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Konsum : Man gönnt sich wieder mehr

  • -Aktualisiert am

Von der Lust, sich wieder mehr zu gönnen, profitiert nicht nur der Einzelhandel Bild: dapd

Die Konsumstimmung hellt sich auf. Vor allem, weil die Menschen ein höheres Einkommen erwarten. Davon profitieren Handel, Autoindustrie und Tourismus. Doch ein Stimmungstöter bleibt.

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          Schnäppchenjäger sollten sich langsam auf den Weg machen. An den Schaufenstern der meisten Mode- oder Schuhgeschäfte kleben inzwischen die großen Prozentzeichen, ist von „Sale“ die Rede, weil Schlussverkauf zu spießig klingt. Flächendeckende Rotstiftpreise wird es zwar erst zum 25. Juli geben, dem Stichtag, an dem früher der offizielle Sommerschlussverkauf startete. Die Ouvertüre zum großen Rabatt-Finale habe aber schon jetzt begonnen, sagt Kai Falk, Geschäftsführer des Handelsverbands HDE. Nicht zuletzt mit Blick auf die begonnene Feriensaison reduzieren viele Einzelhandelsgeschäfte jetzt ihre Ware, denn nach dem Sommerurlaub verliert diese stark an Reiz. Da passt es gut, dass sich die Konsum- und Kauflaune der Deutschen nach leichten Eintrübungen infolge des Reaktorunglücks in Fukushima, hoher Energiepreise oder der ungelösten Schuldenkrise in Europa jüngst wieder spürbar aufgehellt hat.

          Ursächlich für die bessere Stimmung sind vor allem die höheren Einkommenserwartungen der Bürger, sagt das Nürnberger Marktforschungsunternehmen GfK. Die Menschen reagierten zudem positiv auf die Konjunkturentwicklung in Deutschland und die weiterhin zu erwartende Belebung auf dem Arbeitsmarkt. Nimmt die Sorge um den eigenen Arbeitsplatz ab, wird weniger Geld auf die hohe Kante gelegt, weiß der Einzelhandel aus Erfahrung. Einen Stimmungswandel zum Guten bestätigt auch eine aktuelle Untersuchung der Beratungsgesellschaft Boston Consulting (BCG). Entgegen dem westeuropäischen Trend planen danach 65 Prozent der Deutschen, ihre Konsumausgaben gleich zu halten oder sogar zu steigern. Klagte im vergangenen Jahr hierzulande noch jeder Zweite über finanzielle Unsicherheit, so ist es jetzt nur noch jeder Fünfte, heißt es in der Studie weiter. Nach Angaben des HDE legten die Konsumausgaben der privaten Haushalte in den ersten drei Monaten dieses Jahres – bei einem um mehr als 3 Prozent gestiegenen verfügbaren Einkommen und leicht rückläufiger Sparquote – immerhin um 4,1 Prozent zu.

          Zweistellige Zuwachsraten bei Reisen

          Einen solch guten Start hat die leidgeprüfte Branche seit Jahren nicht mehr erlebt. Ob die am Donnerstag vom Statistischen Bundesamt gemeldeten Umsatzzahlen für den Mai nur einen einmaligen Ausreißer darstellen, vermag Falk noch nicht genau abzuschätzen. „Es spricht aber viel dafür, dass sich die gute Stimmung nicht eins zu eins im Umsatz niederschlägt“, meint der HDE-Geschäftsführer. So haben Deutschlands Einzelhändler im Mai nominal 3 Prozent weniger umgesetzt als im stark vom Ostergeschäft geprägten April, der Branchen wie dem Bekleidungs- und Schuhhandel ungewohnte zweistellige Zuwachsraten beschert hatte. Im Jahresvergleich liegt der Mai mit nominal plus 4 Prozent immerhin weiter deutlich über dem Vorjahr; allerdings gab es in diesem Jahr auch drei Einkaufstage mehr.

          Von der Lust der Konsumenten, sich wieder mehr zu gönnen, profitiert nicht nur der Einzelhandel. Die Geschäfte von Hotels, Gaststätten und Reisebüros laufen in diesem Sommer blendend, geht aus dem Tourismusreport des deutschen Industrie- und Handelskammertages hervor. Der größte deutsche Reiseveranstalter TUI und die Alltours-Gruppe berichten von zweistelligen Zuwachsraten bei den Buchungen für die Sommersaison. Auch die Autokäufer haben sich von der guten Konsumlaune anstecken lassen. Brauchte die Autoindustrie vor zwei Jahren noch die staatlich finanzierte Abwrackprämie, um Käufer anzulocken, so hat sich das Bild inzwischen komplett gewandelt: In den ersten fünf Monaten dieses Jahres ist der Durchschnittspreis der verkauften Neuwagen in Deutschland laut CAR-Institut der Universität Duisburg um 3 Prozent auf etwas mehr als 25.700 Euro gestiegen. Damit haben die Deutschen nicht nur knapp 830 Euro je Neuwagen mehr ausgegeben – es war zugleich auch mehr Geld als jemals zuvor. Binnen dreißig Jahren haben sich die Preise für neue Autos mehr als verdreifacht. Vor zehn Jahren noch gaben die Deutschen dagegen „nur“ 20.400 Euro je Neuwagen aus.

          Warten auf den Neuwagen

          Die Nachfrage ist in jüngster Zeit so stark gestiegen, dass die Autokäufer viel Geduld mitbringen müssen. Im Durchschnitt beträgt die Lieferzeit eines im Juni 2011 in Deutschland bestellten Neuwagens knapp vier Monate, wie aus Daten des Internet-Neuwagenvermittlers Meinauto.de hervorgeht. Am längsten ist die durchschnittliche Lieferzeit mit fast einem halben Jahr bei den beiden japanischen Marken Suzuki und Nissan, die wegen der Schäden nach der Flutwelle nur eingeschränkt produzieren können. Aber auch bei den koreanischen Rivalen Hyundai und Kia sowie den deutschen Herstellern Audi und Volkswagen vergehen zwischen Bestellung und Auslieferung im Schnitt mehr als fünf Monate. Am längsten müssen die Kunden auf die Geländewagenmodelle BMW X3 und Audi Q7 warten – nämlich zehn Monate. Überhaupt ist der Trend zu sportlichen Geländewagen (SUV) dem CAR-Institut zufolge in Deutschland kaum zu bremsen. So wurden in diesem Jahr bis Mai mit 178.200 SUV so viele Geländewagen wie noch nie verkauft. Die Fahrzeugklasse kommt auf einen Marktanteil von gut 13 Prozent. Jeder siebte Neuwagen ist einer der viel Kraftstoff verbrauchenden SUV.

          Als Stimmungstöter könnte sich indes im weiteren Jahresverlauf die Teuerungsrate erweisen. Denn sie zieht Kaufkraft ab. So mussten die Haushalte im bisherigen Jahresverlauf 9 Prozent mehr für Energie bezahlen. Im Einzelhandel machte die Teuerung im Durchschnitt bisher zwar „nur“ 1,9 Prozent aus. In den Lebensmittelgeschäften, in die es die Kunden fast täglich treibt, haben die zum Teil stark verteuerten Rohstoffkosten die Preise im Durchschnitt aber um 2,5 Prozent anziehen lassen. Der Handelsverband bleibt daher bei seiner konservativen Prognose, wonach die Branche in diesem Jahr ein Plus von 1,5 Prozent erreichen wird.

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