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Konzernspitzen : Der Chefreport

  • -Aktualisiert am

Abitur, Studium, erster Job: „Wer Hirn im Kopf hat und einen Arsch in der Hose, der wird auch was”, findet Dieter Rickert, Altmeister der Headhunter Bild: Frank Röth

Von wegen nur ein Elitezirkel: Immer mehr Aufsteiger schaffen es von ganz unten nach ganz oben an die Vorstandsspitzen der großen Konzerne. Die Bildung macht es in vielen Fällen möglich.

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          Der wichtigste Autoboss im Land, ein Flüchtlingskind, hat sich aus dem Arme-Leute-Viertel in Schwaben nach oben geschafft. Der größte Stahlproduzent kommt vom kargen Bauernhof im bayerischen Ries. Und der neue Chef der mächtigsten Bank wuchs im Wirtshaus auf, in einem Dorf bei Buxtehude. Martin Winterkorn (VW), Heinrich Hiesinger (Thyssen-Krupp), Jürgen Fitschen (Deutsche Bank) sind anerkannte Manager in Dax-Konzernen, aber sind sie repräsentativ? Ist der Durchmarsch von ganz unten an die Spitze von Weltkonzernen ohne weiteres möglich?

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nein, behauptet das gängige Vorurteil. Karriere machen nur Kinder aus der Oberschicht. Die Elite ist ein geschlossener Kreis, heißt es, Zutritt von außen verboten: Privatschule, MBA und dann mit Papas Kontakten schnurstracks in den Vorstand. Derweil strample sich die Mittelschicht vergebens ab, gefangen in einer Gesellschaft, die so undurchlässig ist wie eine Wand aus Beton. Befeuert wird dieses Gefühl der Ungerechtigkeit von Leuten wie Michael Hartmann, dem aus Funk und Fernsehen bekannten Eliteforscher. "Es ist ein Trugschluss, dass vorrangig die individuelle Leistung über die Karriere entscheidet." Mit dieser Botschaft zieht der Professor aus Darmstadt durch die Lande: "Von einer sozialen Öffnung der Eliten kann keine Rede sein." Wer etwas wird, das bestimme maßgeblich die Herkunft: "Die Unternehmen rekrutieren ihre Führung überwiegend aus den oberen knapp fünf Prozent der Gesellschaft."

          „Bildung, Bildung, Bildung“

          Haben die anfangs genannten Emporkömmlinge sich also in die Chefetagen verirrt? Recherchen bei den 30 größten Konzernen widersprechen sowohl dem Klischee wie der These des Soziologen Hartmann: Die Mehrheit der Vorstandschefs hat zwar einen Doktortitel, nur die absolute Minderheit aber einen familiären Hintergrund mit Vorstandschauffeur.

          "Bildung, Bildung, Bildung", antworten die Top-Manager auf die Frage, wie sie es aus gewöhnlichen Verhältnissen nach oben geschafft haben. So brachte es Norbert Reithofer (Sohn eines Bergarbeiters im bayerischen Penzberg) erst zur Assistentenstelle an der Hochschule und danach zum BMW-Chef. So errang Frank Appel (der Vater war Vertreter für eine Shampoofirma) Doktor- und CEO-Titel bei der Deutschen Post. Und so entkam sein Vorstandskollege Ken Allen der Bergarbeiterwelt des Vaters, eines Kumpels in Leeds.

          Bunt gemischt ist heute die Riege der Dax-Vorstände. Das bestätigen Headhunter wie Christine Stimpel, Deutschland-Chefin von Heidrick & Struggles: "Es hilft, wer zu Hause bestimmte Werte mitbekommt - das ist aber keine Frage des Geldes." Hilfsarbeitersöhne, Journalistentöchter, natürlich auch reichlich Juristennachwuchs sitzen allesamt auf Chefsesseln. Der dänische Teil der SAP-Doppelspitze ist Sohn eines Piloten, sein amerikanischer Kollege hat einen Handwerker in New York zum Vater. "Der Mythos von der alles entscheidenden Herkunft ist so überholt wie der Glaube, die besten Geschäfte würden auf dem Golfplatz gemacht", sagt Personalberater Heiner Thorborg.

          Vom Metzger-Sohn zum „Global Player“

          Gewiss, Nikolaus von Bomhard (Münchner Rück) entstammt altem Adel, Martin Blessing (Commerzbank) einer Bankerdynastie: Großvater Bundesbank-Präsident, Vater Vorstand der Deutschen Bank. Als Beweis für die Undurchlässigkeit der Wirtschaftselite taugen sie nicht, so wenig wie Kurt Bock, seit kurzem BASF-Chef, dessen Lebenslauf vermerkt: Vater Hotelier; das klingt zwar stark nach Hilton-Erbe, handelt sich in Wahrheit aber um einen Familienbetrieb in Ostwestfalen. Lehrreich war die Kindheit trotzdem, berichtet der BASF-Chef: "Es hilft für die unternehmerische Karriere, wenn man zu Hause früh anpackt."

          So oder ähnlich reden sie alle, die Aufsteiger, die Zehntausende Angestellte befehligen. Manager wie Telekom-Chef René Obermann: Aufgewachsen bei den Großeltern, "in sehr einfachen Verhältnissen", wie er erzählt: Lehre als Industriekaufmann, abgebrochenes Studium, heute einer der größten Arbeitgeber. Oder Adidas-Chef Herbert Hainer: ein Metzger-Sohn aus Dingolfing, der über die Fachhochschule Landshut in die Liga der "global player" vorgestoßen ist. Bei Siemens deuten schon die Geburtsorte der Vorstände tief in der Provinz darauf hin, dass sie nicht im engsten Zirkel der Hochfinanz aufgewachsen sind. Nichts gegen die Fachhochschule Regensburg, wo Finanzvorstand Joe Kaeser (ursprünglich Josef Käser) studiert hat: Aber Harvard ist von dort mindestens so weit entfernt wie sein Heimatdorf im Bayerischen Wald von der Wall Street.

          Wer glaubt, das Bremer Arbeiterkind Klaus Kleinfeld sei als Siemens-Chef ein Ausrutscher gewesen und das Großbürgertum hätte wieder die Zügel in der Hand, der irrt: Peter Löschers Familie in Kärnten gehört zwar ein ansehnlicher Waldbetrieb, der größte Grundbesitzer Österreichs ist er deswegen noch lange nicht. Und dann ist da noch die noble Deutsche Bank: Sie kürt aller Voraussicht nach den Bauern- und Wirtssohn Fitschen zu ihrem Chef, neben dem Inder Anshu Jain - dem ist alles Mögliche nachzusagen, nur nicht die Zugehörigkeit zum deutschen Bankeradel.

          Die Herkunft macht's

          Elitenforscher Hartmann lässt sich durch diese Karrieren nicht irritieren. "Ausreißer" nennt er die prominenten Fälle, kaum der Rede wert: "In den 200 größten Unternehmen kommen etwa 78 Prozent der Chefs aus bürgerlichen oder noch häufiger aus großbürgerlichen Familien." Wo oben ist, da ist der Forscher großzügig (das hilft seiner These): Alle höheren Beamten zählt er zur besseren Gesellschaft, alle leitenden Angestellten, alle Unternehmer, auch den Handwerksmeister (sofern er mehr als 20 Beschäftigte hat), alle freiberuflichen Akademiker sowieso. Der Dorfschullehrer geht ebenso als Elite durch wie der Feld-und-Wiesen-Anwalt. Unterschlagen wird im Urteil, dass der Anteil der Akademiker steigt. Und wenn es mehr Akademikerkinder gibt, werden auch mehr davon in der Führung von Unternehmen vertreten sein.

          War das nicht das Ziel der Bildungsoffensive? "Wir sollten stolz darauf sein, wie durchlässig die deutsche Wirtschaft ist, nach oben wie nach unten", sagt deshalb Headhunter Christoph Zeiss, der gerade Ex-Bundesbankchef Axel Weber, einen Lehrersohn, zur Schweizer UBS gelotst hat. Aufstiegshungrige Mittelschichtskinder hätten hierzulande deutlich bessere Chancen als etwa in Großbritannien oder Frankreich. Typisch sind Lebensläufe wie der von Infineon-Chef Peter Bauer: Vater gewöhnlicher Angestellter in der Siemens-Werbeabteilung, Mutter Hausfrau. Als Judo-Trainer und Mathe-Nachhilfe verdient Bauer sein erstes Geld, früh angestachelt vom Ehrgeiz, "etwas Technisches zu studieren". Ein Gegenbeispiel mehr für die landläufige These: Die Herkunft macht's.

          „Wer Hirn im Kopf hat, der wird auch was“

          Voreingenommen nennt der Frankfurter Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe deshalb die Schlüsse des Soziologen Hartmann: "Unternehmer geben ein extrem heterogenes Bild ab, auch ein Friedrich Flick war Sohn eines Landwirtes." Wenn eine Gesetzmäßigkeit festzustellen sei, dann diese: "In dynamischen Zeiten, wie dem Kaiserreich oder dem Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit, ist die soziale Mobilität besonders hoch." Wer die Aufstiegschancen generell leugnet, begründet dies mit den Mechanismen der Rekrutierung. Im Zweifel setzen sich demnach die geheimen Codes des Bürgertums durch: Einmal oben, immer oben. "Wer in den Vorstand will, muss vor allem eines besitzen: habituelle Ähnlichkeit mit den Personen, die dort schon sitzen", sagt Michael Hartmann. Damit unterschätzt er die Anpassungsleistungen der Aufsteiger und verkennt die Sitten in den Unternehmen. Gefragt sind dort auch: Gerissenheit, Rücksichtslosigkeit, Durchschlagskraft. "Großbürgerlicher Habitus und feingeistige Erziehung sind manchmal sogar hinderlich für die Karriere", sagt Professor Plumpe.

          Nun wird niemand bestreiten, dass die Startbedingungen unterschiedlich sind, dass manches Talent vergeudet wird, weil niemand seine oder ihre Fähigkeiten erkennt. Wer aber die gröbsten Hürden genommen hat - Abitur, Studium, erster Job -, der dürfe die Herkunft heutzutage nicht mehr als Ausrede für unerfüllte Karriereträume anführen, sagt Dieter Rickert, Altmeister der Headhunter: "Wer Hirn im Kopf hat und einen Arsch in der Hose, der wird auch was."

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