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Lars Schlecker : „Bei uns muss keine Kassiererin schuften“

  • Aktualisiert am

Bis zu 800 Filialen will Lars Schlecker schließen Bild: dpa

Lars Schlecker will das Drogerie-Imperium seines Vaters umkrempeln. Seit drei Jahren macht die Kette Verlust. Nun will er bis zu 800 Filialen schließen und gegen den miesen Ruf kämpfen.

          Herr Schlecker, vor einem halben Jahr sind Sie und Ihre Schwester auf der Bildfläche erschienen und haben versprochen: Schlecker wird schöner, fairer, besser. Was ist seither passiert?

          Eine Menge. Wir haben schon 60 Märkte modernisiert. Wir haben für Schlecker neue Führungsgrundsätze entwickelt. Wir pflegen eine gute Zusammenarbeit mit der Gewerkschaft. So einen Wandel hat Schlecker noch nie erlebt.

          Was ändert sich in den Filialen?

          Nun, es ist ja kein Geheimnis, dass unsere Läden früher manchmal ein bisschen schäbig aussahen.

          Ein bisschen? Schlecker-Märkte sind dunkle Löcher mit vollgestopften Regalen und engen Gängen.

          Wir haben die Gestaltung völlig umgekrempelt. Jetzt sind die Gänge breit, die Regale übersichtlich, und Piktogramme zeigen den Weg zu den Produkten. Die Kassiererin empfängt Sie hinter einer geräumigen Theke. An Kosmetikständen können Frauen in Ruhe Produkte testen. Zur Neueröffnung kommen Stars wie der Boxer Axel Schulz.

          All dies kann man erst in 60 von 8300 Schlecker-Filialen erleben. Wieso geht es so langsam?

          Wir sind mit dem Programm voll im Plan. In diesem Jahr werden wir 250 bis 400 Filialen umstellen. Wenn das neue System erst eingespielt ist, bauen wir im Jahr 1500 Filialen um.

          Ihr Konkurrent dm macht mit viel weniger Läden fast so viel Umsatz wie Sie. Sind Sie bald nur noch die Nummer 2?

          Es gibt noch andere Erfolgsfaktoren: Service, Preis, Rendite.

          In all diesen Disziplinen sehen Sie schlechter aus als die Konkurrenz.

          Daran arbeiten wir ja. Es kann schon sein, dass wir mal ein Jahr auf die Nummer 2 zurückfallen. Aber wer uns kennt, weiß, wir werden wieder angreifen.

          Sie werben im Fernsehen mit lustigen Spots. Sollten Sie nicht eher betonen, dass Sie Ihre Leute gut behandeln? Viele boykottieren Schlecker aus sozialen Gründen.

          In der Tat denken wir darüber nach, unsere Mitarbeiter mehr in die Werbung einzubeziehen. Wir haben sicher Fehler gemacht und können das Ruder nicht über Nacht herumreißen. Aber wir verspüren schon einen Sinneswandel. Man sieht uns nicht mehr so negativ. Die Kunden nehmen das neue Konzept begeistert an.

          Woran machen Sie das fest? Im ersten Quartal ist Ihr Umsatz eingebrochen. 2011 macht Schlecker das dritte Jahr in Folge Verlust.

          Ja, wir haben drei Jahre mit Verlust hinter uns. Für 2011 kann ich noch nichts sagen, aber wir sehen eine deutliche Trendwende. Die Erträge in den ersten fünf Monaten sind durchgehend besser als im Vorjahr. Aber es ist ein Jahr der Transition, da müssen wir geduldig sein.

          Wie viele Filialen müssen Sie noch schließen?

          Es werden wohl noch 500 bis 800 sein. Aber ab 2012, wenn der Umbau fertig ist, wollen wir wieder wachsen. Dann wird keiner mehr über den alten Schlecker sprechen. In neuen Filialen verzeichnen wir dauerhaft ein Umsatzplus von 20 bis 30 Prozent. Das macht Mut.

          In Ihren Regalen klaffen viele Lücken, berichten Mitarbeiter. Haben Sie Liquiditätsprobleme?

          Nein, das sind böse Gerüchte. Wir haben grade kleine Organisationsprobleme, weil wir die Logistik umgestellt haben. Die Lücken können die Verkäuferinnen leicht füllen.

          Was unterscheidet den neuen Schlecker von dm oder Rossmann?

          Unsere Alleinstellung ist klar: Service, Preis und Nähe. Wir haben noch doppelt so viele Filialen wie die Konkurrenz. In kleinen Orten sind wir für die Menschen Supermarkt, Apotheke, Drogerie und Treffpunkt in einem. Wir wollen der nette Nachbar sein, zu dem man auch in Bademantel und Schlappen auf einen Schwatz geht.

          Wer ist wichtiger? Badeschlappen- oder Business-Kunden?

          Wir haben beide, aber Geschäftsleute sind nicht unsere primäre Zielgruppe. Unsere Zielkunden sind Familien, die benötigen das ganze Sortiment. Und sie wissen, dass die freundliche Schlecker-Kassiererin sie auch berät. Das ist in den Riesenmärkten der Konkurrenz undenkbar.

          Mit Verlaub, bei Ihrer Konkurrenz muss die Kassiererin gerade nicht für drei Leute schuften.

          Bei uns muss niemand schuften. Wir haben Tarifverträge abgeschlossen, die ihresgleichen in der Branche suchen. Verdi war sofort bereit, mit uns zu kooperieren.

          Wie viel verdient denn eine Kassiererin jetzt in der Stunde?

          Im Schnitt sind es zwischen 11 und 12 Euro, schätze ich.

          Doppelt so viel wie früher?

          Nein, so niedrig war der Lohn früher nun auch nicht.

          Doch. Als Sie noch Mitarbeiter entlassen und bei der eigenen Zeitarbeitsfirma neu eingestellt haben, verdienten viele 6,78 Euro.

          Da sehen Sie, wie Schlecker sich geändert hat. Unsere Zeitarbeitsfirma gibt es längst nicht mehr.

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