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Linde-Fusion : Bitterer Verlust für den Standort Deutschland

Das Linde-Logo unter einem Glas Sprudelwasser (Archivbild) Bild: dapd

Der Dax-Konzern Linde soll sich mit einem amerikanischen Unternehmen zusammenschließen. Doch die Bedingungen für den Gas-Hersteller sind schlecht. Eines der wichtigsten deutschen Unternehmen wird über kurz oder lang wohl aus Amerika gesteuert werden. Ein Kommentar.

          Der Gewinner heißt Stephen Angel. Hut ab vor dem beherzten, zielstrebigen und machtbewussten Amerikaner! Der Vorstandschef von Praxair ist dabei, dem bislang nur in Amerika bekannten Industriegasehersteller Weltgeltung zu verschaffen und diesen in einem oligopolistischen Markt an die Spitze zu bringen – ohne einen Cent zu zahlen. Denn das dürfte das Ergebnis des sich anbahnenden Zusammenschlusses mit Linde sein, dem renommierten deutschen Hersteller von Gasen wie Stickstoff, reinem Sauerstoff oder Helium. Ohne solche Gase ist eine Produktion in der Industrie genauso wenig möglich wie die Konservierung von Lebensmitteln.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Gewinner möchte auch der Aufsichtsratsvorsitzende von Linde, Wolfgang Reitzle, sein. Er will sich als Architekt dieses großen neuen Verbundes präsentieren und als einer der erfolgreichsten Manager in die deutsche Wirtschaftsgeschichte eingehen. Es könnte ihm gelingen, allerdings auf Kosten anderer: Das Unternehmen Linde, von dessen 64 000 Beschäftigten 8000 in Deutschland arbeiten, verliert mit der Fusion voraussichtlich über kurz oder lang seine Eigenständigkeit und degeneriert zu einer Produktions- und Vertriebsgesellschaft der in Danbury in der Nähe von New York ansässigen Praxair.

          Von Linde wird wenig übrig bleiben

          Angel bestimmt die Regeln in dieser eigentlich als „Zusammenschluss unter Gleichen“ propagierten Fusion im Transaktionsvolumen von 60 Milliarden Euro, über die nun verhandelt wird und die 2018 vollzogen werden soll. Denn Praxair ist eine Ertragsperle und daher mit 32 Milliarden Euro deutlich höher bewertet als Linde mit 29 Milliarden Euro, obwohl die Amerikaner vom Umsatz her nur halb so groß sind.

          Der 61 Jahre alte Angel wird als Vorstandschef den neuen Konzern mit dem alten, in aller Welt vertrauten Namen Linde dominieren. Der 67 Jahre alte Reitzle, dann Präsident und Verwaltungsratschef, wird zwar seinen Einfluss ausspielen, doch nach dem mittelfristig absehbaren Generationenwechsel an der Spitze wird außer dem Namen Linde und einem großen Produktionsstandort in Pullach im Süden Münchens wenig bleiben.

          Ein wirtschaftlich kluger Schritt

          Der angekündigte Proporz zwischen Deutschen und Amerikanern in den Funktionen wird angesichts der Übermacht der Amerikaner mittelfristig nicht zu halten sein. Um die Arbeitsplätze müssen sich die Beschäftigten hierzulande zwar vorerst nicht sorgen, weil sich die Geschäfte beider Partner ergänzen und Zerschlagungsszenarien nicht existieren. Doch wächst die Unsicherheit. Man muss sich mit dem Gedanken anfreunden, dass die Deutschen letztlich zu einer Dependance werden.

          Die Verbundvorteile mit knapp einer Milliarde Euro fallen als Argument für eine Fusion angesichts der gebündelten Umsatzgröße von 30 Milliarden Euro nicht ins Gewicht. Einzig das Streben nach Preisführerschaft angesichts geballter Marktmacht in einem Oligopol überzeugt als Argument. Die Preisführerschaft hat sich bislang die französische Air Liquide mit dem klevereren, aber teuren Erwerb der amerikanischen Airgas sichern wollen. Diese Kalkulation durchkreuzen Linde und Praxair nun, wirtschaftlich ist das ein durchaus kluger Schritt.

          Drang nach Größe

          Warum aber zu schlechten Konditionen, warum gibt Reitzle Linde preis? Der frühere BMW-Manager hat das Unternehmen nach der grandiosen Akquisition der britischen BOC vor zehn Jahren zum großen Anbieter umgebaut, der mit dem Erzrivalen aus Frankreich gleichauf war.

          Reitzle hat aus einem gefährdeten Übernahmekandidaten eine Festung im Dax gemacht. Doch Reitzle konnte es schwer ertragen, Linde hinter Air Liquide fallen zu sehen. Der Drang nach Größe ist seine Hauptmotivation. Um Praxair zu kaufen, fehlte seiner Linde aber das Geld, daher die Bereitschaft, sich mit Praxair zu verbünden.

          Streit im Vorstand

          Angel hat die Schwächen der Beteiligten erkannt und geschickt genutzt. Die deutschen Gesprächspartner fand er in Personalquerelen verstrickt vor, an denen Reitzle maßgeblichen Anteil hat. Zu selbstbewusst trat der Vorstandsvorsitzende Wolfgang Büchele, einst Reitzle-Zögling, auf und war nicht mehr gelitten. Er trat zurück. Im Streit und frustriert ist auch Finanzchef Georg Denoke ausgeschieden, einst langjähriger Weggefährte von „Mr. Linde“. Das Hineinregieren des Aufsichtsratschefs hat zu einem in strategischen Fragen handlungsunfähigen Vorstand geführt.

          Kaum in der Position des Chefkontrolleurs im Mai 2016, hatte Reitzle schon erste Kontakte zu Praxair geknüpft. Zu jenem Zeitpunkt war das Klima im Vorstand längst vergiftet. Eine gewisse Perspektivlosigkeit kommt im Zurückholen des vor zwei Jahren in Pension gegangenen Aldo Belloni zum Ausdruck. Er assistiert als Vorstandschef. Für ein Unternehmen ohne eigenständige Zukunft lässt sich eben kein neuer Vorstand finden. Die Arbeit übernimmt Angel, der neue starke Mann.

          Gesteuert wird Linde wohl künftig aus Amerika. Für den Standort Deutschland ist der absehbare Verlust des Dax-Schwergewichts bitter.

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