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Hamsterkäufe : Mit dem Kleinlaster zum Supermarkt

  • -Aktualisiert am

Leider leer: Regal eines Drogeriemarktes in der Berliner Innerstadt Bild: Karsten Thielker

Trotz leerer Regale beteuern Politik und Handel: Die Versorgung mit Lebensmitteln ist sicher. Die Bauern suchen derweil zehntausende Saisonarbeiter.

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          Ob Edeka, Rewe, Lidl oder Aldi: In den Filialen der großen Supermarktketten gleichen sich die Bilder. Viele Regale sind nahezu leer, die für frisches Gemüse ebenso wie die für Konserven, Nudeln, Reis und Klopapier. In den Tiefkühltruhen liegen nur noch vereinzelt Pizzas, auch gefrorenes Obst ist rar. Zwar heißt es seit Tagen, die Versorgung der Bevölkerung in Zeiten der Corona-Krise sei sichergestellt. Doch die Bilder in den Märkten wollen nicht so recht zu diesem Versprechen passen.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Sowohl Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) als auch der Handelsverband HDE appellierten deshalb am Dienstag gemeinsam an die Verbraucher, doch bitte die Hamsterkäufe in den Läden zu unterlassen. Wer mehr kaufe als üblich, animiere andere, es genauso zu tun – ein Teufelskreis, durch den die Regale dann tatsächlich leergeräumt würden. „Hamsterkäufe sind nicht nur unnötig, sie schaden auch“, sagte Klöckner. „Jetzt ist auch die Solidarität unter Verbrauchern gefragt.“

          HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth berichtete, manche Verbraucher würden sich Kleintransporter mieten, um Lebensmittel aus den Läden zu schaffen. „Bei Toilettenpapier wird teilweise der Bedarf eines ganzen Jahres gekauft. Es wird Mehl gehortet, obwohl Kunden seit Jahren kein Brot gebacken haben. In Frankreich kommt es dagegen zu Engpässen bei Rotwein.“ Wenn jeder nur das kaufen würde, was er aktuell benötigt, dann hätten die Supermärkte eine Chance, die Regale wieder zu füllen. „Es ist genug für alle da“, versicherte Klöckner. Trotz der verschärften Grenzkontrollen gebe es keine Engpässe, Waren aus dem Ausland nach Deutschland zu bekommen.

          „Wir arbeiten mit Hochdruck an einer Luftbrücke“

          Für den Notfall hat der Chef von Deutschlands führender Fluggesellschaft Lufthansa Hilfe angeboten. „Wir arbeiten mit Hochdruck an einer Luftbrücke für ganz Deutschland“, sagte Carsten Spohr der „Bild“-Zeitung in Anspielung auf die Versorgung West-Berlins nach dem Zweiten Weltkrieg. Sein Unternehmen werde alles tun, um die Lieferketten für die Versorgung der Menschen aufrechtzuerhalten. Dafür könnten neben den Frachtmaschinen auch Passagier-Langstreckenjets eingesetzt werden. Welche Produkte auf diese Weise von woher nach Deutschland kommen sollten, vermochte Ministerin Klöckner allerdings nicht zu sagen.

          Nach den Zahlen des Landwirtschaftsministeriums kann Deutschland bei vielen Produkten seinen Bedarf im eigenen Land stillen. Bei Kartoffeln liege der Selbstversorgungsgrad bei 148 Prozent, es wird auch mehr Getreide produziert, als hierzulande verbraucht wird. Gleiches gilt für Milchprodukte und Schweinefleisch. Der Präsident des Bauernverbands, Joachim Rukwied, betonte, auch die Futterversorgung für die Tiere sei gesichert, Deutschland werde also nicht das Fleisch und die Wurst ausgehen. Bei Gemüse liegt der Selbstversorgungsgrad dagegen nur bei 38 Prozent, bei Obst nur bei 13 Prozent.

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          Trotz aller Beteuerungen, dass die Lebensmittelversorgung gesichert sei – an manchen Stellen hakt es dann aber doch. Ein Beispiel sind Lkw-Fahrer, die keine Waren mehr nach Deutschland liefern wollen, aus Angst vor dem Virus oder aus Angst, dass sie wegen der verschärften Grenzkontrollen danach nicht mehr in ihre Heimatländer zurück könnten. Auch die knapp 300.000 Saisonarbeiter, die nach Angaben des Bauernverbands jedes Jahr zwischen April und Oktober auf den Feldern helfen, könnten jetzt ausbleiben. „Die Pflanzen sind bestellt, Salat, Kohl, Brokkoli, die müssen jetzt raus auf die Felder, dazu brauchen wir unsere Saisonarbeitskräfte“, sagte Rukwied. Das Landwirtschaftsministerium ist deshalb in Gesprächen mit der Lufthansa, ob diese Arbeitskräfte mit dem Flugzeug nach Deutschland gebracht werden könnten, sofern sie weiter hier arbeiten wollen. In den vergangenen Tagen hatte Klöckner angeregt, Mitarbeiter aus der Gastronomie und Hotellerie könnten auf den Feldern aushelfen. Wie das organisatorisch ablaufen soll, ist aber noch offen.

          Die Ernährungsindustrie fordert unterdessen, für die rund 6000 meist mittelständischen Unternehmen die Arbeitszeiten flexibler zu gestalten, etwa Arbeitstage von mehr als 10 Stunden zu erlauben. Der Handelsverband hält es derzeit nicht für nötig, die Läden auch am Sonntag zu öffnen. Auch eine Rationierung von Waren oder eine Begrenzung der Zahl der Kunden im Laden sei nicht erforderlich. Genth bat die Kunden, mehr unter der Woche einzukaufen. Die Landwirtschaftsministerin erwartet nicht, dass wegen der Krise die Preise für Lebensmittel steigen. Allerdings brachte sie die Idee ins Spiel, ob Unternehmen den Beschäftigten nicht einen „Corona-Bonus“ zahlen könnten.

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