https://www.faz.net/-gqe-9y3gy

„Corona-Soli“ für Busbranche? : „Kurzarbeit können wir nur begrenzt nutzen“

Bild aus besseren Zeiten: Reisebusse auf einem Parkplatz in Schwerin Bild: dpa

Die Anbieter von Busreisen befürchten, als eine der letzten wieder in Fahrt zu kommen. Sie halten daher Solidarität wie nach der Wiedervereinigung für angebracht – und bringen einen „Corona-Soli“ ins Gespräch.

          3 Min.

          Nichts rollt mehr. Statt durch Schweizer Täler, im Spreewald oder rund um den Gardasee zu fahren, stehen die Busse der 3000 Mitgliedsbetriebe des Busreiseverbands RDA in den Depots. Es droht ein langer Stillstand in der Coronakrise zu werden. „Als Busreiseveranstalter befürchten wir, die letzten zu sein, die zu einem regulären Betrieb zurückkehren können und dürfen“, sagt RDA-Präsident Benedikt Esser im Gespräch mit der F.A.Z. „Zu unseren Kunden zählen auch ältere Menschen – und das auch im grenzüberschreitenden Verkehr. Das sind zwei Gründe, warum unser Weg in die Normalität länger wird.“

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Rundreisen, Sonderfahrten für Großgruppen, Schul- und Klassentouren gehören zum Programm der Unternehmen. 6 Prozent der Ausgaben für Haupturlaube von 73 Milliarden Euro entfielen 2019 laut Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen auf Bustouren. 2020 sollte es aufwärts gehen. „Wir hatten vor dem Beginn der Coronakrise eine sehr gute Buchungslage mit einem Plus von fast 8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dann sind alle Buchungen weggebrochen“, sagt Esser, der selbst in Hürth bei Köln ein Busreiseunternehmen führt.

          „Kurzarbeit können wir nur begrenzt nutzen. Busfahrer sind zwar kaum noch unterwegs, die Beschäftigten in den Büros sind aber mit Stornierungen sehr stark ausgelastet. Dabei machen sie gerade nichts anderes, als Geschäft rückabzuwickeln“, sagt er. Eine Stornierung mache mehr Arbeit als die Bearbeitung einer neuen Buchung.

          Kritik an Hilfspaketen

          Während bei klassischen Pauschalreisen wenige Großanbieter wie TUI, DER Touristik, FTI  und Alltours für einen Großteil des Geschäfts stehen, ist der Busreisemarkt zersplittert. Die Umsätze verteilen sich auf Mittelständler und Kleinbetriebe, von denen nicht wenige nur eine einstellige Zahl an Fahrzeugen in der Flotte haben. Deren Belange sieht Esser in den Corona-Hilfspaketen des Bundes nicht ausreichend berücksichtigt. Dabei summiert sich der Gesamtschaden durch ausbleibende Buchungen, abgesagte Reisen und stornierte Busanmietungen in den kleineren Busreisebetrieben zusammen laut RDA auf bis zu einer halben Milliarde Euro.

          Einen Busnotfallfonds fordert Esser dennoch nicht. Lösungen für Einzelbranchen würden nur Neid und neue Forderungen in anderen Branchen auslösen. „Die Regierung muss aufhören, auf Sicht zu fliegen und den weiteren Verlauf der Krise insgesamt betrachten“, sagt er. Sein Vorschlag: „Eine Art Corona-Soli wäre für diesen Zweck optimal. In der Bewältigung der Krise, die alle im Land trifft, ist Solidarität gefordert wie nach der Wiedervereinigung“, sagt Esser. „Die steuerliche Belastung eines Jeden bliebe unverändert, wenn der Corona-Soli die gleiche Belastung mit sich brächte wie der auslaufende Solidaritätszuschlag.“

          Die Not von Unternehmen soll auch nicht komplett der Allgemeinheit aufgebürdet werden, Kredite müssten Betriebe trotzdem aufnehmen. Doch die Überbrückungsdarlehen der staatlichen KfW-Bank, die Teil des Hilfspakets des Bundes sind, kämen bei vielen Betrieben nicht an. „Die aktuelle Krise überlastet viele Unternehmen, vor allem kleinere und mittlere. Weil die Krise schon so weit fortgeschritten ist, ist der Finanzbedarf vieler Unternehmen sehr groß geworden, insbesondere auch, weil Hotels, Reedereien und Fluggesellschaften die Rückerstattung angezahlter Gelder neuerdings verweigern“, sagt Esser.

          Warnung vor hinausgezögerten Insolvenzen

          Hausbanken, die nach dem Willen des Bundes noch für 10 Prozent der Hilfen haften sollen, würden die Risiken scheuen. Selbst wenn – wie aktuell von Bund angedacht, eine 100-Prozent-Staatshaftung eingeführt wird, wäre kleineren Betrieben nicht geholfen. „Unsere Unternehmen benötigen folglich dringende Hilfsmittel in einer Höhe, die sie weder in fünf noch in zehn Jahren aus eigener Kraft werden zurückzahlen können. Im Grunde führen die KfW-Liquiditätshilfen ohne weitere Maßnahmen nur dazu, dass der Zeitpunkt der Insolvenz hinausgezögert wird.“

          Der Chef des Münchner Ifo-Instituts Clemens Fuest hatte die Kosten der Corona-Krise für die deutsche Wirtschaft auf je nach Szenario bis zu 729 Milliarden Euro beziffert. An diese Zahl knüpft Esser an. „Wenn man von einem volkswirtschaftlichen Gesamtschaden von 700 Milliarden Euro ausgeht, dann könnten Unternehmen 15 Prozent davon durch zinslose Darlehen tragen und über 30 Jahre zurückzahlen. 85 Prozent wären zu bewältigen, wenn man Corona-Soli  mit einem Aufkommen von zuletzt 20 Milliarden Euro über 30 Jahren einführen würde.“

          Mit einem derart umfangsreichen Konzept ließen sich auch Debatten, ob Reiseunternehmen Rückzahlungen an Kunden durch Gutscheine ersetzen dürfen abkürzen. „Viele Diskussionen entstehen gerade deshalb, weil nicht schnell genug Liquidität bereit gestellt werden. Wir müssen uns damit beschäftigen, weil Unternehmen keine auskömmliche Liquiditätsausstattung haben“, sagt Esser. „Entscheidend ist doch, Unternehmen eine Gewissheit zu geben, dass es für sie weitergehen kann. Sie müssen so gestellt werden, dass sie wieder durchstarten können, wenn die Krise endet.“

          Wann das ist, hängt im Busgeschäft allerdings nicht nur davon ab, wann wieder 40 oder 50 Passagiere wieder in einen Reisebus gebeten werden können, sondern auch davon, wann der Bus wieder alle Grenzen in Europa queren darf. „Bis wir mit Bussen wieder von Deutschland in die Masuren oder an den Gardasee fahren können, dürften noch Monate vergehen. Wenn das im September ohne Einschränkungen wieder möglich ist, wäre für uns schon viel erreicht“, sagt Esser. „Ohne Auslandsfahrten kommt kein Busreiseanbieter zu seinen früheren Geschäftszahlen zurück.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nach Tod von George Floyd : Die Wut wächst

          Tausende Menschen sind in London, Berlin und Kopenhagen wegen des gewaltsamen Tods des Afroamerikaners George Floyd auf die Straße gegangen. In Amerika eskaliert die Lage weiter. Donald Trump macht die Antifa verantwortlich – und will sie als Terrororganisation einstufen lassen.

          Öffnung der Gastronomie : Als das Krisengefühl verschwand

          Früher galten die Deutschen als Stubenhocker. Doch in der Krise zeigt sich, was sonst nicht ins Bewusstsein dringt: Die Gastronomie ist systemrelevant. Seit wann ist das eigentlich so? Über die erstaunliche Bedeutung einer Leitbranche.

          Trump will G7 zu G11 erweitern : Eine neue Allianz gegen China?

          Russland reagiert zurückhaltend auf Trumps Vorstoß, die G7 zu erweitern. Australien, Indien und Südkorea zeigen sich offener – ohne Amerika wären sie Vasallenstaaten Chinas, warnt ein früherer Außenminister.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.