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Discounter : Lidl macht sich hübsch

Mehr Glanz, bitte: Der Discounter will nicht nur für Kunden, sondern auch für Mitarbeiter attraktiver werden. Bild: Reuters

Der Discounter ist seit Jahren bemüht, seinen angekratzten Ruf aufzupolieren. Jetzt will er für Arbeitnehmer attraktiver werden.

          4 Min.

          Der Discounter Lidl will als guter Arbeitgeber wahrgenommen werden. Seit Jahren schon wird darauf hingearbeitet, doch jetzt bekommt das Thema Personal noch einmal mehr Gewicht - durch ein eigenes Vorstandsressort. Berufen wurde auf den neuen Posten die 38 Jahre alte Christine Rittner, die den rund 200 000 Lidl-Mitarbeitern in 29 Ländern schon seit dem vergangenen Sommer als Personalchefin bekannt ist, bisher allerdings auf einer

          Susanne Preuß
          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Hierarchieebene unterhalb des Vorstands. Auch in den Landesgesellschaften wird Personal zur Chefsache gemacht.

          „Wir wollen als Arbeitgeber deutlich attraktiver werden“, sagt Sven Seidel. Der 42 Jahre alte Lidl-Chef ist der Treiber hinter dieser Entwicklung. Geprägt von seiner langjährigen Arbeit als Berater bei Porsche-Consulting, ist sein Leitmotiv: Verschwendung vermeiden. Was bei Porsche Erfolg gebracht hat, passe auch zu Lidl. „Wir wollen einfach bleiben, das ist unsere DNA“, sagte Seidel im Gespräch mit dieser Zeitung. Stellhebel gebe es viele, weil jede einzelne Aufgabe vieltausendfach in den Filialen ausgeführt wird. „Es ist schon entscheidend, wie viele Handgriffe fürs Abscannen an der Kasse nötig sind. Jede Kleinigkeit rechnet sich.“

          Personalvorständin Christiane Rittner
          Personalvorständin Christiane Rittner : Bild: Lidl

          Im Personalbereich ist es scheinbar umgekehrt, da treibt jede Initiative erst einmal die Kosten, weil auch hier sich alles vielfach multipliziert. Die Filialleiter-Offensive ist so ein Beispiel. Jedem der beinahe 10 000 Filialleiter hat Lidl einen Entwicklungstag spendiert, an dessen Ende für jeden ein individueller Entwicklungsplan stand. 150 000 Stunden sind bisher in Weiterbildung investiert worden. Die Wirkung soll bei den Kunden unmittelbar ankommen: „Der Filialleiter ist der Unternehmer vor Ort“, sagt Personalvorständin Christine Rittner.

          Das Reduzieren der Komplexität wie auch die Schulung der Mitarbeiter dienen letztlich dem gleichen Ziel: die Discount-Philosophie in der Belegschaft zu verankern. Seidel spricht von „Schwarz-Geist“, weil es Dieter Schwarz war, der aus dem Lebensmittelgeschäft seines Vaters die Discount-Kette Lidl entwickelt hat. Ständig ist das Prinzip der Einfachheit in Gefahr, weil neue Techniken neue Möglichkeiten bringen, weil neue Wettbewerber Veränderungen erzwingen. Das neue Filial-Konzept beispielsweise sieht vor, dass es Kundentoiletten gibt - revolutionär für den Lebensmittelhandel, für Discounter erst recht. Das bringt Komplexität und verlangt scharfes Hinsehen: Bringt das so viel mehr Kunden in die Läden, dass es sich rechnet? „Hier macht keiner eine Revolution“, verspricht Seidel mit Blick auf mögliche Skeptiker. „Das bringt in so einer großen Organisation viel zu viel Abrieb. Das wäre Verschwendung.“

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          Wo immer nur ans Sparen gedacht wird: Lässt sich da auch gut arbeiten? Erinnerungen kommen hoch an Berichte, dass Lidl seine Mitarbeiter schlecht behandelt, einschüchtert, bespitzelt. „Das Internet vergisst nichts“, bedauert Seidel und beteuert: „Das hat mit der Realität heute aber nichts mehr zu tun.“ Lidl habe ein Compliance-Management aufgebaut. Es gebe Vertrauensleute, an die man sich anonym wenden könne, wenn doch noch mal etwas schiefläuft. Demonstrativ wurde ein Mindestlohn eingeführt von derzeit mindestens 11,50 Euro für alle Mitarbeiter, selbst ungelernte Teilzeitkräfte. Fragt man Gewerkschafter, erklären die, dass solche guten Löhne gern an Leute gezahlt werden, die dringend darauf angewiesen sind und sich daher abhängig fühlen: Alleinerziehende, Migranten, Schulabbrecher. Auf diese Weise werde das Gehalt zu einem Disziplinierungsinstrument, sagt etwa der Verdi-Handelsspezialist Thomas Müssig. „Nach wie vor herrscht bei Lidl ein militärisch-hierarchisches System“, sagt er. „Da werden Befehle erteilt, und die sind dann auszuführen. Da wird nichts hinterfragt.“

          Büros von Lidl
          Büros von Lidl : Bild: Lidl

          Die Art der Personalführung soll sich aber jetzt grundsätzlich ändern, versprechen die Lidl-Vorstände. „New Way of Working“ heißt das Codewort, das die Zentrale der Discount-Kette in Neckarsulm gründlich durcheinanderwirbelt. Noch sitzen Seidel und Rittner beim Interview mit dieser Zeitung in einem Standardbüro mit geschlossener Tür - doch Personalabteilung, Beschaffung, Immobilien und IT sehen schon ganz anders aus. Dort hat niemand mehr einen festen Arbeitsplatz. Je nachdem, was gerade zu tun ist, wählen die Mitarbeiter ihren Schreibtisch aus, arbeiten heute hier, morgen dort. Vormittags setzen sie sich vielleicht in den Ruheraum, wo Sprechen tabu ist, und verschwinden nur mal kurz in einer Telefonzelle, wenn es denn sein muss. Nachmittags suchen sie die Nähe zu Teamkollegen, die Schreibtisch an Schreibtisch dicht gedrängt beieinandersitzen.

          Für Besprechungen oder Gruppenarbeit gibt es wahlweise Räume mit viel Technik, Sitzecken mit Sofas oder hohe Tische mit Stehhockern. Dank moderner Technik klingelt kein Telefon, den Schall schlucken extradicke Teppiche, Gardinen und Stellwände. „Wir haben das jetzt seit Juli so eingerichtet und bekommen viel positives Feedback“, sagt Rittner. 400 Mitarbeiter sind schon in der neuen Arbeitswelt angekommen. Nach und nach sollen weitere Büros umgebaut werden, wobei die betroffenen Mitarbeiter Mitspracherechte haben, wie sie berichtet. In der Beschaffung ist insgesamt alles luftiger, weil man viel Platz braucht für Produkte, die zu begutachten sind, bevor sie eingekauft werden. In der tendenziell eher weiblich besetzten Personalabteilung findet man Pflanzen. Die Kollegen aus der IT dagegen haben sich eine Playstation gewünscht.

          Mit den Büros soll sich auch die Arbeitsorganisation ändern. „Die Hierarchie soll deutlich in den Hintergrund treten“, lautet eine Forderung von Seidel: „Bei Lidl sollen Kommunikation und das Miteinander im Vordergrund stehen.“ Hauptziel der Veränderungen ist es, Lidl als Arbeitgeber attraktiver zu machen. Die vielzitierte „Generation Y“ habe nun einmal andere Ansprüche an ihr Arbeitsumfeld als frühere Generationen. „Das sind andere Talente. Aber wir brauchen die besten“, wünscht sich Seidel und wirbt: „Wir bieten Entwicklungschancen, die technische Ausstattung ist top, und wir sind ein Team, bei dem auch der Spaß nicht zu kurz kommt.“

          Ein Problem wird Seidel allerdings nicht ändern können: In Neckarsulm, auf halber Strecke zwischen Frankfurt und Stuttgart gelegen, rangeln auch andere große Arbeitgeber um den motivierten Nachwuchs, wie etwa der IT-Dienstleister Bechtle oder Audi. Aber urbanes Leben ist Fehlanzeige. Oder wie Sven Seidel sagt: „Neckarsulm ist lebenswert, aber noch nicht hip. Diesen Standort muss man schon vermarkten.“

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