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Landwirtschaft : Warum die deutschen Champignons in Polen wachsen

  • -Aktualisiert am

Die Konkurrenz aus dem Ausland sorgt für Aufregung unter deutschen Champignon-Bauern. Bild: AFP

Den deutschen Champignon-Bauern macht die Energiewende zu schaffen: Weil Landwirte mittlerweile mit Mist Geld verdienen können, steigen die Kosten. Für Aufregung sorgt der „Etikettenschwindel“ ausländischer Produzenten.

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          Für manchen strengen Vegetarier wäre es eine erschreckende Erkenntnis zu wissen, wie viel Fleisch im Champignon steckt. Ohne das Fleisch jedenfalls gäbe es den Champignon nicht. Weder in der Menge, noch so günstig, wie der Pilz derzeit in den meisten Supermärkten ist. Denn der Nährboden für Champignons ist ein Substrat, das in der Regel aus Stroh, Gips und Hühnermist besteht. Stroh und Mist aber werden zunehmend auch in den Biogasanlagen in elektrischen Strom umgewandelt. Die Folge: Sie werden als Rohstoff teurer, die Kosten für die Pilzzüchter steigen. Zwar ist es Handelsketten wie Aldi und Edeka offenbar immer noch möglich, Champignons etwa für 99 Cent je Viertel-Kilo-Schälchen anzubieten. Gleichwohl ist dieses Ringen um Ressourcen, die einst Abfall waren, beispielhaft für die durch die Energiewende verschärfte Konkurrenz von der Land- und der Energiewirtschaft.

          Die Energiewende spaltet die Bauern. Wer Energiepflanzen anbaut, profitiert, die anderen müssen höhere Kosten hinnehmen. Zur Branchenmesse „Biofach“, die am Dienstag in Nürnberg begonnen hat, beklagte der Ökobauernverband BÖLW, dass deutsche Landwirte wenig von dem stark steigenden Umsatz der Bio-Lebensmittelbranche profitierten. Der Grund: Auf den Flächen ist der EEG-geförderte Anbau von Energiepflanzen attraktiver und treibt die Pachtpreise hoch.

          Die Pilzfabriken haben sich in den vergangenen Jahrzehnten in der Nachbarschaft von Geflügelställen angesiedelt. In Teilen Mecklenburgs etwa. Oder in Rechterfeld in Niedersachsen. Gleich gegenüber dem größten deutschen Geflügelproduzenten Wiesenhof wachsen dort die Pilze - Dutzende Tonnen jede Woche. Rechterfeld ist der Sitz der Wiesenhof Pilzland GmbH - einer der beiden großen deutschen Erzeuger neben der Dohme Pilzvertrieb GmbH. Knapp ein Viertel der deutschen Produktion kommt von den Wiesenhof-Betrieben. Vor 28 Jahren begannen Familienmitglieder der Wiesenhof-Inhaber, Champignons zu züchten. Damals ging es darum, etwas Geldbringendes aus dem Mist zu machen um ihn nicht wegwerfen zu müssen. Heute stehen viele Biogasanlagen in der Nähe, die den Mist als Rohstoff brauchen.

          Im Ausland gezüchtet, in Deutschland geerntet

          Wiesenhof baute immer größere Hallen. Seine Pilz-Gruppe gehört in das Konzerngeflecht der EW-Gruppe (EW für Erich Wesjohann). Die hat rund 5000 Mitarbeiter und macht mehrere Milliarden Euro Umsatz, wozu die Pilze nur einen Bruchteil beitragen. Wiesenhof, Dohme und die kleineren deutschen Hersteller beklagen nun, dass sie immer mehr Geld für Mist und Stroh bezahlen müssen. Früher sei es so gewesen, dass die Landwirte den Pilzfabriken noch Geld dazugaben, wenn sie ihnen den Mist aus dem Stall abnahmen. Das hat sich geändert, seit es vor wenigen Jahren gesetzlich erlaubt wurde, den Mist in Biogasanlagen zu Strom zu machen. Seitdem kostet der Mist Geld. „Früher waren das Abfälle, jetzt sind es organische Reststoffe“, sagt Torben Kruse, der Geschäftsführer der Pilzkulturen Wesjohann GbR. Auch Stroh werfen manche Landwirte heute in ihre Biogasanlagen. Seitdem steigt der Preis. Das Unternehmen Verbio machte vor zwei Jahren den Anfang, als es die erste dafür geeignete Anlage in Sachsen-Anhalt baute.

          Die Pilzbranche im Speziellen hat ein zweites Problem. Immer mehr qualitativ gleichwertige Ware aus Holland und Polen kommt auf den Markt. Das regt die Züchter ziemlich auf. Ihr Verband BDC hat in Brüssel und Berlin interveniert, denn vermehrt würden diese Pilze von Konzernen wie Prime Champ oder Hajduk als „deutsche Ware“ verkauft. „Ein klarer Fall von Verbrauchertäuschung“, heißt es im BDC - juristisch wohl legal, aber eigentlich nicht in Ordnung. „Eine Bedrohung für die deutschen Produzenten“, sagt ein Branchenvertreter.

          Zu Hunderten Tonnen lassen die Erzeuger noch vor der Ernte kleine Champignons mitsamt Nährboden auf Paletten mit Lastwagen über die Grenze fahren. In alten deutschen Lagerhäusern wachsen sie dann noch einige Tage oder Wochen und werden dann meist von osteuropäischen Saisonarbeitern geerntet. Prime Champ kaufte etwa in Baden-Württemberg eine ehemalige Fleischzerlegungshalle, wo heute auf sechs Etagen Dutzende Tonnen deutscher Champignons sprießen. Pilze zählen zu den „mobilen Kulturen“ - sie wachsen nicht wie Getreide in der Erde, sondern auf dem Substrat. Ähnlich ist es mit Kräutern und Schnittlauch. So werden polnische Pilze oder Kräuter nur in Deutschland geerntet und dürfen im Handel unter dem Etikett „Ursprung: Deutschland“ verkauft werden. Laut einer Zollvorschrift ist einzig der Ort der Ernte maßgeblich für die Herkunftsbezeichnung.

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