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F.A.Z. exklusiv : In Aldi-Filialen wachsen jetzt Kräuter

Die Ernte in einem der Gewächshäuser von Infarm Bild: DiePhotodesigner.de

Discounter setzten lange nur auf Masse. Das ist vorbei. Bei Aldi Süd wird nun Ware verkauft, der Kunden beim Wachsen zuschauen konnten.

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          Beim Selber-Ernten hört es dann auf. Das Frische-Gefühl komme ja ohnehin schon beim Zusehen auf, sagt Martin Weber. Er arbeitet für das Berliner Start-up Infarm, dessen Geschäftsmodell es ist, Kräuter und Salate direkt in Supermärkten anzubauen.

          Sarah Obertreis

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Deutschland ist Infarms größter Markt, mit Edeka und Metro arbeitet das Unternehmen schon zusammen, nun ist Aldi Süd dran. Ab Ende Mai werden die Kräuter von Infarm in fünf Filialen in den Regionen Frankfurt und Düsseldorf wachsen, bis Ende des Jahres sollen sieben weitere Filialen hinzukommen. Kaufen wird man sie natürlich auch können – für 0,99 Euro das Bund.

          Das Konzept von Infarm: In „richtig schick“ aussehenden Glasschränken, wie sie ein Aldi-Vertreter beschreibt, wachsen Kräuter und Salate unter minutiös gesteuertem LED-Licht heran, die Wurzeln hängen in einer zirkulierenden Nährstofflösung, auch sie genauestens abgestimmt auf die Pflanzenart und die jeweiligen Umweltbedingungen. Infarm hat in jahrelanger Arbeit eine Software entwickelt, die das Wachstum in den Mini-Farmen überwacht und Temperatur, PH-Wert der Lösung und Licht anpasst, falls nötig.

          Basilikum, Minze, Schnittlauch, Koriander und Petersilie im Angebot

          Mittlerweile sind die zwei Quadratmeter großen Gewächshäuser so effizient, dass in ihnen fast 8000 Pflanzen im Jahr angebaut werden können. Läuft in ihnen etwas schief, dass das System nicht alleine regeln kann, blinkt eine Meldung bei einem Mitarbeiter von Infarm auf. Dieser kommt dann in den Supermarkt und versucht, möglichst behutsam, das Problem zu lösen.

          Auch in Nicht-Corona-Zeiten wäre es also störend, wenn ein Supermarkt-Besucher einfach in die Glasschränke greifen und die Wachstumsbedingungen der Kräuter in wenigen Sekunden komplett durcheinander bringen würde. Stattdessen ernten seine Infarm-Mitarbeiter die Kräuter – bei Aldi werden erst mal Basilikum, Minze, Schnittlauch, Koriander und Petersilie im Angebot sein – und stellen sie den Kunden hin.

          In die Zusammenarbeit von Aldi Süd und Infarm fügt sich diese Arbeitsweise gut ein. Denn Aldi habe eine „riesige Stückmenge“ bei Infarm plaziert, erklärt Weber. So viele Kräuter soll das Start-up liefern, dass nur eine kleine Menge davon in den Filialen angebaut werden kann. Der Großteil wird in Infarms automatisierten Gewächshäusern angepflanzt werden. Mit den dort geernteten Kräutern wird das Unternehmen insgesamt rund 300 Aldi-Filialen beliefern.

          Aldi will wegrücken vom Billigimage

          Dass ein Discounter Platz schafft in seinen knapp bemessenen Verkaufsräumen, um Glasschränke aufzustellen, die die Kunden eigentlich nur anschauen können, wäre bis vor ein paar Jahren undenkbar gewesen. Doch Aldi Süd investiert seit einiger Zeit Milliarden in die Modernisierung seiner Filialen und hat eine neue junge Zielgruppe in den Blick gefasst: „Die Wert auf einen nachhaltigen Lebensstil legt, sich gesund ernähren und die Umwelt schonen möchte“, erklärt David Labinsky von Aldi Süd.

          Die Gespräche zwischen dem 2013 gegründeten Infarm und Aldi Süd hätten sich über Jahre hinweg gezogen, sagt Weber, nun würde es gut passen. Infarm will schnell und breit wachsen – im Moment ist das Start-up in zehn Ländern aktiv und hat etwas mehr als 700 Mini-Farmen aufgestellt – und Aldi wegrücken vom Billigimage.

          Dass Infarm mit seiner Umweltfreundlichkeit wirbt, kommt da gelegen: Durch den Anbau der Kräuter vor Ort oder in Gewächshäusern in der Nähe würden sich die Transportwege um etwa 90 Prozent im Vergleich zur herkömmlichen Produktion verringern. Der Wasserverbrauch reduziere sich wegen dem genau abgestimmten System, das ohne Erde auskommt, um 95 Prozent. „Die CO2-neutrale Pflanze ist unser auserkorenes Ziel“, sagt Weber. Er ist optimistisch. Bei Infarm läuft es, vor allem seit die Corona-Krise die lokale Produktion und damit das Kräuter-Start-up weiter beflügelt hat.

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