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F.A.Z. exklusiv : Lidl erhöht den Mindestlohn

  • -Aktualisiert am

Für sie wird der Lidl-interne Mindestlohn vom 1. März an von bisher 11,50 Euro auf 12 Euro angehoben. Bild: dpa

Aufs nächste Frühjahr können sich viele Lidl-Mitarbeiter jetzt schon freuen: Es wird mehr Geld geben. Profitieren werden vor allem die Mitarbeiter am unteren Ende der Einkommensskala.

          Aufs nächste Frühjahr können sich viele Lidl-Mitarbeiter jetzt schon freuen: für rund 20.000 von ihnen wird es mehr Geld geben, also für jeden vierten Lidl-Beschäftigten in Deutschland. Profitieren werden vor allem die Mitarbeiter am unteren Ende der Einkommensskala. Für sie wird der Lidl-interne Mindestlohn vom 1. März an von bisher 11,50 Euro auf 12 Euro angehoben. Der Abstand zum gesetzlichen Mindestlohn wird dabei noch einmal größer. „Der Alltag in der Filiale wird oft unterschätzt“, sagt Marin Dokozic, der seit gut einem Jahr Lidl Deutschland führt. Als leistungsorientiertes Unternehmen zahle Lidl generell über dem Marktniveau, betont er im Gespräch mit dieser Zeitung und fügt hinzu: „Wir wollen den Wettbewerb treiben.“ Mehr Geld gibt es aber auch für die 3200 Filialleiter und ihre Stellvertreter. Im Schnitt können sie mit 300 bis 400 Euro monatlich mehr rechnen. Von „signifikanten Zahlen“ spricht Dokozic, das Gesamtpaket mache 40 Millionen Euro aus.

          Die Einkommenserhöhung ist das äußere Signal eines Umbruchs, der bei Lidl eingesetzt hat: Die Filialleiter sollen mehr Verantwortung bekommen. Von „Stärkung der Fläche“ ist bei dem Handelskonzern mit Sitz in Neckarsulm die Rede. Das ruft in Erinnerung, dass „die Fläche“, sprich die Filiale, bei dem Discounter bisher nur ein kleines Rädchen im Getriebe ist. Praktisch alles wird aus der Zentrale geregelt. Sofern etwas regional zu klären ist, etwa Personalfragen, wird das von den bundesweit 39 Zentralgesellschaften erledigt. Klare Anweisungen regeln jeden Handgriff, bis hin zum Putzrhythmus für den Fußboden. Die Logik: Wenn eine gute, sparsame Lösung gefunden wurde, ergibt sich daraus eine riesige Hebelwirkung, weil Lidl allein in Deutschland 3200 Filialen betreibt.

          Die Gestaltungsmöglichkeiten der Filialleiter sind bisher entsprechend gering, ganz im Gegensatz zu den oft selbständig agierenden Einzelhändlern unter der Rewe- oder Edeka-Flagge. „Der Filialleiter war bisher ein Befehlsempfänger, der in einem standardisierten System die bestmögliche Leistung erbracht hat“, beschreibt Dokozic den bisherigen Zustand im Lidl-Reich. Jetzt sollen die Filialleiter deutlich mehr Freiheiten bekommen und auch ihre Stellvertreter mehr Aufgaben übernehmen. Einer der wichtigsten Schritte ist die Verantwortung für die Personalauswahl, die bisher auch nicht beim Filialleiter lag - obwohl pro Geschäft im Durchschnitt 20 Mitarbeiter beschäftigt werden. „Das ist eine klare inhaltliche Aufwertung“, betont Dokozic, der sich dadurch auch einen Motivationsschub bei den Mitarbeitern erhofft.

          Den Drang zur Einfachheit will man dadurch aber nicht aufgeben: „Das ist unsere DNA“, zitiert Dokozic das Lidl-Credo, das unter der Führung des früheren Porsche-Consulting-Managers Sven Seidel noch einmal geschärft wurde. „Wenn wir generell weniger regulieren, wenn es weniger Anweisungen gibt, schaffen wir auch Parallelverantwortlichkeiten ab, und in der Zentrale gibt es Raum für anderes“, erklärt Dokozic.

          Das andere hat viel mit Digitalisierung zu tun. Auch wenn die Frischmilch heute noch nicht online geordert wird, sorgt der Siegeszug des Smartphones für Wirbel auch unter den Lebensmittelhändlern. Für neue Geschäftsmodelle aber braucht es Daten, je mehr, desto besser für den Erfolg, weshalb Lidl in Deutschland jetzt ein neues Warenwirtschaftssystem einführt. „Das ist, als ob Sie dem Auto während der Fahrt den Motor wechseln“, beschreibt Dokozic die Bedeutung dieses technischen Systems. Das Potential, das es bietet, will er lieber nicht detailliert beschreiben. Einen Vorgeschmack auf das Einkaufen der Zukunft wird man aber wohl schon bald bekommen: Die Filiale wird zum Abholort für online bestellte Waren. Schon in Kürze werden die Neckarsulmer ihre Pläne präzisieren, aber noch darf Dokozic nichts sagen: „Die Zentrale ist der Taktgeber.“ Nur so viel steht fest: Für das „Click & Collect“-Projekt ist Deutschland der erste Markt.

          Das klassische Filialgeschäft wird ebenfalls weiterentwickelt. Allein in diesem Jahr werden in Deutschland 30 neue Filialen eröffnet, für das nächste Jahr sind doppelt so viele Neueröffnungen geplant. Den Kommunen gegenüber signalisiert man Flexibilität: „Wir sind bereit, uns in städtebauliche Konzepte einzufügen“, sagt Dokozic. Wo genügend Fläche zur Verfügung steht, will Lidl allerdings die Filialen der neuen Generation bauen, heller, freundlicher, mit appetitanregenden Backwaren gleich im Eingangsbereich, und 200 Quadratmeter größer sind sie auch. Noch immer wird am Konzept gefeilt, es soll möglichst perfekt werden, erklärt Dokozic, wieder ganz aus dem Blickwinkel des Discount-Experten: „Zu groß dürfen die Filialen auch nicht werden, sonst wird es unübersichtlich. Und man muss auch an die Laufwege fürs Personal denken.“

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