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Mit 66 Jahren : Langjähriger Fiat-Chef Marchionne ist tot

  • Aktualisiert am

Sergio Marchionne bei einer Pressekonferenz in Genf im März 2017. Bild: Picture-Alliance

Schon am Wochenende war der Manager an der Spitze der Autogruppe Fiat Chrysler und Ferrari ersetzt worden. Sein Tod wird von vielen Menschen in Italien als das Ende einer Ära gesehen.

          Der langjährige Chef des italienisch-amerikanischen Autokonzerns Fiat Chrysler, Sergio Marchionne, ist gestorben. Das teilte die Holding der Agnelli-Familie, zu der das Unternehmen gehört, am Mittwoch mit. Schon in den Tagen vor seinem Tod wurde der Italo-Kanadier gewürdigt, als Visionär, als Menschenversteher. Als einer der zuhört und großzügig ist. Dass ausgerechnet eine schwere Erkrankung sein Karriereende markierte, schockierte die Wirtschaftswelt. Marchionne wurde 66 Jahre alt.

          Fiat und Ferrari hatten bereits am Samstag mitgeteilt, dass der 66-Jährige die Chef-Posten beim italienisch-amerikanischen Autobauer Fiat Chrysler Automobiles (FCA) und bei der Tochterfirma Ferrari aus gesundheitlichen Gründen abgeben müsse. Nach unerwarteten Komplikationen bei einer Operation in Zürich hatte sich der Zustand des Managers so stark verschlechtert, dass er seine Arbeit als Fiat-Chef sowie als Präsident und Vorstandschef von Ferrari nicht wieder aufnehmen konnte. Fiat- und Ferrari-Präsident John Elkann sagte laut Mitteilung: „Leider ist das, was wir befürchtet haben, eingetreten. Sergio Marchionne, ein Mann und Freund, ist fort.“ 

          Der Konzern hatte am Wochenende Mike Manley zum neuen Chef ernannt. Marchionne wollte ursprünglich bis 2019 Chef von Fiat Chrysler bleiben, ähnliche Pläne für seine Posten bei Ferrari waren nicht bekannt. Manley gehört seit Jahren zum Top-Management des Autobauers und war bisher für die Marke Jeep zuständig. Neuer Präsident von Ferrari wird John Elkann, Angehöriger der Familie Agnelli und Fiat-Präsident. Zum Ferrari-Vorstandschef ernannte der Aufsichtsrat Louis C. Camilleri, der zuvor unter anderem leitende Positionen beim Tabakmulti Philip Morris innehatte.

          Bekannt für seine markigen Sprüche

          Marchionne war 2004 an die Fiat-Spitze gerückt, als das Turiner Unternehmen kurz vor der Pleite stand. Zehn Jahre später fädelte der Italiener mit kanadischem Pass die Übernahme des ebenfalls schwer angeschlagenen amerikanischen Rivalen Chrysler ein. Seit der Fusion beider Autobauer im Herbst 2014 stieg der Wert der Aktie um fast 350 Prozent – und damit so stark wie bei keinem anderen Unternehmen der Branche. Als wichtiges Vermächtnis Marchionnes gilt auch die Konzentration auf Nischenmarken. Zum Ende seiner Karriere bei FCA hatte der Manager sein letztes großes Ziel erreicht und die Schuldenfreiheit des Unternehmens für Ende Juni verkündet. 

          Marchionne galt als Visionär, aber auch als harter Verhandlungspartner für Gewerkschaften und in der Formel 1. Mit markigen Sprüchen machte er sich weltweit einen Namen. Sein Tod wird von vielen Menschen in Italien als das Ende einer Ära gesehen.

          Scharfe Kritik an Vettel

          Der 1952 in den Abruzzen geborene Marchionne wanderte mit seiner Familie nach Kanada aus, als er 14 Jahre alt war. Dort studierte er neben Wirtschaft und Jura auch Philosophie. Vor seiner Zeit bei Fiat arbeitete er bei Verpackungsfirmen und wurde Chef eines Genfer Prüfkonzerns.

          Seine markigen Sprüche waren im Laufe seiner Karriere immer wieder für eine Nachricht gut. Etwa als Vorwürfe aufkamen, auch Fiat habe bei Abgaswerten geschummelt. Damals sagte Marchionne mit Blick auf VW „Wer uns mit dem deutschen Unternehmen vergleicht, hat etwas Illegales geraucht.“ Auch bei
          Ferrari, dessen Präsident er 2014 und dessen CEO er 2016 wurde, war er dafür bekannt. Brüsk sagte er vor der Vorstellung eines Rennwagens in Richtung seiner Ingenieure und Teamchef Maurizio
          Arrivabene: „Entweder haben sie ein Monster oder Müll gebaut.“

          Marchionnes Strenge bekam auch immer wieder das Team von Formel-1-Pilot Sebastian Vettel zu spüren, das er mehrmals öffentlich klar kritisiert hatte. Über den Chefpiloten der Scuderia sagte Marchionne: Sollte Vettel es schaffen, seine Emotionen zu kontrollieren, die ihm – 
          untypisch für einen Deutschen – immer mal wieder entgleiten würden, habe man die Chance, Lewis Hamilton zu schlagen. In der Formel 1 galt der Ferrari-Präsident und CEO ohnehin als harter Verhandlungspartner. Marchionne drohte auch mit dem Ausstieg von Ferrari. Er wollte verhindern, dass die Formel 1 die DNA des Unternehmens verändert. Doch es ist auch Marchionne zu verdanken, dass Ferrari wieder aufgeholt hat.

          Italien hätte ein paar mehr Marchionnes gebraucht

          Zum Markenzeichen wurden Marchionnes dunkle Strickpullover, die er lieber trug als Anzüge. Einige
          Kommentatoren bezeichneten ihn deshalb sogar als Stilikone. „Der Tag, an dem ich eine Krawatte tragen werden, wir ein großer Tag sein“, sagte er einmal. Im Juni war es so weit, als Marchionne verkündete, Fiat Chrysler von den Schulden befreit zu haben. Erfolg war für Marchionne, der sich selbst als bodenständig beschrieb, nicht selbstverständlich und vor allem begriff er ihn nicht als dauerhaft, sondern als etwas, das man sich Tag für Tag erarbeiten muss.

          Seine Eigenschaft als jemand, der nie den Status quo akzeptiert hätte und nie mit einem „gut genug“ zufrieden war, sei in die Unternehmenskultur von Fiat Chrysler übergegangen, sagte Fiat- und Ferrari-Präsident John Elkann kurz vor Marchionnes Tod. Marchionne sei ein einmaliger, „erleuchteter“ Manager gewesen – für ihn persönlich aber in erster Linie ein wahrer Freund.

          Italiens ehemaliger Ministerpräsident Matteo Renzi hob ihn als jemand hervor, „der die Industrie-Geschichte Italiens verändert hat – ob es seinen Verleumdern gefällt oder nicht“. Denn gleichzeitig erinnerte Renzi an die Kämpfe, die Marchionne mit den Gewerkschaften ausgefochten hatte.
          „Wenn Italien ein paar weitere Marchionnes gehabt hätte, hätten wir eine wettbewerbsfähige Alitalia und einige starke Banken, die in der Welt bekannt wären.“

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