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Lebensmittel : Der weit gereiste Ökoapfel

Bild: DIETER RÜCHEL

Bioware kommt aus der Region. So wünschen es die Kunden. Doch die Realität sieht anders aus: Selbst klassisch deutsche Lebensmittel wie Kartoffeln, Äpfel oder Zwiebeln haben oft Tausende Kilometer hinter sich. Denn heimische Produzenten kommen mit der Nachfrage nicht mit.

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          Die frisch umgebaute Frankfurter Alnatura-Filiale hatte am Freitag neuseeländische Braeburn-Äpfel-Schnitze auf den Probierteller gelegt, um für eine frische Lieferung aus einem Luftlinie 18.500 Kilometer entfernten Lieferland zu werben. Die deutschen Äpfel mussten an diesem Tag ohne Zusatzwerbung auskommen.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Der Alnatura-Wettbewerber Basic, der sich gerade mit der Billigmarktkette Lidl verbrüdert, bietet neben heimischer Ware unterdessen Äpfel aus Argentinien - Luftlinie 11.000 Kilometer - an. Zucchini kommen im Sattelschlepper aus Spanien, Sonnenblumenkerne im Frachtschiff aus China, notiert besorgt das Greenpeace-Magazin.

          „Traurige Entwicklung“

          Wie öko ist das noch? Das fragen besorgte Kunden. Der Ökopionier Karl Schweisfurth spricht von einer „traurigen Entwicklung“. Fest steht, mit der suggerierten Regionalität hat das Angebot der Ökokaufleute nur noch wenig zu tun. Allerdings: Es geht kaum anders.

          Immer mehr Kunden verlangen nach der Ware mit dem Biosiegel, heimische Anbieter können das gar nicht schaffen. Bei Kaffee, Bananen und exotischen Nüssen ist das eine Selbstverständlichkeit. Die Pflanzen gedeihen nun mal nicht in Brandenburg. Aber es fehlen auch Mohrrüben, Hafer, Kartoffeln oder Schweinefleisch.

          Seit 2006 mischen Aldi und Lidl richtig mit

          Die Rechnung ist einfach: Die Anbaufläche für Ökolebensmittel wächst in Deutschland jährlich um höchstens drei Prozent nach Jahren der Stagnation. Und aktuell fehlen den Bauern die Anreize, auf ökologische Landwirtschaft umzustellen. Denn es wird auch so gut verdient.

          Gleichzeitig schießt die Nachfrage nach Bioware jährlich um 15 bis 20 Prozent nach oben. Ein Ende des Booms ist nicht abzusehen. Fast jeder deutsche Haushalt hat voriges Jahr sich mindestens einmal Bioware gegönnt, weiß die Gesellschaft für Konsumforschung. Und die Kunden knausern offenbar nicht mehr so, heißt es in der McKinsey-Handelsstudie. Zudem wird Bioware billiger: Seit 2006 mischen die Discounter Aldi und Lidl richtig mit. Sie hätten sich gar nicht in das Geschäft mit der Bioware gewagt, wären sie bei ihren großen Bestellmengen allein auf deutsche Lieferanten angewiesen gewesen. Den zusätzlichen Bedarf decken die Händler in Ländern wie Italien und Spanien, wo die Anbaufläche für Bioware nicht nur größer ist als in Deutschland, sondern auch schneller wächst. Wichtig für deutsche Abnehmer sind Argentinien und Osteuropa.

          Der weite Weg ist oft nicht bedenklich

          Dass große Distanzen ökologisch bedenklich sind, ist nicht so eindeutig, wie man meinen könnte. Greenpeace rechnet zwar vor, dass bei Äpfeln aus der näheren Umgebung nur ein Sechstel so viel Kohlendioxid entsteht wie bei Äpfeln, die per Schiff aus Neuseeland kommen. Doch unabhängige Wissenschaftler kommen zu anderen Ergebnissen. Michael Blanke, Obstforscher an der Universität Bonn, folgte selbst dem Weg des Apfels von Neuseeland ins Rheinland und rechnete, wie viel Energie Herstellung und Transport des Düngers benötigen. Dann verglich er die Zahlen mit denen eines Apfels aus Meckenheim bei Bonn. Der wird fünf Monate lang bei ein bis drei Grad im Kühlhaus gelagert. Der Apfel aus Neuseeland verbraucht kaum mehr Energie. Ähnliche Ergebnisse liefern Studien für andere Obstsorten, Gemüse und für Schaffleisch. Für die Biokunden heißt das: Der weite Weg ist oft nicht bedenklich. Die Ware verbraucht mehr Energie auf dem Transportweg und weniger bei der Lagerung.

          Problematisch ist, dass die Kunden die so genannten Foodmiles oft nicht erkennen. Während bei frischem Obst und Gemüse die Herkunftsländer ausgewiesen werden müssen, fehlen bei anderen Produktgruppen die Hinweise. Besonders kompliziert wird es bei Mischware: Im Paradeprodukt der Ökobewegung, dem Müsli, stecken Zutaten aus der ganzen Welt. Zehntausende Kilometer. Der Kunde wird es nicht erfahren.

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