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Kritik am Versandhändler : Die Allmacht von Amazon

Bestellung und Lieferung am selben Tag: Noch Zukunftsmusik Bild: Rüchel, Dieter

Die Aufregung über Amazon bringt es ans Licht: Unbeirrt krempelt der Versandhändler unser aller Leben um. Er baut ein Monopol, das in Richtung „Same-Day-Lieferung“ läuft. Die Branche ist verängstigt.

          7 Min.

          Wie angesehen eine amerikanische Hochschule ist, zeigt sich an der Prominenz des Redners auf der jährlichen Abschlussfeier. Je nach Ranking der Uni gibt Steve Jobs den in Umhang und Bommelkappe gewandeten Absolventen Weisheiten mit auf den Weg. Oder es redet der Typ, der die meisten Ford-Vertragswerkstätten im Bundesstaat besitzt. Die Absolventen des Princeton-Jahrgangs 2010 waren also stolz, als Jeff Bezos, Gründer und CEO des Online-Kaufhauses Amazon, ihnen Dönekes aus seiner Kindheit erzählte.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Der 49-Jährige führt das neben Google und Facebook größte Internetunternehmen der Welt. Geschätztes Vermögen: 20 Milliarden Dollar. Bezos berichtete vom zehnjährige Jeff, schmächtig, schlau und vorlaut, der während der Fahrt in den Urlaub den Großeltern vorrechnete, dass sich die Lebenszeit der Oma durch deren Zigarettenkonsum um neun Jahre verkürze, woraufhin die alte Dame in Tränen ausbrach.

          Wer wie er vom lieben Gott mit mehr Hirn gesegnet sei als üblich, schloss Bezos aus dem Drama, habe im Leben die Wahl: seine Cleverness auszuspielen auf Kosten anderer oder seinen Nächsten zu lieben. Angesichts der aggressiven Wachstumsstrategie, die Bezos seit der Amazon-Gründung 1994 gegen alle Kritik exekutiert hat, keimte in der Kapelle in Princeton die Ahnung: Wer auch nur annähernd so erfolgreich sein will wie der Redner, sollte sich schleunigst für Lebensvariante eins entscheiden.

          Geräuschlos zum bald mächtigsten Händler der Welt

          Auch in Deutschland kommt dieser Tage bei vielen das Gefühl auf, da nutze in der Amazon-Firmenzentrale in Seattle durchaus jemand äußerst clever seine Macht zu eigenen Gunsten aus: Nicht nur sämtliche im Bundestag vertretenen Parteien, auch die Bundesagentur für Arbeit kritisiert die Art und Weise, wie Amazon Leiharbeit einsetze, als unanständig. Verleger (von überschaubarer Größe) kündigen dem auf dem Buchmarkt allmächtigen Spieler die Geschäftsbeziehung auf. Und das Bundeskartellamt äußerst den Verdacht, die rabiaten Methoden Amazons schädigten nicht nur Angestellte und Konkurrenten, sondern alle, die Waren im Internet kaufen - die Allmacht der Amerikaner treibe die Preise wettbewerbswidrig hoch.

          Dann wären nicht nur Leiharbeiter geschädigt - sondern sämtliche Kunden. Eineinhalb Wochen nach der ARD-Reportage über das Bad Hersfelder Amazon-Lager rollt immer noch die Wutwelle gegen Amazon durchs Land. Wie viele Kunden ihre Konten beim Händler gekündigt haben, ist nicht bekannt, doch es dürfte dem Konzern zumindest vorübergehend eine Umsatzdelle verpassen.

          Nein, dass Amazon relativ geräuschlos in den vergangenen zwei Dekaden zum bald mächtigsten Händler der Welt aufgestiegen ist, sei weniger Bezos’ Nächstenliebe geschuldet, stöhnt auch der deutsche Literaturbetrieb: Bald habe Bezos sein Ziel erreicht, Buchläden aus Beton gänzlich überflüssig zu machen, so wie gedruckte Bücher und die althergebrachten Verlage, deren verlegerische Funktion Amazon fortan gerne selbst übernehmen würde. Oft wird Amazon als Geschäftsmodell ohne Profit geschmäht, doch wer das sagt, hat Bezos’ Philosophie nicht verstanden. Und die Amazon-Bilanz auch nicht. Vier Milliarden Dollar Betriebsgewinn erzielte der Konzern im vergangenen Jahr, doppelt so viel wie ein Jahr zuvor.

          Doch das Cash steckte Bezos augenblicklich wieder in den Bau einer schnelleren Website, in mehr und größere Lager und gewaltigere Marketingschlachten: Amazon soll wachsen. Und wachsen. Und wachsen. Ausbeutung nennen es die einen, andere nennen es die totale Effizienz, die in allererster Linie dem Unternehmen zugutekommt. Der Verantwortliche für Wirtschaftsförderung im englischen Glenn Watson, wo Amazon ein Lager unterhält, urteilte wenige Tage vor dem ARD-Report in einer vernichtenden Reportage der „Financial Times“ über die knapp kalkulierenden Amerikaner: „Sie sind nicht als guter Arbeitgeber angesehen. Sie helfen nicht unserer Wirtschaft.“

          Und nun auch noch das: Neben den bisherigen Vorwürfen, der Konzern nutze Steuerschlupflöcher, will Bundeskartellamts-Chef Andreas Mundt Amazons Geschäftsgebaren prüfen. Der Kartellfall ist kompliziert, aber brisant, zeigt er doch die Struktur des Amazon-Erfolgs wie unter dem Mikroskop: wachsen, bis es kracht - und die Rechnung geht womöglich an die Kunden. Dass Amazon das Lesegerät Kindle auf den Markt brachte, auf dem der Amazon-Büchershop vorinstalliert ist, mag Buchhändler in Rage bringen. Verleger indes schon weniger, die loben insgeheim die gewaltige Vertriebsstärke der Amazon-Maschine für ihre Bestseller, auf die wiederum auch Amazon nicht verzichten kann: Deshalb greift zu kurz, wer dieser Tage den Diogenes-Verlag als Beweis für die Bösartigkeit Amazons ins Feld führt.

          Zwar verließ Diogenes 2006 aus Protest gegen hohe Rabattforderungen die Plattform. Aber wenig später einigten Verlag und Internet-Riese sich wieder in aller Stille. Keiner will eben ganz auf den anderen verzichten. Wenige Kunden machen sich klar, wie breit das Angebot von Amazon schon ist. Elektroartikel und anderes Erwerbsgut spülen dem Konzern schon doppelt so viel Geld in die Kasse, wie Bücher und DVDs.

          Die Händler können auf Amazon nicht verzichten

          Aber das reicht Jeff Bezos noch nicht. Künftig würden die Menschen jegliche Bedürfnisse - abgesehen von der Tüte Milch am Morgen - im Internet stillen, das ist Bezos’ fester Glaube. Und Amazon soll alle Sehnsüchte stillen. Die Konkurrenz darf gerne mitmischen - aber nur auf Bezos’ Seite. Und zu seinen Regeln.

          Auf seiner Plattform verkauft Amazon längst nicht mehr nur selbst. Jeden dritten Euro erzielen kleine Dritthändler mit Küchenbüro und gar keinen bis wenigen Mitarbeitern, aber auch mittelständische 30-Mann-Betriebe, die Amazon als Marktplatz nutzen. Die Händler kaufen in Fernost Lampen und Rattansessel und verhökern diese auf dem Portal - das ist praktisch, weil Amazon die Abwicklung des Bezahlvorgangs übernimmt, die Lagerung sowie den Versand, gegen Bezahlung, versteht sich. Die Gebühren, die Amazon dafür fordert, sind saftig, im Schnitt zehn Prozent höher als auf dem Konkurrenzmarktplatz Ebay.

          Doch die Händler können auf Amazon nicht verzichten. Wollen sie nicht einen Gutteil von Umsatz und Marge verlieren und so ihre Angestellten nicht mehr bezahlen können, müssen sie auf Amazon verkaufen. Der Online-Handel wächst mit einer Rate von 30 Prozent im Jahr, während das Ladengeschäft in den Einkaufsstraßen der Republik schrumpft. Und Amazon dominiert das Geschäft im Netz.

          Effizient und effektiv

          Diese Zahl hat es in sich: Am Ende könnten Internetkunden zehn Prozent zu viel für ihre Käufe zahlen, glauben die Bonner Wettbewerbswächter: „Ohne die Prüfung vorwegnehmen zu wollen“, sagt Kartellamts-Präsident Mundt, bei dem sich die Beschwerden über Amazon seit einem Dreivierteljahr häufen: „Dies könnte ein mögliches Ergebnis sein.“

          Amazon ist eben eine Verkaufsmaschine: effizient und effektiv. Und Jeff Bezos liebt Zahlen. Zudem ist er ein mitteilungsfreudiger Mann. Deshalb weiß die Welt nun aus der aktuellen „Vogue“, dass Bezos seine Ehefrau, die zuvor seine Assistentin war, nicht zuletzt wegen deren exzellenter Noten im College-Eignungstest lieben lernte. Bezos erzählt auch gern, wie er in der Highschool Eltern von Mitschülern anschrieb, warum sie für die Teilnahme ihres Sprösslings an seinem progressiven Lesekreis im Kinderzimmer 150 Dollar pro Kopf zahlen sollten - vier Anmeldungen gab es und einen Umsatz von 600 Dollar, ohne Kosten.

          Umsatz gleich Reingewinn, das ist der Traum jedes Unternehmers. Selbst ranghohe Amazon-Manager fliegen folglich Economy-Class, und in Amerika gingen sommers Geschichten durch den Blätterwald, nach denen Amazon Hitzewellen von 38 Grad in der Lagerhalle zuweilen wie folgt löse: Der Konzern habe Ambulanzwagen vorfahren lassen, behaupteten Mitarbeiter.

          Dividende? Gab es nie bei Amazon, bis heute

          Das Zauberwort heißt Effizienz. Seinen Hochlohnposten bei einem New Yorker Hedgefonds gab Bezos auf, als Anfang der neunziger Jahre die Zahlen des neu entdeckten Internets auf seinem Tisch lagen: 2.300 Prozent Wachstum im Jahr - Bezos packte die Goldgräberstimmung. Allerdings versprach der Amazon-Herrscher seinen Aktionären nie schnelle Gewinne wie andere Dot.com-Traumtänzer, die dann in der Krise der Jahrtausendwende abstürzten. Bezos ist ein vernünftiger Mann. 2003, vier Jahre vor dem Platzen der Immobilienblase, wetterte er, ihm werde übel, wenn Banken im Schaufenster für die Aufnahme einer zweiten Hypothek aufs Eigenheim würben.

          Seine eigenen Aktionäre bat Bezos stets um Geduld: Vertraut mir, dann mache ich euch eines Tages reich. Sie vertrauen ihm. Dividende? Gab es nie bei Amazon, bis heute. Die Anleger kaufen die Aktie trotzdem, ihr Kurs steigt und steigt. Die Finanzwelt weiß, was sie an Bezos hat, der seinen Angestellten sein Credo eingebimst hat: Die Macht der Plattform muss ausgebaut werden, egal wie. Ist sie erst richtig groß, kann abkassiert werden.

          Dann werden alle reich, die Aktionäre und Bezos, der seine Anteile nie so zahlreich verkauft hat wie andere Internetunternehmer. Zur Erinnerung an dieses Ziel schreibt Bezos seinen Angestellten zu jeder Tages- und Nachtzeit E-Mails mit ein paar knappen Sätzen, an deren Ende eine Reihe Fragezeichen stehen, die wirken wie Paukenschläge.

          Amazon-Boss Jeff Bezos: „Wenn wir etwas erfinden, ist es radikal“

          Also schreiben die Mitarbeiter ebenfalls E-Mails, zum Beispiel an die Dritthändler auf Amazon. Die Mails liegen nun auf den Schreibtischen der Bonner Wettbewerbshüter, ihr Inhalt könnte die konsumfreudigen und sparsamen deutschen Online-Käufer nachhaltiger aufregen als die Fernsehbilder von den harten Arbeitsbedingungen in den Amazon-Lagerhallen. Denn hier geht es um ihr Geld.

          „Guten Tag!“, schrieb ein Amazon-Mitarbeiter etwa im vergangenen Juni an den süddeutschen Möbel-Importeur Dieter Henschel. Man habe festgestellt: Henschel biete seine Ware auf Amazon teurer an als auf Plattformen wie Ebay. Henschel antwortete, es bleibe ihm nichts anderes übrig: Amazon verlange schließlich auch höhere Gebühren von den Händlern als Ebay, schmälert also ihre Gewinnmarge.

          Das stört die Amazon-Betreiber indes wenig, im Gegensatz zur Gefahr, andere Plattformen seien billiger: Zwei Tage habe Henschel Zeit, den Preis auf Amazon zu senken oder den auf Ebay zu erhöhen, hieß es. Andernfalls, machte der Mail-Schreiber klar, schalte man um auf härtere Gangart: „Wir behalten uns vor, weitere Maßnahmen zu ergreifen, einschließlich der Aussetzung oder des Entzugs Ihrer Berechtigung zum Verkauf bei Amazon.“

          „Das ist ein Teufelskreis“

          Nach der zweiten Mahnung und einem Drohanruf per Telefon gab Henschel klein bei und erhöhte seine Preise bei Ebay um zehn Prozent. Zehn Millionen setzt Henschel im Jahr um, ein Drittel davon bei Amazon: „Kein Online-Händler kann sich leisten, dort nicht zu verkaufen.“ Deshalb will der Endvierziger seinen richtigen Namen auch nicht in der Zeitung lesen, fürchtet er doch die Rache. Bald, rechnet Henschel die Entwicklung seiner Umsätze hoch, verkaufe er jedes zweite Produkt auf der Seite der Amerikaner, was Amazons Dominanz wiederum weiter verstärke: „Das ist ein Teufelskreis.“

          Amazon war mal ein Bücherversender. Heute erobert der Konzern die gesamte Wirtschaft, und Deutschland ist nach Amerika das wichtigste Spielfeld. Gegenüber Handelsriesen wie der deutschen Metro holen die Amerikaner in rasender Geschwindigkeit auf.

          Panisch registriert die Branche, dass Amazon immer mehr Lager immer näher an die Ballungszentren baut. Und auch das Stadtbild könnte Amazon verändern: Als der für die deutschen Lager zuständige Amazon-Manager jüngst durch das anderthalb Jahre alte Logistikzentrum in Rheinberg bei Duisburg führte, berichtete er, von hier aus könne man das gesamte Ruhrgebiet versorgen. Auch „Same-Day-Lieferung“ sei damit kein Problem mehr: vormittags bei Amazon bestellt, nachmittags geliefert.

          Lieferung am gleichen Tag: Das würde den Einkaufsstraßen die letzte Daseinsberechtigung nehmen. Bereits jetzt testet die Post in ausgewählten Vierteln in Bonn Großbriefkästen vor Privathäusern, in die Paketboten vieles schieben können, was die Deutschen bei Amazon ordern: Blueray-Player, Stühle, vielleicht irgendwann auch Lebensmittelpakete vom künftigen Lebensmittelversender Amazon. In Amerika löste die Ankündigung Amazons, auf „Same-Day-Lieferung“ umzuschalten, im Weihnachtsgeschäft Panik aus.

          In New York schickten Modehändler Führungskräfte der mittleren Managementebene mit blauen Ikea-Riesentüten zur tagesaktuellen Auslieferung durch Manhattan. In Deutschland zog Amazon-Konkurrent Thalia zu hohen Kosten nach. Nun erinnern sich die Händler mit Grauen an die Vision des Sehers Jeff Bezos, eine Dekade ist die Prophezeiung alt: Künftig würden rund um die Uhr internetgekoppelte Lieferwagen voller Toilettenpapier und Windeln durch die Wohnviertel der Metropolen kreuzen, die nach Bestelleingang dem Amazon-Kunden jedes erdenkliche Produkt so lieferten, wie dieser es aufgrund der Ungeduld des Menschen wünsche: in Echtzeit.

          Nur eine Vision? Als Bezos einst orakelte, er revolutioniere den Buchhandel, da lachte die Branche. Und das sagt eigentlich schon alles.

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