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Krise in Europa : Die globale Autokonjunktur kühlt sich ab

  • -Aktualisiert am

Immer mehr Autos bleiben auf den Parkplätzen der Hersteller stehen Bild: dapd

Wer um seinen Arbeitsplatz fürchtet, kauft sich keinen Neuwagen. Besonders in Europa werden immer weniger Autos zugelassen. Schon wird über eine Fusion von Opel mit Peugeot spekuliert.

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          Die Welt der Autoindustrie teilt sich zusehends in schwarz und weiß, in arm und reich. Noch wächst der globale Automarkt, weil viele Amerikaner sich wieder einen Neuwagen leisten und weil viele Chinesen das erste neue Auto ihres Lebens kaufen. Rund um den Globus werden deshalb im kommenden Jahr voraussichtlich mehr Autos verkauft als jemals zuvor.

          Die Unternehmensberatung Polk sagt jedoch für 2013 einen deutlich verlangsamten Anstieg um 3 Prozent auf 73 Millionen Fahrzeuge aus. Ein ganz anderes und wesentlich düstereres Bild zeichnet sich gleichzeitig in Europa ab: Hier geht es wegen der beginnenden Rezession im Euroraum immer schneller abwärts.

          Wer um seinen Arbeitsplatz fürchtet - oder ihn schon verloren hat, wie viele junge Südeuropäer - kauft sich keinen Neuwagen. Im kommenden Jahr werden in Europa deshalb voraussichtlich so wenige Autos abgesetzt wie seit zwanzig Jahren nicht mehr. Schon jetzt ist der Markt seit fünf Jahren hinter einander und seit zwölf Monaten ununterbrochen geschrumpft. Im September ging es nach Daten des Brüsseler Branchenverbands Acea um 11 Prozent abwärts auf 1,1 Millionen Einheiten - das stärkste Minus seit Oktober 2010.

          Viele europäische Autohersteller kämpfen laut Acea um die pure Existenz. „Es ist eine Frage des Überlebens für viele Hersteller, die darum kämpfen, sich auf dem gleichen Auslastungsgrad wie in Vorkrisenzeiten zu halten“, sagte Verbands-Präsident Sergio Marchionne in Brüssel. Der Fiat -Chef hat schon mehrfach gefordert, die EU-Kommission solle der Autoindustrie unter die Arme greifen, trifft aber damit auf den Widerstand der bislang erfolgreicher agierenden deutschen Branchenkollegen, die noch ohne Staatshilfe auskommen wollen.

          Fabriken der Autohersteller unterausgelastet

          Doch die Lage spitzt sich zu. Die Autoverkäufe in Europa liegen inzwischen um fast ein Viertel unter dem Rekordniveau des Jahres 2007. Entsprechend unterausgelastet laufen die Fabriken der Autohersteller. Während die deutschen Oberklassehersteller Audi, BMW und Mercedes die Schwäche in Europa durch Exporte nach Übersee teilweise ausgleichen können, gilt das nicht für die meisten Massenhersteller. Fiat, Ford, Opel, Peugeot und Renault häufen in ihrem Europageschäft Milliardenverluste an. Schon wird über eine Fusion von Opel mit Peugeot spekuliert.

          Und auch die IG Metall bereitet sich auf schwere Zeiten vor. Gewerkschaftschef Berthold Huber fordert gemeinsam mit dem Arbeitgeberverband Gesamtmetall, dass auch den von Entlassung bedrohten Leiharbeitern der Metallbranche Kurzarbeitergeld gewährt werden soll. Mittlerweile hat die Branchenkrise sogar den mächtigen Volkswagen-Konzern erreicht. Dessen Kernmarke VW verkaufte im September 14 Prozent weniger Autos. Nach Angaben von Zulieferern fährt der Konzern den Einkauf von Komponenten um 10 Prozent zurück und setzt niedrigere Einkaufspreise durch.

          In Europa gelten ein halbes Dutzend Werke als überflüssig

          Auch auf der Vertriebsseite macht sich die Absatzflaute bei VW bemerkbar: Mehr als ein Drittel der Autoverkäufe des Konzerns sind inzwischen taktische Zulassungen, also Neuwagen, die von VW-Händlern oder von VW selbst zugelassen wurden und anschließend mit hohen Abschlägen als „junge Gebrauchte“ in den Markt gedrückt werden. Laut CAR-Institut der Universität Duisburg liegen die Durchschnittsrabatte für den gerade erst neu kreierten Golf der siebten Generation bei Internetvermittlern bei 18 Prozent.

          Der Grund sind die Überkapazitäten der Branche, die während der vorigen Krise nicht abgebaut wurden, weil der Staat den Markt mit Abwrackprämien künstlich aufblähte. In Europa gelten ein halbes Dutzend Werke als überflüssig. Opel will Ende 2016 den Standort Bochum schließen; das wäre die erste Autofabrik in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg. Peugeot macht 2014 die Fabrik in Aulnay bei Paris dicht. Wirklich passiert ist bisher wenig: Nur Fiat hat eine Fabrik auf Sizilien geschlossen und Opel ein Werk im belgischen Antwerpen.

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