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Volkswagen-Führungsstreit : Kurz vor der Revolution gegen Ferdinand Piëch

  • Aktualisiert am

Ferdinand Piëch hat gerade wohl seine erste große Niederlage kassiert. Bild: Reuters

Im Volkswagen-Machtkampf hat es zwischen den obersten Aufsehern richtig gekracht. Firmen-Patriarch Piëch konnte keinen von seiner Position überzeugen. Schließlich haben die übrigen fünf sogar gedroht, ihn notfalls zum Rücktritt aufzufordern, berichtet die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung.

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          Der Konflikt um die Zukunft von VW-Chef Martin Winterkorn hat den Konzern noch stärker erschüttert, als bisher bekannt. Der Streit im Aufsichtsrats-Präsidium von Europas größtem Autobauer war soweit eskaliert, dass es beinahe zu einer Revolte gegen den Vorsitzenden Ferdinand Piëch gekommen wäre, berichtet die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Piëch hatte sich zunächst hartnäckig geweigert, Winterkorn im Amt zu belassen und einer entsprechenden Erklärung der übrigen fünf Mitglieder zuzustimmen. Nach Angaben der F.A.S. forderte er zumindest eine Kompensation für sein Wohlverhalten.

          Die fünf anderen obersten Aufsichtsräte - Betriebsratschef Bernd Osterloh, Berthold Huber, Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil, Wolfgang Porsche und Stephan Wolf - jedoch blieben hart. Sie schlugen Piëch jedes Zugeständnis aus und waren dazu bereit, ihn notfalls zum Rücktritt aufzufordern. Um eine weitere Eskalation zu vermeiden, stellten sich Piëch und die übrigen fünf schließlich gegenseitig ein Ultimatum: Bis zum Freitagmorgen möge jede Seite ihre unversöhnliche Position überdenken. Am Freitag lenkte schließlich Piëch ein.

          Daraufhin verbreite Volkswagen die Mitteilung, in welcher Winterkorn bestätigt wird. „Das Präsidium des Aufsichtsrates der Volkswagen AG stellt fest, dass Professor Dr. Martin Winterkorn der bestmögliche Vorsitzende des Vorstands für Volkswagen ist“, hieß es darin. Und weiter: „Das Präsidium legt großen Wert darauf, dass Herr Professor Dr. Winterkorn seine Funktion als Vorsitzender des Vorstands auch weiterhin so aktiv und erfolgreich wie bisher verfolgt. Er hat hierbei die uneingeschränkte Unterstützung des Gremiums.“ Zugleich wurde Winterkorn eine Verlängerung seines im kommenden Jahr auslaufenden Vertrages in Aussicht gestellt.

          Das Tagesgeschäft macht bald ein anderer

          Nach der gewonnen Machtprobe in Europas größtem Autokonzern äußerte sich Volkswagen-Vorstandschef Martin Winterkorn erstmals öffentlich. „Dieser Vertrauensbeweis ist Rückenwind auf unserem Weg, Volkswagen zum erfolgreichsten Automobilkonzern der Welt zu machen“, sagte er der „Bild am Sonntag“.

          Auch der Gesamtbetriebsrats-Vorsitzende Bernd Osterloh - die Arbeitnehmerseite verfügt über zehn von zwanzig Aufsichtsratsmandaten und damit über mehr Stimmen als die Familien Piëch und Porsche zusammen - stellte sich noch einmal hinter den Konzernlenker. Er äußerte im Führungsstreit schon sehr früh die Meinung, Winterkorn solle auch über das kommende Jahr hinaus am Ruder bleiben. „Wir müssen in den nächsten Jahren gemeinsam mit ihm die neuen Strukturen schaffen, um damit die Grundlage dafür zu legen, dass sein Nachfolger genauso erfolgreich sein kann wie er“, sagte er nun der Branchenzeitung „Automobilwoche“. Mit einer Vertragsverlängerung für Winterkorn könne die „beispiellose Erfolgsgeschichte“ von Volkswagen fortgesetzt werden. Winterkorn sei ein „Glücksfall für das Unternehmen“.

          Ein Nachfolger muss nach Worten Osterlohs erst noch aufgebaut werden. „Generell haben wir viele weitere Manager im Konzern, die in Betracht kämen. Aber die müssen sich in den nächsten Jahren erst noch einmal beweisen“, sagte der Betriebsratschef. Als möglicher Winterkorn-Nachfolger gilt zum Beispiel Porsche-Vorstandschef Matthias Müller.

          Beobachter vermuten indes, dass Piëch trotz der nun erlittenen Schlappe keine Ruhe geben wird. Er werde etwa an seinem Ziel festhalten, Winterkorn als seinen Nachfolger an der Spitze des Aufsichtsrates zu verhindern. Helmut Becker, früher Chefvolkswirt von BMW, hält Winterkorn nun für geschwächt. „Winterkorn hat nicht gewonnen“, sondern er habe lediglich einen Etappensieg erreicht, sagte er. Ohnehin wird Winterkorn einen Teil seiner direkten Zuständigkeiten demnächst abgeben. Ab der Jahresmitte soll der bisherige BMW-Manager Herbert Diess in den Volkswagen-Konzern wechseln und von Winterkorn die Führung der schwächelnden Hauptmarke VW übernehmen.

          Laut Betriebsratschef Osterloh ist die Funktion von Diess vergleichbar mit dem Posten eines Chief Operating Officer (COO), der in amerikanischen Unternehmen für das Tagesgeschäft verantwortlich ist. Diess werde dafür zuständig sein, dass die von Winterkorn eingeleiteten Maßnahmen erfolgreich umgesetzt werden. „In Brasilien gibt es aktuell viel zu tun, in Russland, Indien, in den USA“, sagte Osterloh.

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