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Korruption : Ferrostaal droht hohe Geldbuße

Ferrostaal-Chef Matthias Mitscherlich Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Mit Schmiergeld soll sich Ferrostaal Aufträge für Hochseeschlepper und U-Boote erkauft haben. Nun droht dem Essener Konzern eine Geldbuße von mehr als 200 Millionen Euro. Die Staatsanwaltschaft ist offenbar bereit, das Ermittlungsverfahren bei Zahlung dieser Summe einzustellen.

          Der Korruptionsskandal könnte für die Ferrostaal AG teuer zu stehen kommen. Wie aus dem Unternehmensumfeld zu hören ist, will die ermittelnde Staatsanwaltschaft München gegen eine Geldbuße von deutlich mehr als 200 Millionen Euro das Verfahren gegen den Essener Industriedienstleister und Anlagenbauer einstellen. Die Sprecherin der Staatsanwaltschaft lehnte dazu jeden Kommentar ab. Auch Ferrostaal gab keine Stellungnahme ab und verwies lediglich auf die laufenden Gespräche und die Kooperationsbereitschaft mit der Münchener Staatsanwaltschaft bei der Aufdeckung der Affäre.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Doch verdichteten sich die Gerüchte in Unternehmenskreisen über dieses hohe Strafmaß. Offenbar werden darüber Gespräche zwischen Staatsanwaltschaft und Unternehmen geführt.

          Unklar bleibt allerdings, wann es zu einem solchen Bußgeldbescheid kommen wird. Zum Vergleich: Der frühere Mutterkonzern von Ferrostaal, die MAN SE, hatte im Dezember 2009 ein Bußgeld von 150,6 Millionen Euro gezahlt. Dabei ging es um verdächtige Zahlungen in Höhe von 51,6 Millionen Euro. Dort haben die Verhandlungen Monate bis zu einer endgültigen Einigung gedauert.

          Mitscherlichs Posten wackelt

          Beobachter halten es aber für unwahrscheinlich, dass der Ferrostaal-Aufsichtsrat schon auf seiner nächsten außerordentlichen Sitzung über eine Einigung mit den Behörden entscheidet. Eine Sitzung war bereits für den vergangenen Dienstag geplant, dann aber auf den 3. Mai vertagt worden.

          Dabei werden Dokumente und Unterlagen im Umfang von 1200 Seiten behandelt, die sich mit den Schmiergeldvorfällen - wenn anscheinend auch noch nicht abschließend - befassen. Sie dienen jedoch als Entscheidungsgrundlage für die Absetzung des Vorstandsvorsitzenden Matthias Mitscherlich. Über sein Ausschieden wird derzeit spekuliert, weil er in die Affäre angeblich tiefer verwickelt sein soll als früher angenommen (siehe auch Ferrostaal-Chef Mitscherlich vor dem Rauswurf).

          Denn die Staatsanwälte ermitteln ebenfalls gegen Mitscherlich wegen Untreue. Ferrostaal-Vorstandmitglied Klaus Lesker, der bereits im vergangenen Jahr eine Geldbuße von einer Viertel Million Euro zahlen musste und offenbar eine zentrale Rolle in den Schmiergeldzahlungen zu spielen scheint, sitzt seit März in Untersuchungshaft; ebenso ein weiterer hochrangiger Manager und enger Mitarbeiter von Lesker. Es wird nicht ausgeschlossen, dass Ferrostaal-Chef Mitscherlich nun sogar vor dem 3. Mai den Posten niederlegen könnte.

          MAN ist noch mit 30 Prozent an Ferrostaal beteiligt

          Angesichts des Ausmaßes der Geldbuße wird Ferrostaal offensichtlich ein weitaus schwerwiegenderes und systematischeres Vergehen unterstellt als MAN. Der inzwischen mehrheitlich an die staatliche Investmentgruppe „International Petroleum Investment Company“ (Ipic) aus Abu Dhabi verkaufte Industriedienstleister soll sich in den zurückliegenden Jahren durch Schmiergeldzahlungen Aufträge etwa für Hochseeschlepper und für U-Boote erkauft haben. Nachdem die Staatsanwälte schon im Sommer 2009 die Räume von Ferrostaal durchsucht hatten, gab es in diesem März noch einmal eine Razzia (siehe Razzia bei Ferrostaal). Nach bisherigen Erkenntnissen werden rund ein Dutzend Verdachtsfälle untersucht.

          Eine derart hohe Strafe könnte auch Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen dem neuen Haupteigentümer Ipic und MAN haben, die noch mit 30 Prozent an Ferrostaal beteiligt ist. Anfang dieses Jahres hat MAN von seinem Recht Gebrauch gemacht, die verbliebenen 30 Prozent den Arabern anzudienen. Die aber zögern nach wie vor, das Paket zu einem anlässlich des Verkaufs im Jahr 2008 bereits vereinbarten Festpreis anzunehmen. Denn die Araber wollen angeblich angesichts des Ausmaßes der Korruption den Preis drücken. Während die rund 700 Millionen Euro für den Verkauf der 70 Prozent an Ipic bereits gezahlt sind, hat Ipic hier noch einen Hebel für eine Entschädigung. Den Kaufpreis für die Mehrheit zugrunde gelegt, hätte das Paket immerhin einen Wert von schätzungsweise 300 Millionen Euro.

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