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Lockdown in Großbritannien : London droht der „kulturelle Ruin“

Seit Beginn des dritten Lockdowns müssen die Bars in London geschlossen bleiben. Bild: AFP

Britische Kulturtreibende bangen um ihre Existenz. In der sonst von Touristen bestens besuchten Hauptstadt herrscht Leere. Viele Bars, Restaurants und Kinos stehen vor dem aus. Wie geht es weiter?

          3 Min.

          Über den Leicester Square fliegen nur ein paar Tauben. Wo früher im Herzen des Londoner Westends bei Filmpremieren der rote Teppich für die Schauspielerstars ausgerollt wurde und sich das Partyvolk tummelte, herrscht Lockdown-Tristesse. Alles ist geschlossen – die Kinos, die Theater und Musicalhallen, die Galerien, die unzählbaren Restaurants, Bars und Pubs. Manche Fenster sind mit großen Holz- oder Metallplatten verrammeln.

          Philip Plickert
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Seit fast zehn Monaten hat die Corona-Krise die Stadt im Griff, mit nur kurzen Phasen gelockerter Vorschriften dazwischen. Ein Obdachloser sitzt auf einer Bank am Leicester Square und isst aus einer Tüte von Burger King. Hinter ihm ragt die schwarze Fassade des Odeon-Kinos in den Himmel. „We’ll be back soon“, steht dort auf einem riesigen Bildschirm. Das ist die Frage: Wann wird der Lockdown aufgehoben, wann wird die Vergnügungs- und Kulturbranche, das ganze Leben im Westend zurücksein? Und wie viele Restaurants, Pubs, Kinos und Theater werden die Corona-Krise nicht überleben?

          In einem Brandbrief an Kulturminister Oliver Dowden hat die Londoner Wirtschafts- und Kulturszene Alarm geschlagen: „Das Worst-Case-Szenario ist Realität geworden“, heißt es in dem Schreiben. Es drohe ein „kultureller Ruin“. „Wir riskieren das Beinahe-Aussterben des Kunst- und Kultursektors plus der zahllosen Gastronomie-, Unterhaltungs-, Einzelhandels- und Tourismusbetriebe, die davon abhängen in einem der kulturell reichsten Gebiet in der Welt“, warnen die Absender, darunter die Society of London Theatre, der Wirtschaftsverband Heart of London Business Alliance (Holba) und die New West End Company, ebenso das Luxushotel Ritz und Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett.

          Piccadilly Circus im Herzen Londons war vor der Corona-Pandemie ein beliebtes Sightseeing-Ziel für Touristen.
          Piccadilly Circus im Herzen Londons war vor der Corona-Pandemie ein beliebtes Sightseeing-Ziel für Touristen. : Bild: AFP

          Um 92 Prozent ist die Zahl der Passanten im Londoner Zentrum und im Westend gegenüber der Zeit vor Corona gesunken. Fast menschenleer liegen jetzt die Shaftesbury Avenue, wo das Musical „Les Misérables“ und das neue Stück „Harry Potter und das verwunschene Kind“ aufgeführt wurden, oder die Gegend um Covent Garden, wo vor Corona „Lion King“, „Arsen und Spitzenhäubchen“ und andere Shows, Restaurants und Bars lockten. Nur in China-Town nördlich vom Leicester Square sieht man an diesem Wochenende ein paar Menschen in der Kälte auf den Straßen, es ist das chinesische Neujahrsfest. Eine chinesische Bäckerei verkauft Teigwaren und Suppen an der Tür.

          Restaurants dürfen nur Essen zum Mitnehmen anbieten, mangels Nachfrage bleiben viele seit Monaten ganz geschlossen. Bis zur Jahreswende hatten schon mehr als 5 Prozent der 3.460 Londoner Bars, Pubs und Restaurants komplett aufgegeben. In ganz Großbritannien haben fast 6.000 Gastrobetriebe für immer dichtgemacht, noch bevor im Januar der dritte Lockdown verhängt wurde. In diesem Jahr dürfte die Pleitewelle vorerst weitergehen.

          Covent Garden im Januar 2021: Kaum Touristen oder Einheimische auf den Straßen.
          Covent Garden im Januar 2021: Kaum Touristen oder Einheimische auf den Straßen. : Bild: Reuters

          Wenn die Lockdowns noch lange weitergehen, droht der Kultur- und Vergnügungsbranche ein dauerhafter Einbruch. Für Holba-Chef Ros Morgan übt sich die Regierung in „vorsätzlicher Ignoranz“ gegenüber den Unternehmen im Londoner Zentrum, die hohe Kosten durch Mieten, Steuern und Löhne haben. Er fordert eine „Roadmap aus dem Lockdown“. Andrew Lloyd Webber, der Musical-Komponist („Das Phantom der Oper“), sagte am Wochenende, seine sieben geschlossenen Musical-Theater in London machten pro Monat eine Million Pfund Verlust. Der Lockdown müsse bald enden.

          Vor Corona kamen um die 20 Millionen internationale Besucher je Jahr nach London, angelockt durch den Ruf der Weltstadt, ihre Attraktionen und Geschäfte. Im Durchschnitt 730 Pfund (gut 800 Euro) gab jeder ausländische Tourist aus, macht also fast 15 Milliarden Pfund Einnahmen allein durch die internationalen Gäste. Ein Großteil waren Kulturtouristen: Millionen besuchten das British Museum, die National Gallery, das Natural History Museum oder die Tate Modern, den Tower, die St. Paul’s Kathedrale und die Westminster Abbey.

          Die üblicherweise prallgefüllte Markthalle von Covent Garden bleibt in den Zeiten des dritten Lockdowns wie leer gefegt.
          Die üblicherweise prallgefüllte Markthalle von Covent Garden bleibt in den Zeiten des dritten Lockdowns wie leer gefegt. : Bild: dpa

          Neben den großen Museen und Sehenswürdigkeiten wirkten auch die Fülle von mehr als 200 großen und kleinen Theatern, fast 350 Konzert- und Musikräume und mehr als 850 Kunstgalerien wie ein Magnet auf Gäste und Londoner. Gut 15 Millionen Tickets verkauften die Theater vor Corona und machten fast 800 Millionen Pfund Umsatz. Im Westend allein sind rund 100 kommerzielle Galerien, 53 Säle für Musik-Veranstaltungen, 44 Theater und 11 Tanzlokale und Discotheken ansässig, so die Heart of London Business Alliance. Allein die Kulturtouristen gaben vor Corona 7,3 Milliarden Pfund pro Jahr in der Hauptstadt aus, schätzt Holba, davon hingen direkt mehr als 80.000 Arbeitsplätze ab, indirekt sogar noch ein Vielfaches. Jetzt droht vielen das Aus, fürchten sie.

          Eine Gruppe von Aktivisten will den Theatern im Westend mit einem Fonds helfen. Ihr Motto „The Show Must Go On!“ drucken sie auf Hemden, Taschen, Masken und Poster, die man in einem Onlineverkauf erwerben kann. 50.000 Bestellungen gab es bislang. Eine halbe Million Pfund haben sie eingenommen – ein Tropfen auf den heißen Stein.

          Die Regierung stellt 1,5 Milliarden Pfund Hilfen für einen „Kultur-Erholungsfonds“ bereit. Zusätzlich profitieren die Unternehmen von den allgemeinen Unterstützungsprogrammen für beurlaubte Mitarbeiter, von staatlichen Zuschüssen, verbilligten Krediten und dem Erlass der Gewerbesteuer. Der Holba-Lobbyverband macht Druck und fordert mehr Hilfen. „Wir sind besorgt, dass die Unterstützung, obwohl willkommen, nicht zur Realität von Zentral-London passt“, sagt eine Sprecherin. Die Hilfsprogramme sind zeitlich begrenzt. Im Frühjahr könnten die Unternehmen vor einer Klippe stehen, wenn sie nicht wissen, wann sie wieder öffnen können. Immerhin macht der rasche Fortschritt der Impfkampagne in Großbritannien Hoffnung, dass die Corona-Restriktionen von April oder Mai an schrittweise aufgehoben werden könnte.

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