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Plan für Großfusion : Panzerschmiede nach Vorbild von Airbus entsteht

Die Produktion des Leopard-Panzers in München Bild: IMAGO

Der Leopard-Hersteller Krauss-Maffei-Wegmann peilt nach F.A.Z.-Informationen einen Zusammenschluss mit der französischen Waffenschmiede Nexter an. Das soll die ganze Branche in Bewegung setzen. 

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          Lange sah es so aus, als würde Airbus der einzige Champion in Europa für das Militärgeschäft bleiben. Jetzt schicken sich der französische Rüstungskonzern Nexter und die deutsche Panzerschmiede Krauss-Maffei-Wegmann (KMW) an, diesem Vorbild nachzueifern. Nach Informationen dieser Zeitung wollen beide Hersteller ihre Geschäfte unter einer neuen Holdinggesellschaft zusammenführen, um die Produktion von Panzern und Kanonen zu bündeln, gemeinsam zu steuern und global zu vermarkten. Eine entsprechende Absichtserklärung wurde am Dienstagabend unterzeichnet. Sie soll bis Jahresende zu einem verbindlichen Vertrag führen, der auf absehbarer Zeit eine Fusion folgt. Ein direkter Zusammenschluss zwischen KMW und dem börsennotierten Konkurrenten Rheinmetall, über den mehrfach spekuliert wurde, ist damit endgültig vom Tisch.

          Ulrich Friese
          Redakteur in der Wirtschaft.
          Rüdiger Köhn
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Kommt der Pakt zwischen Nexter und KMW zustande, wäre das eine industriepolitische Zäsur in der Rüstungsbranche. Denn der deutsch-französische Verbund soll den Nukleus für eine möglichst umfassende Konsolidierung in der europäischen Panzerindustrie bilden. Mit KMW und Nexter verbünden sich zunächst die letzten beiden Unternehmen, die ausschließlich vom Verkauf schweren Kriegsgerätes leben. Der Partner aus München setzt mit 3000 Beschäftigten etwa eine Milliarde Euro im Jahr um und verfügt damit über eine ähnliche Größe wie sein Pendant in Frankreich. Nicht von ungefähr sprechen die Manager von einem „Zusammenschluss unter Gleichen“, bei dem die Führungspositionen künftig paritätisch besetzt werden.

          Der geplante Pakt zwischen KMW und Nexter erfolgt in einer Zeit, in der die Rüstungsetats der westlichen Nato-Länder schrumpfen. So fielen bei KMW jüngst Aufträge von langjährigen Großkunden wie Spanien oder Griechenland weg, auch die Bundeswehr kürzt seit langem Bestellungen. Erschwerend kommt hinzu, dass bei westlichen Streitkräften die einst zur Abwehr einer sowjetischen Invasion konstruierten Waffen heute kaum mehr gefragt sind. Der Umsatz von KMW sackte seit 2008 von 1,4 Milliarden Euro zwischenzeitlich auf rund 800 Millionen Euro ab. Doch angesichts eines hohen Auftragsbestandes von etwa 4 Milliarden Euro sei die Beschäftigung in den Werken in München und Kassel für die Dauer der Aufträge bis 2018 gesichert, sagte Frank Haun, der Vorstandsvorsitzende von KMW dieser Zeitung. Auf mittlere Sicht wird es jedoch immer wichtiger, neue Abnehmer in Ländern außerhalb der EU oder Nato zu gewinnen. Doch gerade der Export von Waffen in die Golfstaaten, deren Rüstungsetats mitunter zweistellig zulegen, ist hierzulande aus politischen Gründen heftig umstritten.

          Der letzte Großauftrag für den „Leopard 2“ erreichte KMW aus Katar. Das Wüstenemirat bestellte im vergangenen Jahr 62 Leos und 24 Panzerhaubitzen im Wert von insgesamt 1,9 Milliarden Euro. Die Lieferung an das autoritäre Regime hatte im Frühjahr 2013 noch die liberal-konservative Regierung abgesegnet. Unter der Ägide des neuen Wirtschaftsministers Sigmar Gabriel (SPD) werden solche Rüstungsexporte sehr viel strenger kontrolliert. Der SPD-Chef pocht darauf, die Ausfuhr von Kriegsgerät außerhalb der EU- und Nato-Staaten sehr viel restriktiver zu gestalten.

          Die Suche nach einem starken Verbündeten wie Nexter liegt für KMW nahe, um neue Märkte oder Kunden zu gewinnen. Doch Export in Länder, die systematisch Menschenrechte verletzen, sind auch für das neue Duo ein Tabu: „Die Exportkontrollvorschriften in beiden Ländern bestehen auch nach unserem Schulterschluss “, sagt Haun. Nach dem formalen Zusammenschluss steht das Duo für den Beitritt weiterer Wettbewerber offen. Zum Kreis der Kandidaten könnte die verschmähte Rheinmetall-Gruppe, die mit KMW ohnehin als Zulieferer seit Jahren eng verbunden ist, ebenso gehören wie andere Hersteller in Europa: Italiens Finmeccanica, die Rüstungsparte des schwedischen Lkw-Herstellers Volvo oder gar die Geschäftseinheit des britischen Konzerns BAE Systems, die den Leopard-Konkurrenten Challenger herstellt.

          Ebenso wie vor Jahrzehnten der französische Luftfahrthersteller Aerospatiale und die Deutsche Aerospace fusionierten und den heutigen Airbus-Konzern formten, werden KMW und Nexter künftig von einer neuen Holdinggesellschaft gesteuert, die ihren Geschäftssitz in Amsterdam hat. An dem neuen Unternehmen, die noch den Arbeitstitel New-Co S.A. trägt, bringen sich die bisherigen Alleingesellschafter je zur Hälfte ein: Danach erwirbt Giat, der in französischem Staatsbesitz befindliche Mutterkonzern von Nexter, 50 Prozent an der neuen Gesellschaft. Die andere Hälfte erwirbt die Familiendynastie Bode, die bislang alle Anteile an dem Münchner Panzerhersteller hält.

          Die Produktpaletten ergänzen sich gut

          Über einen Zusammenschluss von KMW und Nexter wurde in jüngster Vergangenheit mehrfach spekuliert. Denn die Produktpaletten der Hersteller ergänzen sich gut. Bis auf den schweren Kampfpanzer Leclerc produziert der französische Staatskonzern diverse Waffensysteme, welche die Münchner nicht im Angebot haben. Bei KMW avancierte der 60 Tonnen schwere Leopard mit seiner 120-Millimeter-Kanone von Rheinmetall, dem 1500 PS starken Dieselmotor von MTU und einem Getriebe von MAN Renk beizeiten als Exportschlager: Mehr als 3000 Stück wurden seit 1979 an die Streitkräfte von 17 Ländern verkauft. Daneben baut der Hersteller aus München zusammen mit Rheinmetall die kleineren Panzertypen „Boxer“ und „Puma“ für die Bundeswehr. KMW und Nexter sind zudem auf unterschiedlichen Märkten aktiv, so dass geringe Überschneidungen im Tagesgeschäft und nur geringe Auflagen der zuständigen Kartellbehörden zu erwarten sind, heißt es in München.

          Die größten Hürden für den Schulterschluss lagen bislang in den Eigentümerstrukturen von KMW und Nexter. Als staatlich kontrolliertes Unternehmen war der Panzerhersteller mit Sitz in Roanne für das Familienunternehmen aus München lange kein adäquater Partner. Politiker in Paris signalisierten jedoch in jüngster Zeit, Nexter für eine Partnerschaft privatisieren zu wollen und so den Weg für eine neue Geschäftsperspektive zu ebnen. Für den Vollzug dieser Lösung ist allerdings ein eignes Privatisierungsgesetz erforderlich, das vom französischen Parlament abgesegnet werden muss.

          Die klaren Signale aus Paris förderten die Bereitschaft von KMW-Aufsichtsratschef Manfred Bode, der zusammen mit seinem Bruder Wolfgang zu den Haupteigentümern gehört, einen Pakt mit Nexter über zwei Jahre hinweg auszuloten. Für den Vorstandschef Haun sind Zusammenschlüsse solchen Kalibers seit Jahren überfällig: „Die militärische Vielstaaterei in Europa wird immer absurder“, sagt er. Angesichts knapper Budgets könne sich kein EU- oder Nato-Land mehr den Luxus von nationalen Waffensystemen leisten. Wenn es keinen Vorstoß der Politiker oder des Militärs zu mehr Konsolidierung gebe, müssten nach seiner Ansicht die Ausrüster der Streitkräfte aktiv werden. Deshalb sei die geplante Allianz, die wohl über mehr Einsparungen und größere Mengen zu mehr Effizienz bei KMW und Nexter führen soll, auch für Hersteller anderer Waffensysteme wie Fregatten oder Flugzeuge richtungsweisend.

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