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Langer Atem in der Forschung : 240 Millionen Kilometer mit dem Roboterauto

  • -Aktualisiert am

Zukunftsmusik: Roboterautos sollen den Fahrer entlasten, Staus vermeiden und Unfälle verhindern Bild: AP

Über 240 Millionen Kilometer müsste ein Roboterauto getestet werden, damit sich herausstellt, ob es sicherer fährt als ein Mensch. Bis 2020 wollen die Autohersteller es auf die Straße bringen.

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          Eric Schmidt will es. Rupert Stadler will es. Und auch Elmar Degenhart, Dieter Zetsche und Carlos Ghosn wollen es: ein Roboterauto, das ohne den lenkenden Einfluss eines Menschen fährt – unfallfrei, umweltfreundlich und ohne Staus zu verursachen. Die Vorstandschefs von Google, Audi, Continental, Daimler und Renault-Nissan haben nicht nur dasselbe Ziel. Sie wollen es auch noch alle zum selben Zeitpunkt erreichen. Immer wieder wird das Jahr 2020 genannt. Wahrscheinlich, weil es eine so schöne runde und werbewirksame Zahl ist.

          Fachleute haben starke Zweifel, ob das etwas wird mit dem Roboterauto im Jahr 2020. Einer von ihnen heißt Hermann Winner. Er ist einer der Besten auf diesem Gebiet. Winner arbeitet nicht nur als Professor für Fahrzeugtechnik an der TU Darmstadt, er ist auch Mitglied des Kernteams des Kollegs „Villa Ladenburg“ der Daimler und Benz Stiftung. Winner hat eine sehr einfache Begründung für seine Skepsis gegenüber dem Zeitplan: „Ein Roboterauto, das einen Menschen überfahren hat, wird schnell die Akzeptanz verlieren. Damit das Roboterauto akzeptiert wird, muss es also nachweislich wesentlich besser fahren als ein menschlicher Fahrer. Das dürfte grundsätzlich technisch machbar sein. Den Nachweis zu erbringen, dass es tatsächlich so ist, wird aber sehr viel Zeit und Geld verschlingen“, sagt Winner.

          240 Millionen gefahrene Kilometer sind notwendig

          Der Professor macht eine beeindruckende Rechnung auf: Zwischen zwei Unfällen mit Personenschaden auf der Autobahn legen die heute üblichen Autos in Deutschland etwa 12 Millionen Kilometer Strecke zurück. Mit den heute ausgereiften Fahrerassistenzsystemen – wie etwa Notbremssystemen, automatischem Abstandshalter und Spurhalteassistenten – dürfte sich die unfallfrei zurückgelegte Strecke zwischen zwei Crashs sogar auf 24 Millionen Kilometer verdoppeln, so die Schätzung. Allein für diese Strecke müssten 100 Fahrzeuge ein ganzes Fahrzeugleben (250.000 Kilometer) lang fahren. Die Frage lautet nun: Wie lange muss ein Roboterauto ohne Unfall mit Personenschaden fahren, damit der Hersteller sagen kann, das Roboterauto sei mit 95 Prozent Wahrscheinlichkeit besser als menschliche Fahrer?

          Winner schätzt die Distanz auf 240 Millionen Kilometer für den Nachweis, dass das Roboterauto doppelt so gut ist wie das von einem Menschen mit Assistenztechnik gelenkte Fahrzeug. „Es müssten 1000 Roboterfahrzeuge ein Fahrzeugleben lang fahren“, sagt Winner. Ein Milliardenbetrag wäre für einen solchen Test notwendig, der ja zudem immer noch lange dauern würde. Das Problem ist sogar noch größer: Denn nimmt man nach einem Test Verbesserungen vor, dann muss der Test danach wiederholt werden, um auf Nummer Sicher zu gehen.

          2025 könnten wir automatisiert auf Autobahnen unterwegs sein

          „Die Brute-Force-Methode der freien Fahrt für Roboterautos funktioniert also nicht. Wir müssen eine evolutionäre Entwicklung anstreben“, sagt Winner. Dabei muss gelernt werden, wie die Tests verkürzt werden können: Man müsse herausfinden, welche Bereiche des autonomen Fahrens keinerlei Probleme verursachen und auch künftig keine Probleme verursachen können. Diese Bereiche könne man dann bei Tests auslassen. Um die Testdauer zu verkürzen, müssten auch in Fahrsimulationen möglichst viele sehr unterschiedliche Szenarien durchlaufen werden. Es gelte, eine „lernende Fahrintelligenz“ zu schaffen. „Das ist aber zugleich ein Problem: Denn man weiß nicht, was der Lernprozess bringt“, sagt Winner. Im Science-Fiction-Film „Artificial Intelligence“ von Steven Spielberg etwa greifen die Maschinen die Menschen an.

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