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Lebensmittelbranche : Miesmuscheln unter dem Handy-Scanner

  • -Aktualisiert am

Information per Telefon: Von welchem Hof stammt der Schinken? Bild: Rügenwalder

Erste Lebensmittel lassen sich per Smartphone auf ihre Herkunft zurückverfolgen. Die Branche verspricht Transparenz und Nachhaltigkeit von der Erbse bis zur Teewurst.

          Fragt man Nestlé, woher die Salami kam, die auf der am Vorabend verspeisten „Wagner“-Steinofenpizza lag, gibt es eine schnelle Antwort: von der Wurstfabrik, dem Exklusivlieferanten gegenüber dem Wagner-Werk im Saarland. Eine Antwort aber auf die Frage, woher die Wurstfabrik das Schweinefleisch, Salz und Holz für den Salami-Räucherofen bezogen hat, lässt Wochen auf sich warten. Und fällt dann wenig präzise aus.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Bezüglich des Fleischs lässt sich die Herkunft der Salami nicht einmal auf ein Land eingrenzen, das Salz komme „aus der EU“, die Zutat „Rauch aus Buchenholz“ aus dem Schwarzwald. Nestlé tut sich noch schwer mit der Transparenz, die es für die Zukunft verspricht. Eine Antwort auf die Frage, woher Soja und Getreide stammten, die das Schwein fraß, das für die Wurst geschlachtet wurde, ist fürs Erste nicht zu erwarten.

          Das aber dürfte in Zukunft anders werden. Internet- und Smartphone-Technik machen es möglich. Die Verbraucher interessiert es angeblich sehr. Der Druck auf die Branche ist spätestens seit dem Pferdefleisch-Täuschungsskandal groß, als offenbar wurde, dass sich in großen Mengen an Industrielebensmitteln von den Herstellern völlig unbemerkt Pferdefleisch im angeblichen Rindfleisch verstecken kann.

          Die Fleischbranche steht in der Kritik

          Rügenwalder, Frosta und Iglu heißen die Pioniere, die Produkte mit QR-Codes bestückt haben, schwarz-weiß-gefleckten Bilderquadraten, die – mit dem Smartphone abfotografiert – zu den Informationen über die Herkunft führen. Skeptiker aus der Branche fragen schon: Was soll das? Wer will das wissen? Wo führt das hin? Denn nach ersten Erfahrungen der Lebensmittelindustrie sind es nur wenige Kunden, die so detailliert nach der Herkunft fragen.

          „Das interessiert doch keinen“, sagt Alexander Wipf, Chefstratege der Frankfurter Werbeagentur Leo Burnett. Gerade bei schnelllebigen Konsumgütern wollten die Kunden vor allem eines: „Schnell wieder raus dem Rewe.“ In der Branche kursiert daher seit einiger Zeit eine Spaß-Präsentation. Titel: Menschen, die QR-Codes scannen. Zu sehen: ein leeres weißes Blatt.

          Die Minderheit der neugierigen Verbraucher aber erhebt ihre Forderung laut. Lebensmittel müssten „rückverfolgbar“ weit über das gesetzlich vorgeschriebene Maß – nur bis zur vorherigen Stufe in der Lieferkette – hinaus sein. Und so basteln Konzerne, Mittelstand und Software-Entwickler mit Hochdruck an Systemen, welche die Neugierde befriedigen sollen.

          Die Fleischbranche steht durch Negativschlagzeilen aus Tierställen und Schlachthäusern in der Kritik wie keine andere. Sie machte nun den Anfang: „F-Trace“ ist der Name einer Internetseite, auf der Verbraucher einen Code von Fleisch-Packungen eintippen können oder alternativ den QR-Code auf der Packung mit dem Smartphone scannen. Zum Beispiel Minutensteaks vom Schwein: „Schlachtbetrieb Danish Crown“, ist hier über eine Packung zu erfahren, Schlachtdatum: 5.9.2013, und weitere Details über den Zerlegungs- und Verpackungsbetrieb. Man sieht, in welchem Dorf der Schweinestall ansässig ist und kann Filme anschauen, die zeigen, wie es dem Massen-Schwein im Stall ergeht. Der nächste Klick für zum Rezept für Pfeffer-Rahmsoße.

          Keine genaueren Informationen

          Knapp 500 Wurst- und Fleischprodukte lassen sich hier zurückverfolgen, 25 Unternehmen machen mit, kleine wie Ponnath und große wie PHW (Wiesenhof) oder Westfleisch. Immerhin mehr als zehntausend Verbraucher am Tag nutzen durchschnittlich die Internetseite oder die App. Das ist angesichts der vielen Millionen Menschen, die täglich Fleisch kaufen, eine Minderheit. Trotzdem bewegt das Thema die Branche wie kaum ein anderes.

          Denn mit den Angeboten lässt sich der Vorwurf abwehren, die Konzerne oder die Lebensmittelindustrie an sich seien nicht transparent oder gar betrügerisch, wie es in dieser Woche sinngemäß von der Verbraucherzentrale Hessen hieß. So arbeitet auch Nestlé mit Hochdruck daran, einen Großteil der Produkte mit den QR-Codes zu versehen. Der Branchenriese will im Jahr 2015 so weit sein, auf „9 von 10 Endverbraucherprodukten“ einen QR-Code plaziert zu haben. Wie präzise die Zutaten zurückzuverfolgen sein werden, ist noch unklar.

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