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Landesbank in Not : „Tiefste Einschnitte in der LBBW-Geschichte“

  • Aktualisiert am

Für jeden fünften Mitarbeiter gehen hier die Lichter aus Bild: AP

Die Eigentümer der Landesbank Baden-Württemberg haben über die Sanierung der Bank beraten. Deren Profil soll künftig ein anderes sein. Vom Rückzug aus dem Kapitalmarktgeschäft ist die Rede. Und 2500 Stellen werden gestrichen - fast jeder fünfte Arbeitsplatz.

          Die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) streicht nach Angaben des Stuttgarter Oberbürgermeisters Wolfgang Schuster bis 2013 fast jede fünfte Stelle. Mit dem Wegfall von 2500 der derzeit 13.600 Arbeitsplätze sollten die Kosten pro Jahr um 700 Millionen Euro gesenkt werden, sagte der CDU-Politiker am Donnerstag nach einer Sitzung der LBBW-Trägerversammlung in Stuttgart. Der Abbau betreffe alle Standorte. Gründe für die Probleme der Bank seien Altlasten aus der Übernahme der früheren Sachsen LB und deren Wertpapiergeschäft. Das operative Geschäft laufe aber gut.

          Der seit Juni amtierende LBBW-Vorstandschef Hans-Jörg Vetter wollte den Verwaltungsrat und die Trägerversammlung der LBBW über die wirtschaftliche Lage der Bank informieren und ein Restrukturierungsprogramm vorlegen. Mit Vetters Plänen vertraute Personen sagten, die Bilanzsumme der größten deutschen Landesbank soll innerhalb von vier Jahren um 40 Prozent schrumpfen. Die LBBW wollte sich dazu zunächst nicht äußern.

          Rückzug aus dem Kapitalmarktgeschäft

          Nach der Sitzung sagte der baden-württembergische Justizminister Ulrich Goll, die LBBW stehe vor den tiefsten Einschnitten in ihrer Geschichte. Das Profil der Bank werde künftig kundenorientierter sein. Einzelheiten gab Goll nicht preis. Kreisen zufolge will sich die Bank aus dem Kapitalmarktgeschäft und weitgehend aus dem Immobiliengeschäft zurückziehen. Das fast 90 Milliarden Euro schwere, sogenannte Kreditersatzgeschäft soll abgebaut werden. Dem von der EU geforderten Konzept zufolge konzentriert sich die LBBW künftig auf mittelständische Unternehmer und Privatkunden sowie ihre Funktion als Spitzeninstitut der Sparkassen in Baden-Württemberg, Sachsen und Rheinland-Pfalz.

          Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi will „um jeden Preis“ betriebsbedingte Kündigungen verhindern. „In der LBBW waren betriebsbedingte Kündigungen immer ein Tabu, das soll auch so bleiben“, sagte die zuständige Landesfachbereichsleiterin Rosemarie Bolte. Die Pläne zum Stellenabbau bedürfen aus Sicht der oppositionellen Landtags-SPD der Zustimmung des Personalrats. „Es darf keine pauschale Vollmacht an den LBBW-Vorstand zum Abbau von 2500 Arbeitsplätzen geben“, sagte SPD-Landtagsfraktionschef Claus Schmiedel am Donnerstag in Stuttgart. Personalanpassungen müssten sozial verträglich ablaufen, forderte der SPD-Politiker, der dem LBBW-Verwaltungsrat angehört. Unabdingbar sei auch ein Beitrag des Vorstandes bei Gehältern und Zuschlagszahlungen, um die Auflagen der EU-Kommission für den Kostenabbau zu erfüllen.

          Keine weitere Kapitalspritze

          Obwohl die LBBW in diesem Jahr mutmaßlich wieder einen Milliardenverlust ausweisen wird, soll die Landesbank ohne weitere Kapitalspritze auskommen. Ministerpräsident Günther Oettinger sagte am Mittwoch, „dass die Sorge, dass die Eigentümer Eigenkapital nachschießen müssen, nicht begründet ist“.

          Das Land, die Stadt Stuttgart und die Sparkassen des Landes haben erst in diesem Sommer die LBBW mit 5 Milliarden Euro frischem Geld versorgt. Konkrete Prognosen über die erwarteten Verluste gibt es bisher noch nicht. Gerüchten zufolge könnte die LBBW einen Verlust von 1,8 Milliarden Euro ausweisen. Allerdings wird in Finanzkreisen berichtet, bei der LBBW seien schon bis September knapp 1,8 Milliarden Euro Verlust angefallen, so dass sich bis Dezember das Minus noch einmal deutlich vergrößern könnte. Fest steht, dass sich die LBBW schon deshalb massiv verkleinern wird, weil einige Beteiligungen zum Verkauf gestellt werden, etwa das Immobiliengeschäft, die Leasinggesellschaft oder auch die 20-Prozent-Beteiligung am Düsseldorfer Bankhaus Trinkaus & Burkhardt.

          Restrukturierung nach Maßgaben der EU

          Bei der Restrukturierung orientiert sich der Vorstand an den Maßgaben der EU-Kommission, die eine endgültige Billigung der öffentlichen Beihilfen (neben der 5-Milliarden-Euro-Spritze auch noch Bürgschaften über 12,7 Milliarden Euro) von einer grundlegenden Neuordnung der LBBW abhängig macht. Für die Grünen im Landtag ist das ein Anlass, über den Soffin, den Rettungsschirm des Bundes, als Alternative nachzudenken.

          Auch die FDP-Landesvorsitzende Birgit Homburger mahnte an, man werde prüfen müssen, ob die Eigentümer der LBBW die dramatische Lage allein meistern könnten oder ob man doch den Soffin in Anspruch nehmen solle. Homburger will auch die Privatisierung der Bank wieder auf die Agenda bringen. „Es zeigt sich wieder einmal, dass es nicht gut ist, wenn ein Land eine Bank betreibt“, sagte sie im Interview mit den „Stuttgarter Nachrichten“.

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