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Linde-Hauptversammlung : „Selten wurde ein Konzern so ins Chaos gestürzt“

Winfried Mathes von Deka Invest schrieb Reitzle ins Stammbuch: „Die Informationspolitik ist gelinde gesagt eine Katastrophe.“ Mathes sprach von einem Marionettentheater im Vorstand, Reitzle habe mit Büchele und Denoke zwei Köpfe rollen lassen und als Ersatz mit Aldo Belloni als neuen Vorstandschef einen alten Weggefährten aus dem Ruhestand geholt und damit das „Old-Boys-Network“ wieder aufleben lassen. „So wie hier die Fäden gezogen werden, kommt man sich vor wie in der Augsburger Puppenkiste.“

Mathes mahnte eine ausgeglichen Balance im Verwaltungsrat  des neuen Unternehmens zwischen Linde- und Praxair-Vertretern an. „Herr Reitzle, wir fordern Sie als designierten Chairman der neuen Gesellschaft auf, Steve Angel auf die Finger zu hauen, wenn dieser zu stark seinen amerikanischen Kopf durchsetzen will.“

Hendrik Schmidt von der Deutschen Asset Management (DAM) steht sinnvollen Fusionsvorhaben offen gegenüber. „Im Fall von Linde und Praxair ist die industrielle Logik sogar gut erkennbar.“ Aber: „Dass das Business Combination Agreement (BCA) bisher noch nicht unterzeichnet werden konnte und uns Aktionären damit keine Diskussionsgrundlage gegeben wird, ist misslich.“  Eine Einbeziehung der Hauptversammlung als oberstes, beschlussfassendes Organ der Gesellschaft bezeichnete er nicht nur als gerechtfertigt, sondern auch notwendig. „Dass der Hauptversammlung in dieser Frage kein Votum zugesprochen wird beziehungsweise werden soll und den Aktionären lediglich die Entscheidung bleibt ihre Aktien zu verkaufen oder in die neue Holding mit einzubringen, erachten wir als kritisch.“

Während bei Praxair auf einer außerordentlichen Hauptversammlung die Aktionäre entscheiden werden und dazu eine einfache Mehrheit nötig ist, sollen die Linde-Anteilseigner eine Übernahmeofferte einer noch zu gründenden Holding erhalten, in welcher Linde und Praxair aufgehen. Linde-Vorstandsvorsitzender Aldo Belloni kündigte an, dass das Vertragswerk – das Business Combination Agreement (BCA) – noch im ersten Halbjahr abgeschlossen sein soll. Ursprünglich sollte dies rechtzeitig zur Hauptversammlung vorliegen, um es ausgiebig diskutieren zu können. Dass das nicht klappte, erhöhte den Groll der Aktionäre zusätzlich.

„Es geht ums Ego“

Doch die komplexen Verhandlungen, vor allem aber der seit einigen Monaten aufflammende Widerstand der Arbeitnehmervertreter, zwingt zu mehr Geduld. Die Belegschaftsseite im Aufsichtsrat hat aus Sorge um Arbeitsplätze und Mitbestimmung in Deutschland die Ablehnung des Fusionsvorhaben angekündigt. Dabei hatte diese im Dezember mit Reitzle noch in einem Boot gesessen, nachdem dieser eine Beschäftigungs- und Standortgarantie zugesichert hatte.

Öl ins Feuer goss der Aufsichtsratschef mit seiner Ankündigung, im Ernstfall seine ihm zustehende zweite Stimme im Gremium zu nutzen, um ein Patt zwischen Arbeitnehmer- und Anteilseignervertretern auszuhebeln. Eine solche Situation will Reitzle verhindern, da Linde mit einer schweren Hypothek der Uneinigkeit in die Fusion gehen würde.

Es fehlten eigentlich nur noch die Rufe nach „Zugabe“ unter den anwesenden Aktionären, die die Ausführungen von Daniela Bergdolt  von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) mit langem Applaus und lautem Jubel bedachten. Ihre herbe Kritik an Reitzle gipfelte in der Bemerkung: „Manchmal geht es nicht um strategische Logik, manchmal geht es ums Ego“, spielte sie auf den Chefkontrolleur an. Sein Ziel der Fusion würde er gegen alle Widerstände durchsetzen, mag kommen was  will. Sie beantragte die Einzelentlastung von Vorstand und Aufsichtsrat.

Versammlungsleiter Reitzle ergriff darauf hin das Wort und „ordnete“ an, dies ohne Abstimmung vorzubereiten. Neben dem Effizienzaspekt hat er damit vielmehr eine wichtige Geste gemacht, wenn auch nur in einem kleinen Punkt. Aber so ist Wolfgang Reitzle doch tatsächlich und allen Ernstes einmal auf die Aktionäre zugegangen.

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