme von Alitalia motiviert worden waren, verlangen von den bisherigen Mitarbeitern neue Arbeitsverträge mit weniger Privilegien, längeren Arbeitszeiten und reduzierten Gehältern. Doch der größte Teil der neun bei Alitalia vertretenen Gewerkschaften stemmt sich gegen Änderungen an den bisherigen Konditionen. Die Piloten, organisiert in zwei großen Gewerkschaften, wenden sich auch gegen die Idee von einem einheitlichen Tarifpaket und einheitlichen Tarifverhandlungen für alle Berufsgruppen. Sie verlangen auch für die Zukunft einen eigenen Tarifvertrag und gesonderte Verhandlungen.

          Die Regierung, die bei den Gesprächen die Rolle des Gastgebers und Mittlers spielt, ist den Gewerkschaften schließlich so weit entgegengekommen, für die verschiedenen Berufsgruppen getrennte Gespräche zu führen. Doch auch nach Gesprächen in der Nacht von Donnerstag auf Freitag hatten sich die Fronten nicht gelockert. Zwar wurde bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch nicht das endgültige Scheitern der Gespräche erklärt. Der italienische Arbeitsminister Maurizio Sacconi sagte jedoch, die Situation sei dabei, sich ins Negative zu wenden. Alitalia sei dabei, in Richtung Konkurs zu schlittern.

          Die Vertreter der 16 Investoren um den früheren Telecom-Hauptaktionär Roberto Colannino haben sich offiziell von den Gesprächen zurückgezogen, ihr Angebot von Investitionen und neuen Arbeitsverträgen jedoch aufrechterhalten. Gegenüber den Wünschen der Gewerkschaften nach höheren Gehältern und einem Verzicht auf Entlassungen wollen sie jedoch nicht nachgeben. Am Freitag- vormittag wurde von den privaten Investoren zudem die Bilanzprüfung bei Alitalia unterbrochen. Die Gewerkschaften seien nicht darüber im Bilde, wie schlimm die Lage sei, Einschnitte seien unverzichtbar, wenn Alitalia künftig wieder flügge werden sollte. Der Sanierungsplan der privaten Investoren sieht für das Jahr 2009 ohnehin noch Anlaufverluste vor, auch wenn die neuen Arbeitsbedingungen akzeptiert würden.

          Doch vor allem die Piloten rechnen sich aus, dass es für sie vorteilhafter sein könnte, wenn Alitalia in Konkurs geht, danach ausländische Fluggesellschaften ihr Streckennetz nach Italien ausdehnen und die ehemaligen Alitalia-Piloten zu besseren Konditionen einstellen müssen. Falls wiederum die Konditionen für die Piloten aufgebessert würden, wäre das ein Signal für die anderen sieben Gewerkschaften, ebenfalls Nachbesserungen zu verlangen. Obwohl die Beschäftigungschancen für Bodenpersonal und Flugbegleiter nach einem Alitalia-Konkurs sehr viel schlechter sind als diejenigen der Piloten, haben sich auch Gewerkschaftsvertreter dieser beiden Berufsgruppen gegen die neuen Arbeitsverträge und den Konkurs ausgesprochen. Dahinter steckt der Anspruch, dass die italienischen Politiker auch im Falle eines Konkurses für eine Sonderbehandlung ehemaliger Alitalia-Mitarbeiter sorgen müssten. Schließlich erpressten die Gewerkschaften in der Vergangenheit immer wieder von Politikern besondere Konditionen für Alitalia und deren Beschäftigte, vor allem in der Hauptstadt Rom, wo die meisten der insgesamt 20 000 Mitarbeiter der Fluggesellschaft und der abgespalteten Servicegesellschaft ihren Wohnsitz haben.

          Bereits am Freitag bereiteten sich Politiker und Gewerkschafter auf die öffentliche Diskussion über die Schuld vor, die nach einem Scheitern der Sanierung unvermeidlich wird. Bis vor wenigen Wochen hatte niemand daran geglaubt, dass Ministerpräsident Silvio Berlusconi überhaupt, wie im Wahlkampf versprochen, private Investoren finden würde. Nun wird ihm vorgehalten, sein Plan sei von vorneherein falsch gewesen. In den Augen der Italiener, die wenig Sympathie für die Privilegien der Alitalia-Mitarbeiter empfinden, bleibt die Schuld vor allem an den Gewerkschaften hängen.

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