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Linde-Hauptversammlung : „Selten wurde ein Konzern so ins Chaos gestürzt“

Im Mittelpunkt der Kritik steht der Linde-Aufsichtsratsvorsitzende Wolfgang Reitzle. Bild: dpa

Auf der Hauptversammlung des Linde-Konzerns geht es hoch her. Aktionäre üben ätzende Kritik am Aufsichtsratschef, die Belegschaft ist alarmiert – und dann ist da noch der designierte amerikanische Boss.

          Nur langsam füllt sich der Saal im Internationalen Congress Center, draußen an der Münchner Messe. Wolfgang Reitzle tritt zehn Minuten vor dem für 10 Uhr geplanten Beginn der Linde-Hauptversammlung unauffällig und allein auf das Podium, setzt sich an seinen Platz, sortiert Papiere und berät sich mit seiner Assistentin – während am Eingang des ICM die Schlangen der mehr als 2500 eingetroffenen Aktionäre an den Eingangskontrollen partout nicht kürzer werden wollten.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Die Miene von Reitzle ist ernst. Selten blickt der deutsche Vorzeigemanager, dessen Glanz in den zurückliegenden Monaten stark ermattet ist, in die Kameras, die auf ihn gerichtet sind. Lachen ist noch nie seine Stärke gewesen.

          Erst recht nicht an diesem Mittwoch, wenn sich die Anteilseigner des deutschen Industriegase-Herstellers treffen. Es wird, das wusste der Aufsichtsratsvorsitzende schon lange, hoch her gehen. Reitzle steht im Kreuzfeuer einer selten so scharfen Kritik. Unisono sind die Vorwürfe harsch: Linde wird unter Wert verkauft; die Kommunikation ist mangelhaft; Reitzle setzt sich ein Denkmal. Neue Linde-Welt, in der es doch sonst immer so harmonisch und familiär auf Aktionärstreffen zugegangen ist.

          Ätzende Kritik großer Aktionäre

          Die geplante Fusion „unter Gleichen“, von Linde einerseits und dem amerikanischen Konkurrenten Praxair andererseits, ist zum Reizthema geworden und ausschließlich mit dem Namen Reitzle verbunden; vielleicht auch mit dem von Steve Angel, dem Chef von Praxair, der keinen Hehl daraus macht, wer in einem fusionierten Konzern das Sagen haben wird: er, Steve Angel.

          Drei große deutsche institutionelle Investoren haben ätzende Kritik vorgebracht, zusammen repräsentieren sie 5 Prozent des gezeichneten Kapitals. Bei der anwesenden Präsenz von knapp 65,5 Prozent des Grundkapital entspricht das einem  Stimmenanteil von knapp 8 Prozent. Die Union Investment (4 Millionen Linde-Aktien) des genossenschaftlichen Bankverbundes und die Deka Investment (2 Millionen Aktien) der Sparkassenorganisation haben angekündigt, Aufsichtsrat und Vorstand wegen der desolaten Entwicklung im Konzern, schweren Verwerfungen im Vorstand und der unzulänglichen Kommunikation über den geplanten Zusammenschluss nicht zu entlasten. Die Deutsche Asset Management (3,4 Millionen Aktien) der Deutschen Bank  hat die Enthaltung angekündigt.

          „Selten wurde ein Konzern so ins Chaos gestürzt wie Linde durch die angestrebte Fusion mit Praxair“, sagte Ingo Speich von Union Invest. Als Reitzle vor einem Jahr nach der üblichen zweijährigen Abkühlphase zu Linde zurückkehrte und  den Aufsichtsratsvorsitz übernahm, sei der erfolgsverwöhnte Konzern aus dem Tritt gekommen. „Seit Bekanntwerden der Fusionsgespräche geht es bei Linde drunter und drüber.“ Der Konzern sei durch interne Machtkämpfe in ein beispielloses Führungschaos gestürzt worden, der Vorstand zwischenzeitlich nicht mehr in der Lage gewesen, das Unternehmen adäquat zu führen, nachdem Vorstandschef Wolfgang Büchele und Finanzvorstand Georg Denoke ausgeschieden sind. „Wir bemängeln gravierende Defizite bei der Corporate Governance und bei der Kapitalmarktkommunikation.“

          „Wie in der Augsburger Puppenkiste“

          Speich vermisste eine klare Rollenteilung zwischen Aufsichtsratschef und Vorstand. „Es geht darum, Linde konstruktiv nach vorne zu bringen, nicht sich selbst ein Denkmal zu setzen.“ Das Unternehmensinteresse müsse Vorrang vor der Person haben. Und: „Von einer transparenten Informationspolitik, wie sie Investoren bei solchen Fusionsvorhaben erwarten dürfen, kann bei Linde keine Rede sein; die Kapitalmarktkommunikation ist eine Blackbox.“

          Die Alarmstimmung in der Belegschaft in München und an anderen deutschen Linde-Standorten sei nachvollziehbar, denn amerikanischer Managementstil vertrage sich kaum mit deutscher Mitbestimmung, flache Hierarchien à la Praxair nicht mit komplizierten Matrixstrukturen à la Linde. „Viele Arbeitnehmer und ganze Managementebenen fürchten um ihre Jobs, die Unsicherheit paralysiert den Konzern.“ Union Invest wolle die Fusion, aber nicht um jeden Preis. „Wenn Sie sich die Zustimmung der Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat nur durch so massive Zugeständnisse erkaufen können, dass das neue Unternehmen langfristig geschwächt wird und die Kapitalmarktlogik nicht mehr gegeben ist, dann sollten Sie die Fusionsverhandlungen abbrechen“, forderte Speich.

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