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Leitartikel Wirtschaft : Die Revolution im Kreditgeschäft

  • -Aktualisiert am

Die Terminbörse Eurex hat den Handel mit dem Kreditderivat-Kontrakt "iTraxx"-Europe-Index aufgenommen. Aufseher verfolgen die rasche Verbreitung der Instrumente für den Kreditrisikotransfer mit gemischten Gefühlen.

          Als erste weltweit wird die deutsch-schweizerische Terminbörse Eurex heute den Handel mit einem Kreditderivat-Kontrakt aufnehmen unter dem äußerst sperrigen Namen "iTraxx"-Europe-Index. Die Börse knüpft damit an eine Finanzinnovation an, die das Kreditgeschäft in den vergangenen Jahren revolutioniert hat. Eurex hofft, sich ein Wachstumsfeld zu erschließen. Das ist ihr gutes Recht. Das enorme Wachstum des Geschäfts mit Instrumenten, die dazu dienen, Kreditrisiken zu streuen, gibt freilich auch Anlass zur Besorgnis.

          Alles Investieren ist in die Zukunft gerichtet. Die aber ist ungewiss, investieren geht deshalb mit der Übernahme von Risiken einher. In modernen Volkswirtschaften finanzieren die Banken einen großen Teil der Investitionen. Mit der Vergabe von Krediten gehen sie selbst ins Risiko. Noch bis vor wenigen Jahren waren sie rechtlich und institutionell gezwungen, einmal herausgelegte Kredite größtenteils bis zur Fälligkeit in ihren Büchern zu halten. Das hat ihren Umgang mit Kreditrisiken beschränkt - zu ihrem Nachteil, aber auch zu dem der Volkswirtschaft. Denn wenn Risiken beherrschbar gemacht werden, indem sie besser verteilt werden, steigt die Bereitschaft zu Investitionen. Das kommt dem Wirtschaftswachstum zugute.

          Übertragung von Kreditrisiken gegen Gebühr

          Findige Innovatoren haben in den neunziger Jahren Finanzinstrumente entwickelt, die die Übertragung von Kreditrisiken ermöglichen. Bei diesen Credit Default Swaps (CDS) handelt es sich um eine Art Kreditversicherung: Hat Bank A zu viele Kredite an Konzern X vergeben und trägt damit ein erhöhtes Risiko, kann sie sich auf dem CDS-Markt Versicherungsschutz für den Fall erwerben, dass X zahlungsunfähig wird. Dafür muss sie an den Versicherer jedes Quartal eine "Risikoprämie" zahlen.

          Der Versicherer ist häufig eine andere Bank. Diese kann sich dadurch in einem zusätzlichen Kreditrisiko engagieren und damit ihr Portefeuille risikomindernd diversifizieren - wobei sie die von Bank A zu zahlende Risikoprämie vereinnahmt. Wird Unternehmen X zahlungsunfähig, muss sie freilich der Bank A den Forderungsausfall ersetzen. Mit Blick auf die Risikoprämien treten auch institutionelle Anleger wie zum Beispiel Pensionskassen als Versicherer auf: Ihnen erschließt der CDS-Markt Zugang zur Anlagekategorie "Unternehmenskredite". Die Kreditrisiken werden dadurch - volkswirtschaftlich sinnvoll und nützlich - auf mehr Schultern verteilt.

          Seit ein paar Jahren sind CDS standardisiert und damit leicht handelbar. Seither haben Angebot und Nachfrage sprunghaft zugenommen. So ist das Vertragsvolumen auf astronomische 25 Billionen Dollar angeschwollen. CDS dienen dabei ihrerseits zur Entwicklung weiterer, noch komplexerer Finanzinstrumente. Ein Beispiel dafür ist der neue "iTraxx"-Index-Kontrakt der Eurex, der aus den CDS der 125 wichtigsten europäischen Unternehmensschuldner gebildet wird.

          Mit ähnlichen Kontrakten wird im Freiverkehr an den Finanzmärkten schon seit längerem unter Banken und institutionellen Anlegern schwunghaft gehandelt. Der Versicherer muss bei diesen Kontrakten leisten, wenn einer der 125 Schuldner im CDS-Index zahlungsunfähig wird. Ähnlich wie bei einem Aktienindex lassen sich mit einem CDS-Index vielfältige Investmentstrategien mit den Motiven Absicherung, Arbitrage oder Spekulation umsetzen.

          Kreditrisikotransfer: gemischte Gefühle

          Nicht zuletzt wegen letztgenannten Motivs verfolgen die Aufsichtsbehörden für die Finanzmarktstabilität die Zunahme der Instrumente für den Kreditrisikotransfer mit gemischten Gefühlen. Denn gerade auch Hedge-Fonds nutzen die Kreditderivate - und das oft hochspekulativ. Ihnen kam dabei zugute, dass die Zahlungsausfälle bei Unternehmen in den vergangenen Jahren auf ein Tief gefallen sind. Deshalb waren CDS-Versicherungsleistungen bislang nur selten auszuzahlen.

          Geht diese Schönwetterperiode einmal zu Ende, werden die Forderungsausfälle steigen. Dann muss sich zeigen, ob die Versicherer tatsächlich in der Lage sind zu leisten, oder ob nicht einige der Hedge-Fonds - die anders als Banken und etablierte Versicherer keinerlei Aufsicht unterliegen - als Versicherer selbst zahlungsunfähig werden. Dann könnte es zu dramatischen Turbulenzen auf den Finanzmärkten kommen: Denn die Volumina der umlaufenden CDS-Kontrakte übersteigen die ihnen zugrundeliegenden Kreditbeträge um ein Vielfaches; damit ist aber auch das Verlustpotential aus CDS-Kontrakten im ungünstigen Fall um ein Mehrfaches höher als der Verlust bei einem herkömmlichen Forderungsausfall. Der amerikanische Investment-Guru Warren Buffett hat Kreditderivate deshalb einmal "finanzielle Massenvernichtungswaffen" genannt.

          Die Einführung des "iTraxx"-Kontraktes in den Börsenhandel zeigt, dass das noch vor kurzem revolutionäre Instrument Kreditderivat eine gewisse Reife erlangt hat. Freilich bleibt abzuwarten, ob der Markt das Produkt annimmt. Manchen Fachleuten zufolge lässt der Börsenkontrakt in einigen Details zu wünschen übrig. Günstig zu bewerten ist, dass die Eurex bei allen Geschäften als "zentrale Gegenpartei" auftritt. Das vermindert für Käufer und Verkäufer dieser Kontrakte das sogenannte Kontrahentenrisiko. Das könnte dazu beitragen, Geschäft vom Interbankenhandel an die Börse zu bringen.

          Im noch unklaren Gesamtbild, wie sich der Aufschwung der Kreditderivate auswirken wird, ist der Start des Börsenhandels mit CDS-Kontrakten deshalb auf alle Fälle ein Positivum. Doch bleibt angesichts der Intransparenz der in diesem Geschäft stark engagierten Hedge-Fonds abzuwarten, ob nicht auch im Kreditgeschäft gilt: Die Revolution frisst ihre Kinder.

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