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Lebensmittelhändler : Wie Rewe den Supermarkt umgekrempelt hat

Kleine „Rewe to go“-Filialen finden sich vor allem in Innenstädten. Bild: dpa

Wer hätte gedacht, dass Supermärkte in der Innenstadt funktionieren? Rewe-Chef Alain Caparros hat gezeigt, dass es klappt. Und das war nicht sein einziges Experiment.

          Es ist sein letzter großer Auftritt bei Rewe. Mit einem Rekordergebnis verabschiedet sich Vorstandsvorsitzender Alain Caparros in der Kölner Rewe-Zentrale unweit des Doms von dem Handelskonzern. Nach elf Jahren an der Spitze wird der umtriebige Franzose Ende Juni auf eigenen Wunsch vorzeitig ausscheiden und das Amt an seinen Vorstandskollegen und Landsmann Lionel Souque übergeben.

          Christine Scharrenbroch

          Freie Autorin in der Wirtschaft.

          Einen Rekordumsatz von 54 Milliarden Euro (plus 5 Prozent) kann der 60 Jahre alte Caparros für die genossenschaftliche Lebensmittel-, Baumarkt- und Touristikgruppe präsentieren. Der Konzerngewinn zog um mehr als ein Fünftel auf 463 Millionen Euro an. Wachstumstreiber war wieder einmal das heimische Supermarktgeschäft. Kein anderer deutscher Lebensmittelhändler ist laut GfK stärker gewachsen als Rewe, die Nummer zwei hinter Marktführer Edeka. Die konzerneigenen Supermärkte legten um knapp 4 Prozent zu, die selbständigen Rewe-Kaufleute sogar um gut 10 Prozent. Eine gewohnt launige Erklärung hat Caparros dafür parat: „Wenn die Verbraucher keine Zinsen für ihr Geld bei der Bank bekommen, dann leisten sie sich vielleicht eher eine gute Flasche Wein und ein größeres Steak.“

          Lieferservice schon in 75 Städten

          Aber Spaß beiseite. Den Erfolg führt der Vorstandschef auf eine langfristige Strategie zurück, mit der sich Rewe zum Omnichannel-Anbieter aufschwingen will. Neben der Expansion und Modernisierung des Filialnetzes stehen vor allem die Digitalisierung der Prozesse und die Forcierung des Onlinegeschäfts im Blickpunkt. „Der Lebensmittelhandel muss sich warm anziehen, wenn Amazon Fresh kommt“, räumt Caparros ein. Mit der Digitalsparte Rewe-Digital (2300 Mitarbeiter) sieht er die Kölner aber gut aufgestellt: „Wir bei der Rewe haben keine Angst. Wir zittern nicht.“ Die Newcomer im Onlinegeschäft müssten sich ihre Kompetenz bei Lebensmitteln noch hart erarbeiten.

          Der amerikanische Onlineriese Amazon will Berichten zufolge nach Ostern mit seinem Lebensmittel-Lieferdienst Amazon Fresh in Berlin starten und ihn später auf ganz Deutschland ausweiten. Rewe ist schon da. Dessen Lieferservice ist derzeit in 75 Städten unterwegs, seine roten Lieferwagen sind im Stadtbild kaum noch zu übersehen. Geld wird mit den Belieferungen bisher nicht verdient, doch werden sie als Teil des Gesamtgeschäfts betrachtet. „Uns fragt auch keiner, ob eine Wurst- und Fleischtheke separat Verluste schreibt“, sagt der zuständige Vorstand Jan Kunath. Caparros betrachtet Rewe als führend im Onlinegeschäft mit frischen Nahrungsmitteln in Deutschland, das Geschäft sei zuletzt um 60 Prozent gewachsen.

          Kleine Läden für die Innenstadt

          Überhaupt nimmt der Vorstandschef für Rewe eine hohe Innovationskraft in Anspruch. Tatsächlich erweist sich die Gruppe als recht experimentierfreudig, was neue Konzepte und Ladentypen angeht.

          Mit „Rewe-to-go“ wurde in seiner Amtszeit ein Format für hochfrequentierte Lagen in Top-Einkaufsstraßen und Bahnhöfen entwickelt. Verkauft werden in den kleinen Shops vor allem verzehrfertige Produkte wie Salate, Wraps, Sushi, Sandwiches und geschnittenes Obst verkauft.

          Auch an 250 Aral-Tankstellen gibt es das gehobene Fast-Food-Konzept mittlerweile. In den kommenden Jahren sollen 1000 Aral-Stationen damit ausgestattet werden. Mit dem Vertrag konnte Caparros gegen den Frechener Großhändler Lekkerland punkten, bislang Hauslieferant der Aral-Gruppe. Auch in Osteuropa ist Rewe mit dem Tankstellengeschäft gestartet. So werden in der Tschechischen Republik 43 Shell-Tankstellenshops beliefert.

          Ersonnen wurde zudem für Innenstadtlagen das von der Fläche her überschaubare Vertriebsformat „Rewe City“. Für Bio-Fans gibt es acht „Temma“-Filialen, eine Mischung aus recht hochpreisigem Biosupermarkt und Bistroecke. Doch nicht alles hat funktioniert. So wurde vor Jahren ein Test mit drei Bistros, die unter dem Namen „Made by Rewe“ jeweils an Supermärkte angedockt wurden, wieder verworfen. Der Hybrid aus Bedienung und Selbstbedienung mit Pizza und Pasta an rustikalen Holztischen soll bei den Kunden nicht gefruchtet haben.

          Caparros' Vertrag lief eigentlich noch bis Ende 2018. Doch die vielen Baustellen sind aufgeräumt. Das langjährige Sorgenkind Penny ist zurück in der Gewinnzone, im Kampf mit Edeka hat sich Rewe den Zugriff auf 62 Berliner Filialen von Kaiser's Tengelmann gesichert. Die Touristiksparte wurde durch die Integration der Schweizer Kuoni-Gruppe gestärkt und auf solide Füße gestellt. „Mein Job ist beendet“, sagte Caparros in Köln.

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