https://www.faz.net/-gqe-vdpr

Lebensmittel : Bio wird knapp

  • Aktualisiert am

Biolebensmittel sind im Trend Bild: dpa

Biokartoffeln und -möhren kommen immer öfter aus dem Ausland, weil der deutsche Markt die große Nachfrage nicht mehr bedienen kann. Branchenvertreter fordern stärkere Anreize für Bauern, ihren Betrieb umzustellen.

          2 Min.

          Wer Bio-Produkte verkauft, hat gut lachen. Während der Lebensmitteleinzel-handel insgesamt lahmt, freuen sich die Bio-Händler seit Jahren über rasant steigende Umsätze, Naturkost-Ketten eröffnen neue Filialen und stellen Personal ein. Ganz zufrieden ist die Branche dennoch nicht, denn die heimischen Erzeuger können die wachsende Nachfrage nicht mehr bedienen. Das sei ein zunehmendes Problem, sagt Michael Radau, Vorsitzender des im südhessischen Bickenbach ansässigen Verbands der Bio-Supermärkte und Vorstand der SuperBioMarkt AG im westfälischen Münster.

          Auch Manon Haccius, Mitglied der Geschäftsleitung der Naturkostkette Alnatura im südhessischen Bickenbach, klagt: „Es ist weiterhin so, dass die Anzahl der Bio-Landwirte in Deutschland langsamer wächst als sich der Markt entwickelt.“ Denn während der Handel nach Angaben des Bauernverbandes die Umsätze auch 2006 um gut 15 Prozent auf 4,5 Milliarden Euro steigerte, wuchs die ökologisch bewirtschaftete Fläche nur um 2,3 Prozent. Nach Radaus Worten setzte sich das zweistellige Wachstum des Handels auch im ersten Halbjahr 2007 fort - allerdings auf nach wie vor niedrigem Niveau: Der Anteil der Branche am Gesamtumsatz des Lebensmittelhandels liege bei rund drei Prozent.

          Vertrauen in heimische Kontrolleure

          Gemeinhin dürfte es den meisten Einzelhändlern gleichgültig sein, woher sie ihre Waren beziehen. In der Bio-Branche ist das nicht so. Denn erstens gelten die Kriterien für Lebensmittel, die unter einem Bio-Siegel verkauft werden, in Deutschland als strenger, und Verbraucher haben auch mehr Vertrauen in die Kontrollen hier zu Lande als andernorts. Es gilt, einen Ruf zu schützen. Zum anderen widersprechen lange, umweltschädigende Anfahrtswege den eigenen Ansprüchen einer Branche, die regionale Erzeuger beflügeln und möglichst persönlich kennen will - und die sich zugleich auf die Fahnen schreibt, einen Beitrag zum Tier- und Landschaftsschutz in der Heimat zu leisten.

          Radau ist besorgt: „Wenn die Entwicklung so weitergeht, werden wir massive Schwierigkeiten kriegen, hochwertige ökologische Produkte aus Deutschland zu beziehen. Das wäre extrem schade und gegen den Geist der meisten Unternehmen.“ Auch Haccius sieht das Problem mangelnder heimischer Erzeugnisse auf die Branche zukommen. Aktuell schätzt sie den Importanteil bei Obst und Gemüse auf 50 Prozent. Das entspreche in etwa dem Anteil konventioneller Anbieter und sei auch auf klimatische Voraussetzungen zurückzuführen. „Zum Teil hat es aber auch mit den hohen Arbeitskosten und damit mit den Preisen der Produkte zu tun, die die Verbraucher nicht bereit sind zu zahlen.“ Zunehmend würden nicht nur Kiwis und Orangen eingeführt, sondern auch Frühkartoffeln aus Ägypten, Italien und Spanien oder Möhren aus Israel, Spanien und Frankreich.

          Verband für bessere Förderung

          Radau betont, in immer mehr Bereichen stünden zu wenig ökologische Produkte in der gewollten Qualität zur Verfügung: „Die Anreize für Landwirte sind einfach im Moment zu gering in Deutschland.“ In anderen Ländern sei die Förderung besser, um die drei bis vier Jahre der kompletten Umstellung auf ökologischen Landbau zu verkraften. In dieser Zeit müssen die Bauern zwar schon ökologisch wirtschaften, dürfen ihre Erzeugnisse aber nur konventionell oder als so genannte Umstellware - also zu niedrigeren Preisen - verkaufen. „Da braucht der Landwirt finanziellen Ausgleich“, fordert Radau.

          Zuletzt seien Umstellprämien zum Teil zurückgefahren worden, zum Teil wurden sie eingefroren. „Das größte Problem ist die politische Unsicherheit. Bauern brauchen für längere Zeiträume verlässliche Rahmenbedingungen“, klagt Haccius. Radau sieht im Moment keine Trendwende zu höheren Förderungen. Daher müsse der Bio-Handel in den sauren Apfel beißen, und Milch oder Möhren irgendwann verstärkt aus Polen oder Tschechien importieren: „Wir werden immer mehr aus dem Ausland beziehen müssen - auch Grundnahrungsmittel.“

          Weitere Themen

          „Moralappelle bringen nichts“

          Raus aus der Klimakrise : „Moralappelle bringen nichts“

          Der Kölner Spieltheoretiker und Verhaltensökonom Axel Ockenfels erklärt im Interview, wo der Knackpunkt im Klimakonflikt liegt – und auf welcher Grundlage das Problem von der Weltgemeinschaft gelöst werden könnte.

          Topmeldungen

          Das Kohlekraftwerk Mehrum im Landkreis Peine

          Europas „Green Deal“ : EU will bis 2050 Klimaneutralität erreichen

          Am Mittwoch will die neue EU-Kommission ihren „Green Deal“ vorstellen, nach dem Europa bis 2050 klimaneutral werden soll. Voraussetzung ist der Kohleausstieg aller Länder. Für die vom Strukturwandel besonders betroffenen Regionen soll es Übergangshilfen geben.

          Muhammad Bin Salmans Pläne : Der Ölprinz mit der Billion

          Er ist jung und braucht das Geld: Der saudische Kronprinz Muhammad Bin Salman bringt den weltgrößten Ölkonzern Saudi Aramco an die Börse. Damit will er nicht nur das Land reformieren, sondern auch die eigene Macht sichern.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.