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Selfridges : Verkauf einer Kaufhaus-Ikone

Das Selfridges-Kaufhaus in der Oxford Street Bild: dpa

Der Londoner Konsumtempel Selfridges wird verkauft. Im Gespräch ist ein Milliardär aus Thailand, der sich schon das KaDeWe geschnappt hat.

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          Das britische Luxuskaufhaus Selfridges steht vor einem Besitzerwechsel. Laut britischen Presseberichten verhandelt die kanadische Eigentümerfamilie Weston über einen Verkauf der Selfridges-Gruppe für etwa vier Milliarden Pfund (4,8 Milliarden Euro). Als Favorit für die Übernahme gilt eine thailändische Milliardärsfamilie um den Einzelhandelsma­gnaten Tos Chirathivat, der vor sechs Jahren schon das Berliner KaDeWe, das Münchner Oberpollinger und das Hamburger Alsterhaus übernommen hat. Allerdings schickte dessen Unternehmen am Freitag eine Meldung an die Börse Bangkok und dementierte Berichte über eine schon beschlossene Transaktion. Damit hängt der Verkauf eines der wichtigsten Luxuskaufhäuser des Vereinigten Königreichs in der Luft.

          Philip Plickert
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.
          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Selfridges mit dem Stammhaus in der Oxford Street ist eine britische Institution, nicht ganz so ultranobel wie Harrods und nicht so altehrwürdig wie Fortnum & Mason, aber mit ebenso exquisitem Sortiment und jugendlichem Touch. Das gewaltige Gebäude in der Oxford Street mit einer griechisch-antik anmutenden Säulenfassade, im Inneren mit weißen Pilastern, Blumen- und Kristalldekoration, hat die Zeitschrift „Vogue“ einmal als „modernen Tempel für die Anbeter des Shoppings“ bezeichnet. Unmengen von Parfüm und Kosmetika, Mode, Delikatessen und Spielzeug (bis hin zu Riesenteddybären und kristallbesetzten Kinderautos für Tausende Pfund) kann man dort erwerben.

          Gegründet 1908 von Harry Gordon Selfridge, hat das Kaufhaus eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Der verschuldete Gründer gab es im Zweiten Weltkrieg ab, später erwarb es 2003 der kanadische Milliardär Galen Weston für damals 598 Millionen Pfund. Vor sechs Monaten haben die Westons für die Kaufhausgruppe einen auktionsartigen Verkaufsprozess begonnen und als Preisschild vier Milliarden Pfund drangehängt. Zu Selfridges gehören 25 Kaufhäuser weltweit, neben dem Stammhaus in der Oxford Street auch Einkaufszentren in Birmingham, Manchester und Dublin, das De Bijenkorf in Amsterdam und die Luxuskaufhauskette Holt Renfrew in Kanada.

          Die Westons haben Credit Suisse als Berater für den Verkauf engagiert. Neben der thailändischen Central Group sollen auch der Staatsfonds aus Qatar sowie eine Luxuskaufhauskette aus Hongkong interessiert gewesen sein, doch der Thai-Milliardär scheint Favorit für die Übernahme zu sein, die sich allerdings noch Wochen hinziehen könnte. Berichte in der „Times“, „Brand Inside“ und der „Financial Times“, wonach die Übernahme schon so gut wie beschlossen sei, dementierte die Central Retail Corporation indes. In einem Brief an den Chef der Börse Bangkok schrieb sie, dass sie „gegenwärtig nicht involviert sei mit der gemeldeten Transaktion“.

          Spitzenkaufhäuser rund um den Erdball 

          Dennoch würde die Übernahme gut zu Tos Chirathivat passen. Nachdem er 2015 das Berliner KaDeWe übernommen hatte, stellte er im Gespräch eine Rangfolge für die europäischen Metropolen auf: London liege vorn, dann folge Paris, auf Platz drei Berlin. Nun, sechs Jahre später, könnte er sich seinem persönlichen Spitzenplatz London nähern. Der milliardenschwere Geschäftsmann aus Fernost arbeitet weiter an der Vision, Spitzenkaufhäuser rund um den Erdball zu kaufen. Nicht nur in Thailand führt seine Familie mit der Central Embassy und Central Chidlom in Bangkok Luxushäuser. In der Schweiz halten sie gemeinsam mit Kaufhauskönig René Benko die Mi­gros-Tochter Globus, in Kopenhagen das Illum, in Mailand das Rinascente.

          Der 58-jährige Tos Chirathivat wird auf ein Vermögen von fast zwölf Milliarden Dollar geschätzt und gilt damit als der viertreichste Thai. Über fast hundert Jahre und drei Generationen hat seine Familie die Central Group geschmiedet, ein Konglomerat wie so viele in Asien, das sich um einen Immobilien- und Kaufhauskonzern rankt. Tos Chirathivat ist der Enkel des Gründers, der als Immigrant aus China 1927 mit umgerechnet zehn Euro einen ersten Kiosk mit Café in der Königsstadt Bangkok eröffnet hatte. Mit drei Ehefrauen brachte er es auf 26 Kinder. Sein ältester Sohn Samrit gründete 30 Jahre später dann das erste Warenhaus Thailands.

          Heute zählt die Central Group mehr als 3000 Läden, Märkte und Einkaufsmeilen. Und über die Internetplattform JD Central haben sich die Chirathivats mit dem chinesischen Digitalkonzern JD.com verbunden. Die gut 220 Nachkommen des Gründers zählen zu den Spitzen der thailändischen Gesellschaft, darunter Schauspieler mit Millionen Followern auf Instagram und auch ein Rap-Musiker. Die bisherige Krönung ihres Handelsgeschäfts war der Börsengang der Sparte Central Retail Corp. 2020. Dabei erzielte die Familie 2,5 Milliarden Dollar. Ob Selfridges wirklich an den Thai-Konzern geht, ist noch nicht ausgemacht. Manches deutet darauf hin. Vor einigen Monaten holte die Familie den italienischen Manager Vittorio Radice in den Vorstand, der vor zwei Jahrzehnten den radikalen Umbau des Londoner Kaufhauses zum modernen „Luxustempel“ erdachte.  

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