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Nachhaltigeres Spiel : Lego tütet Steine künftig in Papier

Vorher - nachher: Aus Kunststoffgranulat werden Lego-Steine. Kommt bald ein neuer Grundstoff? Bild: Fokus Foto

Der Spielwarenkonzern kündigt das Ende der Plastikbeutel in seinen Bausets an. Auch der Rohstoff für die Klötzchen soll biologischer werden – zumindest mittelfristig.

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          Tüte aufreißen, ausschütten und losbauen – so beginnt das Spiel mit Lego-Steinen. Der erste Schritt soll nach den Plänen des dänischen Spielwarenherstellers künftig nicht mehr nahezu geräuschlos geschehen, sondern mit einem „Ratsch“ erfolgen. Denn Lego nimmt die Plastiktütchen aus seinen Schachteln und packt Noppensteine und Figuren künftig in Papiertütchen. In „zertifizierte“ Papiertüten sogar, wie der Konzern mitteilt. Die Papiertüten-Offensive ist Teil eines Plans, mit dem Lego umweltfreundlicher und nachhaltiger werden will. An dessen Ziel sollen sogar Bausteine stehen, die nicht mehr aus Kunststoff auf der Basis von Erdöl entstehen.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Glaubt man dem Konzern, ist die Idee für den Plastikbann gar nicht in Managementrunden in der Lego-Zentrale entstanden, sondern in Kinderzimmern. „Wir haben viele Briefe von Kindern zum Thema Umwelt erhalten. Darin bitten sie uns, die Einwegverpackungen aus Plastik nicht weiter zu nutzen“, lässt sich Lego-Chef Niels B. Christiansen zitieren.

          Mancher Lego-Bastler dürfte sich als Nebeneffekt erhoffen, dass er aus dem neuen Papiertaschen nicht nur Steine herausholen kann, sondern sie auch wieder eintüten kann. Die bisherigen Plastikbeutel erwiesen sich – einmal geöffnet – als wenig reißfest. Für die spätere Aufbewahrung kam deshalb nicht selten die Plastiktüte nach der Plastiktüte zum Einsatz.

          Der Ankündigung zur großen Anti-Plastik-Kampagne folgt allerdings das Eingeständnis des Konzerns, dass es noch Jahre dauern wird, bis Noppensteine nur noch in Papier gehüllt vertrieben werden. 2021 soll mit der Erprobung der neuen Tütchen im Handel begonnen werden. Doch Massen an Bausets mit den herkömmlichen Plastikbeuteln sind ausgeliefert und warten in Lagern und Ladenregalen auf Käufer. Als Ziel formuliert Lego, Ende 2025 seine Produkte nur noch nachhaltig zu verpacken.

          Damit folgt der Konzern einem Kurs, der – wenn nicht Kinderzimmertrend – ein Branchentrend ist. Zahlreiche Modellautohersteller haben schon Pappkartons mit fest eingesetzten Plastiksichtfenster ausrangiert. Diese Schachteln aus mehreren Komponenten hatten sich als kaum kostendeckend recyclebar erwiesen. Allerdings garantierten sie, dass Produkte unbeschädigt bis zum Käufer gelangen. Der amerikanische Spielwarenkonzern Hasbro hatte schon vor einem Jahr angekündigt, Plastik als Verpackungsmaterial für My-Little-Pony-Figuren, Schaumstoff-Schussgeräte der Marke Nerf und Transformers-Utensilien ausrangieren zu wollen, nannte das Neukonzipieren der Schachteln aber auch eine „Herausforderung“.

          Legosteine könnten bald aus Zuckerrohr sein

          Noch länger als für den Tütenwechsel ist Legos Zeitplan für die Abkehr von der bisherigen Rezeptur mit die Bausteine. Acrylnitril-Butadien-Styrol-Copolymerisat, kurz ABS, ist bislang der Grundstoff für die Klötzchen. Er findet sich auch in Plastikgehäusen für Telefone, Computer und Autoeinrichtungen. Letztlich ist es ein Produkt aus der Erdöl-Industrie, das bei Lego bis 2030 durch nachwachsende Rohstoffe wie beispielsweise Zuckerrohr ersetzt werden soll.

          Doch hat der Konzern das Patentrezept für einen neuen Bausteine-Grundstoff selbst noch nicht gefunden. Im Rahmen einer Nachhaltigkeitsoffensive, deren Volumen Lego auf 400 Millionen Dollar beziffert, soll nun die Forschung für „innovative Recycling- und biobasierte Materialproduktionstechnologien“ intensiviert werden. Denn aktuell entstehen gerade mal 2 Prozent aller Lego-Teile aus alternativen Materialien. Genau genommen ist sogar kein einziger Noppenstein darunter. Lego hatte nur den Grundstoff für biegsame Teile, Bäume etwa, getauscht.

          Ein Materialwechsel ist für einen Spielwarenhersteller ein riskanter Schritt. Einerseits kann er zu einem positiveren Ansehen beitragen, andererseits drohen Qualitätseinbußen, falls neue Teile weniger bruchfest sind. Sogar ein Verletzungsrisiko für kleine Kinder könnte dann nicht ausgeschlossen werden. Nicht ohne Grund blieb Lego dem Grundstoff ABS mehr als 50 Jahre treu. Der Konzern preist die „einzigartige Bindung, den Hochglanz und die Farbstabilität“ des Materials, das hohe Anforderungen an Sicherheit und Haltbarkeit erfülle.

          Nicht wegwerfen

          Kurzfristig betont Lego daher mehr die Haltbarkeit. Schon 2025 soll sichergestellt sein, dass nichts von dem langjährigen Grundstoff mehr aus der Produktion auf eine Mülldeponie gelangt. Und fertige Spielsachen sollen noch Möglichkeit nicht mehr weggeworfen werden. Das Lego-Replay-Programm, mit dem der Konzern in Amerika gebrauchte Artikel als Spenden für Bedürftige sammelt, soll auf weitere Länder ausgedehnt werden. Unternehmen müssten „Maßnahmen ergreifen, die eine dauerhaft positive Auswirkung und auf die Gesellschaft haben“, fordert Lego-Chef Christiansen mit pathetischem Unterton. Auch Konkurrenten, Regierungen und Familien sollten mitwirken, „um eine nachhaltigere Zukunft für unsere Kinder, die Baumeister von morgen, zu schaffen.“

          Hasbro ist schon dabei und hat sich Gedanken für den Fall gemacht, dass ein Spielzeug auch mal kaputtgeht. Da Spielfiguren robuster und aus stabilerem Kunststoff sind als Joghurtbecher, sollen defekte Artikel nicht mehr in den Hausmüll und erst recht nicht in den Wertstoffsack für Abfälle mit grünem Punkt gelangen. Die Alternative ist allerdings aufwändiger: Ausrangierte Produkte sollen per – kostenlosem – Paket an den Verwertungspartner Terracycle geschickt werden. Spielzeug wird dann nicht wieder daraus, doch Aufbewahrungsdosen oder Kunststoffbohlen für Parkbänke können aus dem Material entstehen.

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