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Lebensmittelpreise : Alles wird teurer - nur die Kartoffeln nicht

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Mit 16 Prozent mehr als 2006 fiel die Kartoffelernte in diesem Jahr sehr gut aus Bild: dpa

Brot und Butter, Milch und Fleisch: Etliche Lebensmittel werden teurer, allein die Kartoffeln nicht. Insgesamt müssen sich die Verbraucher in den nächsten Jahren aber auf steigende Lebensmittelpreise einstellen. Die EU will gegensteuern und knüpft Subventionen nicht mehr an stillgelegte Flächen.

          Die deutschen Verbraucher müssen sich auch in den kommenden Jahren auf steigende Lebensmittelpreise einstellen. „Die Zeiten, in denen Lebensmittel regelmäßig die Portemonnaies der Verbraucher geschont haben und volkswirtschaftlich als Inflationsbremse wirkten, sind vorbei“, sagte die Geschäftsführerin der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE), Sabine Eichner Lisboa, in Köln.

          Im laufenden Jahr sei insgesamt mit einem Anstieg von zwei bis drei Prozent zu rechnen. Bis zum August seien beim Verbraucher bereits Preiserhöhungen von 2,4 Prozent angekommen. Wegen höherer Energie- und Rohstoffpreise werde nach Milch und Getreideprodukten nun aber auch Fleisch teurer werden, sagte Lisboa.

          Das Ende der Fahnenstange sei damit allerdings noch nicht erreicht. Vielmehr treibe die weltweit wachsende Nachfrage nach Lebensmitteln etwa aus Asien wie auch der steigende Bedarf nach nachwachsenden Rohstoffen für Biosprit die Preise nach oben. „Aus Sicht der Ernährungsindustrie muss deshalb darauf gedrungen werden, dass pflanzliche Rohstoffe primär für die Lebensmittelproduktion zur Verfügung stehen“, sagte sie. Zudem plädierte sie dafür, die Stilllegungsprämie der EU für die Landwirte abzuschaffen. Vielmehr müssten die über Jahre brach gelegten Flächen angesichts der weltweiten Verknappung landwirtschaftlicher Produkte rekultiviert werden.

          EU-Agrarminister senken Stilllegungsquote

          Tatsächlich dürfen die europäischen Landwirte im nächsten Jahr ihre gesamte Fläche bewirtschaften. Darauf haben sich die Agrarminister der EU-Staaten in Brüssel geeinigt. Bisher müssen die Landwirte zehn Prozent ihrer Fläche brach liegen lassen, um Anspruch auf Subventionen aus den EU-Agrartöpfen zu haben. Das entspricht rund drei Millionen Hektar.

          Die sogenannte Flächenstilllegung wurde von der EU vor 15 Jahren eingeführt, um die jahrelange Überproduktion zu begrenzen. Nachdem die Preise für Getreide in diesem Jahr allerdings stark gestiegen sind, hat die Europäische Kommission vorgeschlagen, die Flächenstilllegungsquote für zunächst ein Jahr von 10 auf 0 Prozent zu senken. Dadurch wird sich die Getreideproduktion wohl um 10 Millionen Tonnen erhöhen.

          Agrarkommissarin Mariann Fischer Boel stellt die Flächenstilllegung darüber hinaus auch grundsätzlich in Frage. Angesichts der wachsenden Nachfrage nach Lebensmitteln habe sie nur noch wenig Sinn. Die Preise seien nicht nur wegen einzelner Ereignisse wie der schlechten Ernte in Australien hoch. Vielmehr habe sich die Struktur des Welthandels grundlegend verändert. Dafür sei vor allem die wachsende Mittelschicht in China und Indien verantwortlich, die mehr Fleisch und Getreide kaufe. Jedes Jahr wächst diese Schicht nach Angaben der Kommission um die Einwohnerzahl von Frankreich. Das sind mehr als 60 Millionen Menschen.

          Kein Grund zur Panik

          Anlass zur Panik bei der Preisentwicklung sahen Vertreter von Lebensmittelindustrie und Handel trotzdem nicht, zumal die Preise im europäischen Vergleich am unteren Ende lägen. Gleichzeitig wehrten sie sich gegen die Vorwürfe der Preistreiberei. „Die Preise sind zum Teil gestiegen, aber die Handelsspanne der Handelsunternehmen hat sich in den letzten Monaten nicht verbessert“, sagte Michael Gerling vom Deutschen Lebensmittelhandel. Er äußerte sich zuversichtlich, dass die kommenden Steigerungsraten für die Kunden moderat blieben. Der Handel werde durch eine verbesserte Logistik und günstigere Beschaffung einen Teil auffangen.

          Eine gute Nachricht für Verbraucher gibt es dennoch: Im Gegensatz zu anderen Lebensmitteln sind Speisekartoffeln merklich günstiger als im Vorjahr. Wie die Zentrale Markt- und Preisberichtstelle am Mittwoch anlässlich der Internationalen Kartoffel-Herbstbörse in Hannover mitteilte, liegt der Preis für eine 2,5-Kilogramm-Packung derzeit im Bundesdurchschnitt bei 1,45 Euro. Vor einem Jahr mussten die Verbraucher noch 1,58 Euro bezahlen - ein Preisunterschied von fast acht Prozent. Auch die Verbraucherpreise für Pommes und Chips blieben stabil.

          Überdurchschnittliche Ernte

          Grund für die gesunkenen Verbraucherpreise bei Kartoffeln ist eine überdurchschnittliche Ernte. Wie das Bundesagrarministerium in Berlin mitteilte, rechnen Experten von Bund und Ländern nach dem starken Rückgang der Erträge im vergangenen Jahr für die diesjährige Kartoffelernte mit deutlich höheren Erträgen von 11,6 Millionen Tonnen - ein Plus von fast 16 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Der Durchschnitt der Erträge von 2001 bis 2006 werde um fast vier Prozent übertroffen. Damit droht kein Engpass bei Pommes frites wie 2006: Die Qualität sei wegen des Wetters nicht einheitlich, aber die Verarbeitungsindustrie werde ausreichend versorgt sein.

          Der Präsident des Deutschen Kartoffelhandelsverbandes, Dieter Tepel, zeigte sich optimistisch über die Vermarktungschancen der Ernte. Die vergleichsweise gute Ernte mit „in der Summe meist sehr guter Qualität“ sowie ein bereits gut laufendes Exportgeschäft ließen darauf hoffen, dass die Bauern auch in dieser Saison mit Kartoffeln Geld verdienen könnten.

          Anbaufläche gewachsen

          In Niedersachsen, dem Hauptanbauland für Kartoffeln, wurde nach Angaben des Bundesagrarministeriums ein Sechstel mehr als im Vorjahr geerntet. Die Erträge reichten bundesweit von 302 Dezitonnen (30.200 Kilogramm) pro Hektar im Saarland bis 447 Dezitonnen pro Hektar in Nordrhein-Westfalen. Besonders stark stiegen die Erträge in den ostdeutschen Ländern außer Thüringen. Die Anbaufläche wuchs - erstmals seit 2004 wieder - um knapp ein Prozent auf 276.300 Hektar.

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