https://www.faz.net/-gqe-ai6wd

Lockdown in Österreich : Und wieder ab ins Homeoffice

Zehntausende Menschen demonstrieren in Wien gegen die harten neuen Corona-Maßnahmen der Regierung in Österreich. Bild: dpa

Um die Pandemie auszubremsen, legt die Regierung in Wien für vermutlich drei Wochen weite Teile des öffentlichen Lebens lahm. Das kostet sie viel politischen Kredit und schwächt die Wirtschaft.

          2 Min.

          In Österreich waren am Samstag viele Einkaufsstraßen und Weihnachtsmärkte gut besucht. Der Handelsverband berichtete von einem Umsatzplus von durchschnittlich 15 Prozent verglichen mit 2019. Doch nicht überall waren Kunden auf der Suche nach überteuertem Glühwein oder Weihnachtsgeschenken – in der Wiener Innenstadt demonstrierten Zehntausende gegen die ab diesem Montag wegen der grassierenden Corona-Pandemie geltende dreiwöchige Schließung von Hotels, Gaststätten, Friseur- und Massagesalons sowie des Handels. Auch die ab Februar angekündigte allgemeine Impfpflicht ruft viel Unmut hervor.

          Andreas Mihm
          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.

          Nur Geschäfte des täglichen Bedarfs wie Supermärkte, Drogerien und Apotheken, Tabak- und Zeitungsläden, Postämter und Telekom-Shops bleiben geöffnet. Bei den anderen Händlern ist „Click & Collect“ sowie Abholung nach Vorbestellung möglich. Für viele ist das gerade zu Beginn der umsatzstarken Weihnachtssaison ein Schlag, Gastwirte schreiben in der zweiten Saison in Folge Weihnachtsfeiern ab. Die Lagebeschreibung als „historische Katastrophe“ macht die Runde.

          Für die Beschäftigten gilt ab Montag: Wer kann, möge wieder im Homeoffice arbeiten. Wer dennoch zur Arbeit kommt, muss dort in aller Regel eine FFP-2-Maske tragen. In Worten von Arbeitsminister Martin Kocher (ÖVP): „Ich empfehle allen Unternehmen nachhaltig, Homeoffice zu nutzen.“ Gesetzlich kann dazu niemand verpflichtet werden.

          Kurzarbeitergeld auch bei Null-Beschäftigung

          Unmittelbar nach dem Beschluss der Regierung mit den Regierungschefs der Länder hatten Kocher und Finanzminister Gernot Blümel (ÖVP) ihren schon fürs Archiv bestimmten Instrumentenkasten zur finanziellen Absicherung des Lockdowns abermals öffnen müssen. Dazu gehört: Risikogruppen wie Schwangere können per Attest wie schon bis Juni von der Arbeit bei vollen Bezügen freigestellt werden, Kurzarbeitergeld von 80 bis 90 Prozent des Nettoeinkommens kann auch ausgezahlt werden, wenn die Arbeitskraft gar nicht abgerufen wird.

          Staatliche Garantien oder der ermäßigte Mehrwertsteuersatz von 5 Prozent wie in der Gastronomie – den diesen verlängert wissen will – laufen sowieso noch. Darüber hinaus kommt der Ausfallbonus bei einem Umsatzeinbruch von mindestens 40 Prozent (gemessen an 2019) wieder zurück; er deckt 10 bis 40 Prozent des Ausfalls, maximal 2,3 Millionen Euro. Ebenfalls bis März verlängert wird der Verlustersatz, der bis zu 90 Prozent des Verlustes von maximal 12 Millionen Euro ausgleichen soll. Härtefälle werden zusätzlich abgesichert, die Dauer des dafür gebildeten Fonds verlängert.

          Bisher hat Österreich zur Bewältigung der Corona-Pandemie für Betriebe und Beschäftige 41,3 Milliarden Euro ausgegeben. Größte Posten sind das Kurzarbeitergeld, Garantien, Steuerstundungen sowie der Ausfallbonus. Das Finanzministerium schätzt die neuerlichen Kosten allein für Ausfallbonus und Härtefallfonds auf 800 Millionen Euro.

          Verdacht auf Überförderung

          Ökonomen hatten die nun verlängerten Corona-Hilfen immer wieder als zu wenig zielgenau kritisiert. Der neue Präsident des Wirtschaftsforschungsinstitutes Wifo, Gabriel Felbermayr, hatte erst vor wenigen Tagen im „Kurier“ die fehlende Überprüfung der Hilfen beklagt. So gebe es beim Umsatzersatz „den starken Verdacht einer Überförderung“.

          F.A.Z. Frühdenker – Der Newsletter für Deutschland

          Werktags um 6.30 Uhr

          ANMELDEN

          Die gesamtwirtschaftlichen Folgen des neuen Lockdowns, der für Ungeimpfte auch über den 13. Dezember hinaus anhalten soll, sind noch unklar. Wirtschaftsforscher beziffern den Einbruch der Wirtschaftsleistung auf etwa 1 Milliarde Euro je Lockdown-Woche. Das mit 4,4 Prozent geplante Wachstum in diesem Jahre dürfte einen weiteren Dämpfer erhalten, die Börsenkurse waren am Freitag eingeknickt. Finanzminister Blümel mag trotzdem einstweilen noch keine Auswirkungen auf den soeben für 2022 verabschiedeten Etat erkennen.

          Sollte die für den österreichischen Tourismus wichtige Wintersaison, für Skibegeisterte in den Bergen wie für Kulturinteressierte in den Städten, abermals schwer gestört werden, wird sich das ändern. Die starke Industrie, die Österreichs Wirtschaftsabschwung in der Corona-Krise gedämpft und den Aufschwung beschleunigt hatte, zeigte sich zuletzt zurückhaltend angesichts vieler Störfaktoren vom Fachkräftemangel über Reisebeschränkungen bis zu gestörten Lieferketten und hohen Energiepreisen.

          Weitere Themen

          Österreichs nie genutztes Kernkraftwerk Video-Seite öffnen

          Zwentendorf : Österreichs nie genutztes Kernkraftwerk

          In Betrieb gegangen ist das einzige Atomkraftwerk Österreichs nie, da sich die Menschen in einer Volksabstimmung in den siebziger Jahren gegen die Kernkraft entschieden. Aus Wien kommt nun heftiger Widerstand gegen die Brüsseler Taxonomie-Verordnung.

          Topmeldungen

          Boris Johnson am Mittwoch in London

          Krise bei den Tories : Schach dem Paten

          Neue Vorwürfe gegen Boris Johnson: Diesmal sollen seine Leute Abgeordnete „eingeschüchtert“ haben, die sich für ein Misstrauensvotum stark machen. Ein Liberaldemokrat spricht von „Mafia-Methoden“.
          Viele Menschen werden nervös, wenn sie vor anderen sprechen müssen. Doch diese Angst kann auch helfen.

          Große Auftritte im Beruf : Was gegen Lampenfieber helfen kann

          Lampenfieber betrifft viele, die vor Publikum sprechen müssen – auch viele Führungskräfte. Doch dagegen gibt es Hilfe und die Erkenntnis: Die Auftrittsangst kann sogar leistungsfördernd sein.