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Krankenkassen zahlen mehr : Neues Spiel auf dem Hörgerätemarkt

  • -Aktualisiert am

Hörgeschädigte bekommen mehr Geld. Bild: dpa

Hörgeschädigte bekommen mehr Geld. Das könnte den Fachhandel durcheinanderwirbeln. Große Handelsketten wie Kind Hörgeräte haben sich dafür schon gerüstet.

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          Ein guter Name und eine Werbeidee allein sichern zwar noch keinen Geschäftserfolg, aber hilfreich sind sie allemal. Mit dem Slogan „Ich hab ein Kind im Ohr“ hatte die Hörgerätehandelskette Kind schon vor gut zwei Jahren viele Menschen auf sich aufmerksam gemacht, die an ein Hörgerät bis dato gar nicht denken wollten. In den vergangenen Monaten kam der „Kind Nulltarif“, flankiert von neuen Fernsehspots, dazu, und auch das habe dem Unternehmen den erhofften Schwung gebracht, sagt der Geschäftsführer und Miteigentümer Alexander Kind im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          „Wir haben 2013 deutlich zugelegt und in diesem Jahr 50 neue Läden allein in Deutschland aufgemacht. Ein paar werden bis Jahresende noch dazukommen.“ Auf rund 670 Filialen, davon etwa 570 in Deutschland, und mehr als 170 Millionen Euro Umsatz kommt Kind Hörgeräte inzwischen und ist damit heimischer Marktführer. 800 Standorte, sagt Kind, könnten es in Deutschland am Ende werden, zudem soll die Expansion vor allem in Polen und der Schweiz vorangetrieben werden.

          Im Gegensatz zum „Kind im Ohr“ stammt die Idee mit dem Nulltarif aber nicht vom Unternehmer aus dem niedersächsischen Großburgwedel. Anlass war vielmehr eine grundlegende Veränderung der Rahmenbedingungen, deren Auswirkungen noch völlig offen sind. „Der gesamte Hörgerätemarkt wird vom 1. November an neu gemischt“, sagt Alexander Kind. „Und wir wollten die ersten sein, die mit dem Nulltarif proaktiv umgehen.“

          Extras nur gegen Zuzahlung

          Denn bislang erhielten Hörgeschädigte von den Krankenkassen einen Festbetrag von 421 Euro erstattet, wenn der Arzt ihnen ein Hörgerät verschrieb. Dafür gab es ein ordentliches Gerät und sechs Jahre Service. Für gehobene Qualität oder gar Spitzenprodukte mit technischen Besonderheiten – etwa eine Direktverbindung zum Mobiltelefon – reichte dieser Betrag aber längst nicht aus, weshalb die Mehrheit der Kunden für ihr Wunschprodukt zuzahlen musste. In Folge eines Gerichtsurteils aus dem Jahr 2009 wird dieser Festbetrag vom 1. November an aber auf 785 Euro erhöht. Damit soll Hörgeschädigten gemäß der Vorgabe des Bundessozialgerichts ein „weitgehender Behinderungsausgleich“ ermöglicht werden.

          Konkret heißt das: Künftig gibt es für die Kunden ohne Zuzahlung (also Nulltarif, abgesehen von 10 Euro) Geräte mit deutlich besserer Qualität in punkto Hörverbesserung. Extras wie zum Beispiel die Direktverbindung zum Handy oder Fernseher sowie besondere Designs müssen aber auch künftig aus eigener Tasche bezahlt werden.

          Absatz der Nulltarif-Geräte steigt

          Was hörgeschädigte Menschen freuen wird, sorgt unter den Herstellern und Händlern für viel Gesprächsstoff. Denn gut möglich ist, dass mehr Kunden sich künftig mit Geräten, die sie zum Festbetrag von 785 Euro bekommen, zufrieden geben und auf Zusatzleistungen verzichten. „Wir spüren das schon deutlich, mehr als die Hälfte unserer Kunden wählt inzwischen ein Nulltarif-Gerät“, sagt Kind. Der Absatz der Spitzenhörgeräte könnte am Markt dementsprechend zurückgehen.

          Für die Hersteller, von denen eine Handvoll großer Konzerne wie Sonova (Schweiz), Siemens und William Demant (Dänemark) den Weltmarkt dominieren, wäre das zwar ärgerlich, aber noch kein Grund, die Weiterentwicklung der Geräte künftig auf Sparflamme zu fahren, ist sich Hans-Peter Bursig, der Vorstandsvorsitzende des Bundesverbandes der Hörgeräte-Industrie, sicher. „Deutschland ist zwar ein großer Markt, aber doch nur einer von vielen“, sagt er. Zudem bestehe die Chance, dass mehr Menschen sich um ein Hörgerät kümmern, wenn sie erfahren, „dass es jetzt auf Kasse bessere Geräte gibt“, fügt Bursig hinzu. Auch die Kind-Gruppe, die neben der Ladenkette noch den kleinen Hörgerätehersteller Audifon besitzt, sieht keine Gefahr für die eigene Innovationskraft. „Wir verdoppeln gerade die Produktionsfläche von Audifon und“, sagt Alexander Kind.

          900.000 verkaufte Geräte im Jahr

          Aber der Handel in Deutschland, der im vergangenen Jahr mehr als 900.000 Hörgeräte für insgesamt rund 1 Milliarde Euro abgesetzt hat, könnte nun kräftig durcheinandergewirbelt werden. Denn der geschätzte durchschnittliche Jahresumsatz von 270.000 Euro je Laden wird wohl nicht mehr erreicht, wenn der Verkauf der teureren Geräte ins Stocken gerät. Vor allem aber sind die Margen auf die Nulltarif-Geräte geringer. Zu spüren sei jetzt schon eine große Verunsicherung, sagt Kind. „Wir bekommen deutlich mehr Anfragen von Hörgeräteakustikern, die ihre Selbstständigkeit aufgeben und zu uns kommen wollen.“ Große Ketten wie Kind, Geers oder auch Fielmann, setzen dagegen auf einen Ausbau ihrer Ladenzahl um damit mehr Kunden zu bekommen und eine mögliche Margenerosion durch Mengenzuwachs auszugleichen.

          Dafür nimmt Kind auch in Kauf, dass man die Differenz zwischen den Festbeträgen von 421 und 785 Euro seit Beginn der eigenen Kampagne aus den Taschen des Unternehmens bezahlte. „Kein Kunde sollte den Eindruck haben, dass er benachteiligt wird, weil er sich vor dem 1. November für ein Hörgerät zum Nulltarif entschieden hat“, sagt Alexander Kind. Die große Handelskette, die ihre Läden selbst besitzt und steuert, kann sich ein solches finanzielles Entgegenkommen eine Zeit lang leisten, viele Einzelgeschäfte dagegen wohl eher nicht.

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