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Kostengünstige Produktion : Volkswagen bastelt am Billigauto

Kleine Autos, große Hallen: VW-Stand auf der Automesse IAA in Frankfurt Bild: REUTERS

Bislang hat Volkswagen keine Billigmarke im Programm. Jetzt treibt der Autobauer die Planungen voran: 2016 will VW in China ein Billigauto auf den Markt bringen. Danach ist Indien an der Reihe.

          Volkswagen rühmt sich gern seiner breiten Aufstellung. Vom Motorrad (Ducati) über die Familienkutsche (Golf, Touran) bis hin zu Sportschlitten (Porsche, Lamborghini) und Lastwagen (MAN, Scania) hat der Konzern alles im Angebot, was sich so auf den Straßen hin und her bewegt. Wirklich alles? Nein, es gibt eine nicht unbedeutende Lücke im Produktportfolio: VW hat keine Billigmarke im Programm. In der Preisklasse unterhalb von 8000 Euro machen andere das Geschäft.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Zum Beispiel Dacia: Der rumänische Autohersteller wurde anfangs belächelt. Heute stabilisiert er mit zweistelligen Wachstumsraten und stattlichen Erträgen seine Muttergesellschaft Renault. Trotz der allgemeinen Marktschwäche in Europa hat Dacia mit Autos wie dem Sandero, der für 7000 Euro zu haben ist, den Absatz im ersten Halbjahr um fast 17 Prozent erhöht.

          Auf ein großes Stück vom Kuchen wird verzichtet

          Oder Suzuki: Die Japaner sind mit ihrer Billigmarke Maruti in Indien unangefochtener Marktführer. Auch Toyota, Kia und General Motors haben in verschiedenen Märkten Billigmodelle am Start. Wie groß der Kuchen ist, auf den Volkswagen da bisher verzichtet, zeigt ein Blick auf die Gesamtstatistik. 2012 wurden laut VW-Schätzungen rund um den Globus knapp 8 Millionen Billigautos verkauft. Das sind 11 Prozent des Gesamtmarktes. „2018 wird der Weltmarkt für Billigautos fast so groß sein wie der gesamte europäische Automarkt“, sagte der VW-Manager Hans Demant in einem Gespräch am Rande der Automesse IAA in Frankfurt.

          Demant leitet eine Projektgruppe, die seit einem Dreivierteljahr die Chancen und Risiken eines Einstiegs von Volkswagen in das Segment der Billigautos beleuchtet. Denn angesichts der genannten Marktanteile kommt VW gar nicht umhin, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Eine Entscheidung soll noch in diesem Jahr fallen. Die Sache will wohl überlegt sein. Denn das für eine Billigmarke erforderliche schlanke Ausstattungs- und Kostengerüst verträgt sich nicht mit der kostenträchtigen Qualitätskultur im Hause VW, die der strenge Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn nicht müde wird, seinen Leuten einzuimpfen. Volkswagen müsste sich also ein Stück weit von sich selbst entfernen. Die Wolfsburger müssten ein langlebiges und robustes aber eben auch schlichtes und einfach ausgestattetes Auto entwerfen und hernach sehr kostengünstig produzieren, ohne dabei Grundqualitäten in Frage zu stellen.

          Kann VW das? „Ich bin der festen Überzeugung, dass wird das können“, sagt Demant. Der frühere Opel-Chef weiß genau, dass ein solches Billigauto, er nennt es „Budget Car“, nicht unter der Marke VW laufen dürfte: „Es geht um eine neue Marke jenseits unseres bisherigen Kerngeschäfts.“ Keinesfalls würde man ein solches Auto auch in Europa anbieten. Schließlich will der europäische Marktführer seinen Kernmarken VW und Škoda auf dem Heimatkontinent nicht eigenhändig „von unten“ das Wasser abgraben.

          China mit großem Abstand Marktführer

          Demant hat weit entfernte Märkte im Blick: „Wir würden mit der Produktion in China beginnen. Indien wäre eine Option für später.“ Ein Blick auf die Zahlen erklärt Demants Präferenz: China ist mit zuletzt 3,5 Millionen verkauften Billigautos – das sind 19 Prozent des Gesamtabsatzes – der mit Abstand größte Markt in diesem Segment, gefolgt von Indien mit 1,5 Millionen Einheiten (Marktanteil: 47 Prozent). Natürlich ist China auch in puncto Produktionskosten attraktiv.

          VW hat im Reich der Mitte zwei Gemeinschaftsunternehmen mit chinesischen Partnern. Einer dieser Partner wird im Fall der Fälle wohl den Zuschlag bekommen. Allerdings brauchen die Wolfsburger dafür zunächst die Genehmigung der chinesischen Regierung. Denn mit einem eigenen sogenannten „Budget Car“ würden sie einheimischen Billiganbietern wie Great Wall und BYB direkt Konkurrenz machen. Auf welcher Plattform der Billigwagen aufgesetzt wird, ist noch offen. Klar ist, dass VW nicht ganz vorne anfängt: „Damit es sich rechnet, müssen wir bestehende Technologie nutzen und Komponenten durch Zulieferer vor Ort fertigen lassen“, erklärt Demant. Für ihn ist dieses Vorhaben ein Exzellenzprojekt, für das er sehr erfahrene Leute braucht. Denn die Anforderungen sind groß.

          Kostenziele dürfen nicht verfehlt werden

          Gemessen an den Angeboten im Niedrigpreissegment müsste VW sein neues Billigmodell in China für rund 7000 Euro verkaufen. Je niedriger der Preis eines Autos, umso schwieriger ist es, damit Gewinn zu machen. Vom Einkauf über die Produktion bis zum Händler – auf allen Wertschöpfungsstufen müssen die Kosten auf eine Minimum gedrückt werden. Werden die Kostenziele auch nur an einer Stelle verfehlt, ist die zuvor einkalkulierte Gewinnmarge ruck, zuck weg. Wie hoch dieses Marge sein soll, sagt Demant nicht. Vermutlich liegt sie oberhalb von 10 Prozent, weil die Risiken in diesem Projekt größer sind, als wenn beispielsweise Audi ein neues Premium-Modell auflegt.

          Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive Management in Bergisch-Gladbach, glaubt, dass VW mit dem Billigauto nur dann erfolgreich sein kann, wenn der Konzern für dieses Projekt seine Mentalität und seine Arbeitsweise ändert. „Die Fachleute, die damit befasst sind, dürfen nicht auf dem gleichen Flur arbeiten wie die Mitarbeiter von VW oder Audi.“ Demant sieht das so ähnlich: Es müsse die Freiheit geben, Dinge anders zu machen, betont der VW-Manager.

          Wenn der Konzernvorstand ihm die Freigabe erteilt, will Demant von 2016 an schrittweise mehrere Billigmodelle in China auf den Markt bringen. Er glaubt, ein komplettes Werk mit der Produktion auslasten zu können. Das würde vermutlich bedeuten, dass VW im eingeschwungenen Zustand 300 000 bis 400 000 Wagen in China verkaufen könnte. Dieser Erfolg ließe sich freilich nicht eins zu eins auf andere Länder übertragen. „Das globale Budget Car, das überall erfolgreich sein kann, gibt es nicht“, sagt Demant. Dazu seien die Wünsche und Vorstellungen der Kunden zu unterschiedlich. In China seien eher geräumige Wagen mit einem großen Kofferraum gefragt, während die Inder am liebsten Kleinwagen führen.

          Der Branchenfachmann Stefan Bratzel glaubt, dass VW das schwierige Experiment „Billigauto“ wagen wird. Schließlich wolle der Konzern der größte Autohersteller der Welt werden: „Da kann man ein so großes Marktsegment nicht einfach links liegenlassen.“

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