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Löscher geht : Joe Kaeser ist neuer Siemens-Chef

  • Aktualisiert am

Joe Kaeser Bild: dpa

Jetzt ist es offiziell: Der bisherige Finanzvorstand Joe Kaeser wird neuer Chef des Technologiekonzerns. Das hat der Aufsichtsrat beschlossen - einstimmig, wie betont wird.

          Der Wechsel an der Siemens -Spitze ist perfekt. Der Aufsichtsrat verabschiedete am Mittwoch wie geplant Vorstandschef Peter Löscher und machte den bisherigen Finanzchef Joe Kaeser zu seinem Nachfolger, wie Siemens mitteilte. Die Ernennung Kaesers mit Wirkung zum 1. August sei einstimmig beschlossen worden.

          Der bisherige Siemens-Chef Peter  Löscher werde mit Ablauf des Tages sein Amt niederlegen und in gegenseitigem Einvernehmen aus dem Vorstand ausscheiden.

          Löscher war über eine Serie von Rückschlägen und zuletzt über die zweite Gewinnwarnung innerhalb von nicht einmal drei Monaten gestürzt.   Neben der Tatsache, dass Löscher wiederholt zurückrudern und zum Beispiel auch sein überambitioniertes 100-Milliarden-Euro-Umsatzziel hintanstellen musste, wurden ihm immer wieder auch strategische Fehler vorgeworfen. So erwies sich zum Beispiel der
           Einstieg in das Solargeschäft als riesiger Verlustbringer. Versuche, das unrentable Geschäft zu verkaufen, scheiterten. Aber auch
          Versprechungen, den immer neuen Sonderbelastungen durch Verzögerungen bei Großprojekten wie der Anbindung von Windparks in
           der Nordsee endlich ein Ende zu bereiten, erwiesen sich als nicht haltbar. 


          Löschers Ablösung galt in den vergangenen Tagen bereits als sicher, nachdem sich der Aufsichtsrat bei Marathon-Beratungen am vergangenen Wochenende mehrheitlich auf die Personalien verständigt hatte.

          Peter Löscher

          Löscher wird dem Unternehmen noch bis 30. September "für die Übergabe von Themen" zur Verfügung stehen, hieß es. Auch darüber hinaus werde er dem Unternehmen verbunden bleiben und einige Mandate wie den Vorsitz des Stiftungsrats der Siemens-Stiftung  "auf Wunsch und im Interesse des Unternehmens" wahrnehmen.

          Kaeser kündigte nun an, dem Münchener Technologiekonzern wieder zu altem Glanz zu verhelfen. Siemens sei kein Sanierungsfall: „Wir haben uns zuletzt aber zu viel mit uns selbst beschäftigt, sagte Kaeser, sein erklärtes Ziel sei es, Siemens in ein ruhiges Fahrwasser zurückzuführen und „ein Hochleistungsteam zu formen“.

          Im Herbst werde das „Team Siemens“ eine überarbeitete Version des Renditeprogramms vorstellen und eine Vision für den Konzern entwerfen.

          Kaeser begann seine berufliche Laufbahn 1980 nach dem Studium der Betriebswirtschaft im Unternehmensbereich Bauelemente von
          Siemens. Es folgten verschiedene Stationen im Konzern, zunächst als kaufmännischer Leiter und später dann als Vorstand der früheren
          Siemens-Mobilfunksparte ICM sowie als Leiter der Konzernstrategie noch unter dem früheren Siemens-Chef Heinrich von Pierer. Im Mai 2006 wurde Kaeser unter Pierers Nachfolger Klaus Kleinfeld Finanzvorstand des Elektrokonzerns und blieb das auch unter seinem Vorgänger Peter Löscher.

          Wer jetzt neuer Finanzvorstand wird, steht noch nicht fest. Die Ernennung soll nach Unternehmensangaben "zeitnah" erfolgen. 

          Nach der Berufung Kaesers fordern Arbeitnehmer-Vertreter im Aufsichtsrat ein Ende der Personalquerelen. „Es geht nicht um Einzelpersonen und Interessen, sondern um das Wohl des Konzerns und seiner Mitarbeiter“, sagte Jürgen Kerner, der für die IG Metall im Siemens-Aufsichtsrat sitzt.

          Kerner betonte, Siemens sei „alles andere als ein Sanierungsfall. Die beiden zurückliegenden Jahre brachten den höchsten Gewinn der Unternehmensgeschichte.“ Trotzdem sei Siemens ins Ungleichgewicht geraten, „und der Hauptgrund dafür ist die Ausrichtung des Konzerns an einem abstrakten und überzogenen Renditeziel.“

          Die Baustellen für den neuen Siemens-Chef

          Energie: Siemens macht mit dieser Sparte den größten Umsatz, dazu  zählt etwa der Kraftwerksbau oder der Bereich der Erneuerbaren  Energien. In diesem als besonders zukunftsträchtig geltenden  Geschäftsfeld hat Siemens aber große Schwierigkeiten.

          Bei in der Nordsee gebauten Offshore-Windparks, also fern der Küste  liegenden Anlagen, gelang nicht die Anbindung ans Land. Dies  belastet nun schon seit langem die Bilanzen und verschlang bereits  680 Millionen Euro. In den USA brach bei einem Windrad in der Wüste  ein tonnenschweres Rotorblatt ab, was dem Ruf von Siemens schadete  und kostspielige Überprüfungen baugleicher Anlagen nach sich zog.

          Noch negativer verlief für Siemens der Ausflug ins Solargeschäft,  wo der Konzern eine Niederlage auf der ganzen Linie erlitt. Der vom  rausgeworfenen Chef Peter Löscher betriebene Kauf der israelischen  Solarfirma Solel wurde zum Flop, insgesamt setzte Siemens mit der  Solarenergie etwa eine Milliarde Euro in den Sand.

          Infrastruktur und Städte: Diese jüngste Konzernsparte ist zugleich  das größte Problemkind. Löscher selbst schuf das Segment und fasste  darin Infrastrukturtechniken für große Städte oder die Bahntechnik  zusammen. Weil der Bereich aber so vielschichtig ist und außerdem  fast keine Gewinne liefert, wird er schon länger als „Resterampe“  verspottet. Immer wieder keimen Gerüchte auf, dass einzelne  Geschäftsfelder dieses Sektors zum Verkauf stehen. Selbst über eine  Schließung des gesamten Sektors wurde schon spekuliert.

          Besonders peinlich ist für den auf seine Ingenieurskunst so stolzen  Konzern das Versagen bei den neuen ICE-Zügen. Ursprünglich sollten  diese 2011 an die Deutsche Bahn geliefert werden, inzwischen will  Siemens nach mehreren Verzögerungen keinen Liefertermin mehr  nennen. Auch den ursprünglich geplanten Liefertermin für den unter  anderem für den Eurotunnel durch den Ärmelkanal geeigneten  internationalen Zug Eurostar kann Siemens wohl nicht halten. Der  Konzern begründete dies damit, die Komplexität des Auftrags  unterschätzt zu haben - eine Bankrotterklärung für Ingenieure.

          Industrie: Diese Sparte ist das Kaufhaus der Hersteller, sie können  von vollständigen Industrieanlagen bis zum kleinen Elektromotor  alles erhalten. Der Sektor arbeitet zwar technisch zuverlässig, sie  krankt aber an der weltweit lahmenden Konjunktur. Dies führte zu  einem Rückgang von Umsatz, Aufträgen und Gewinn und vermasselte  damit Löscher zuletzt mit die Bilanzen.

          Medizin: Diese Sparte ist mittlerweile der zuverlässigste im  Konzern-Portfolio. Hier erwirtschaftet Siemens die höchsten  Renditen, die Siemens-Medizintechnik genießt einen exzellenten Ruf.  Noch vor wenigen Jahren war dies anders, mit einem konsequent an  Profitabilität orientierten Sanierungsprogramm gelang aber der  Erfolg. Ein Ruhekissen gibt es aber auch für die derzeitige  Vorzeigesparte nicht - der Konkurrenzkampf in der Medizintechnik  ist international stark ausgeprägt.

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