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Neuer Jet A321-XLR : Airbus eröffnet den Wettstreit um den Langstreckenflug

Bild: Reuters

Airbus bringt ein neues Flugzeug mit großer Reichweite auf den Markt. Der krisengeschüttelte Konkurrent Boeing gerät unter Zugzwang. Doch für beide Duopolisten wird das Geschäft schwieriger.

          Diese Nachricht dürfte Urlaubsreisende aufhorchen lassen: Airbus bringt eine neue Version seiner Mittelstreckenmaschine A321-LR heraus, die deutlich weiter fliegt. In der Kategorie der Passagiermaschinen mit einem Kabinengang sind damit Flüge von mehr als neun Stunden möglich – zum Beispiel von Europa nach Amerika auf der Strecke Frankfurt-Denver oder von Indien nach Europa und von China nach Australien.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Vor allem durch die Ausstattung mit einem Zusatztank und einem robusteren Fahrwerk ermöglicht der A321-XLR Reisen von rund 8700 Kilometern – 1300 Kilometer mehr als die vorherige Version. Rund 240 Passagiere können in der Maschine Platz finden. „Mit der zusätzlichen Reichweite können die Fluggesellschaften bei niedrigeren Kosten Flugzeuge zum Einsatz bringen, die auf längeren Routen und zu weniger frequentierten Flughäfen im Einsatz sind“, teilt der europäische Hersteller mit.

          Airbus bringt seinen Erzrivalen Boeing damit in Zugzwang. Der amerikanische Hersteller arbeitet seit langem an einem neuen Flugzeug „für den mittleren Markt“ (NMA, oder unter Umständen „Boeing 797“), das den gleichen Markt bedienen soll. Doch die hohen Kosten für die Entwicklung einer solchen Maschine, die auf rund 10 Milliarden Dollar geschätzt werden, ließen die Amerikaner lange zögern. Vor allem aber haben die beiden Abstürze der kleineren 737-Max im Oktober 2018 und März 2019, bei der 346 Passagiere ums Leben kamen, Boeing in eine schwere Krise gestürzt.

          15 Prozent weniger Spritverbrauch 

          Auf der Luftfahrtschau von Le Bourget war das nicht zuletzt daran zu spüren, dass alle Boeing-Manager auch gut drei Monate nach dem Absturz in Äthiopien ihre Präsentation mit einer Beileidsbekundung für die Familien der Opfer einleiteten. „Ich bin seit mehr als 30 Jahren in dieser Branche tätig, doch das sind die schwierigsten Zeiten, die ich erlebt habe. Sie sind eine Gelegenheit, in sich zu gehen“, sagte der Chef der Boeing-Zivilflugzeuge Kevin McAllister. Er wagte keine Prognose, wann die Boeing 737-Max wieder geflogen werden darf.

          Unterdessen könnten die Pannen auch auf andere Modelle überschwappen: Die europäische Luftfahrtaufsicht prüft, ob technische Vorrichtungen des 737-Max auch die größere Langstreckenmaschine 777-X beeinträchtigen könnten. Die große Boeing soll eigentlich im nächsten Jahr auf den Markt kommen, doch sie ist mit Verspätungen beim Triebwerkhersteller General Electric konfrontiert. „Wir wollen die Lehren aus der 737-Max auch für die 777-X anwenden“, sagte der Boeing-Manager Stan Deal in Le Bourget.

          Viele Luftfahrtexperten sind trotz der Boeing-Krise überzeugt, dass die Amerikaner mit einer mittelgroßen Maschine auf Airbus reagieren werden, vielleicht im Jahr 2025 und damit zwei Jahre später als die nun vorgesehene Einführung des A321-XLR. Der Airbus-Verkaufschef Christian Scherer verwies in Le Bourget auf den vergleichsweise geringen Aufwand für die Weiterentwicklung zum A321-XLR – „ein Bruchteil“ der Kosten für eine ganz neue Maschine. Dennoch ermögliche die neue Airbus-Maschine 15 Prozent weniger Spritverbrauch als die A321LR und 30 Prozent weniger als die Boeing-757, die allerdings schon Anfang der achtziger Jahre auf den Markt kam.

          Wachstumsabschwächung macht sich bemerkbar

          Überzeugt haben die Argumente auf jeden Fall die amerikanische Leasing-Gesellschaft Air Lease Corporation, die auf der Basis einer Absichtserklärung als Erstkunde 27 A321-XLR kaufen will.

          Das neue Flugzeug kann allerdings nicht verdecken, dass der schon zehn Jahre währende Aufschwung der Luftfahrtbranche seinen Höhepunkt überschritten hat. Erstmals seit langer Zeit sind die beiden Duopolisten Airbus und Boeing in Le Bourget mit einer negativen Auftragsbilanz eingetroffen: Bei beiden Herstellern übersteigen in den ersten fünf Monaten dieses Jahres die Auftragsstornierungen die Auftragseingänge. Airbus kommt somit bis Mai 2019 auf einen negativen Ordereingang von 57 Maschinen und Boeing von 119 Flugzeugen.

          Aufgrund des heftigen Wettbewerbs teilt sich die Branche einen Kuchen, der nicht mehr so stark wächst wie früher. Mehrere Billigfluggesellschaften stecken aufgrund ihrer mit heißer Nadel gestrickten Geschäftsmodelle in tiefen Schwierigkeiten. Gleichzeitig werden die traditionellen Anbieter wie Lufthansa oder Air France-KLM von zwei Seiten in die Zange genommen, wie die jüngste Gewinnwarnung der Lufthansa vom Montagmorgen belegt: Zum einen von den Billiganbietern, zum anderen von den Fluggesellschaften vom Golf mit ihrer großzügigen staatlichen Förderung. Air France-KLM stehe in Konkurrenz nicht mit Fluggesellschaften, sondern „mit Regierungen, die ihren Unternehmen volle Unterstützung bieten“, klagte der Vorstandsvorsitzende von Air France-KLM, Ben Smith, im Vorfeld der Luftfahrtmesse.

          Zum anderen schlägt sich in der aktuellen Luftfahrtkonjunktur auch die weltweite Wachstumsabschwächung nieder, die vor allem durch Protektionismus-Ängste ausgelöst wurde. Kombiniert mit steigenden Spritpreisen sind sie Gift für die Luftfahrbranche. Seit neun Jahren wächst der Flugverkehr stärker als das weltweite Wirtschaftswachstum, berichtete Boeing in Le Bourget, doch im ersten Halbjahr stellte sich eine Abschwächung ein. Die Luftfahrt-Vereinigung Iata erwartet in diesem Jahr für die Fluggesellschaften die niedrigsten Gewinne seit fünf Jahren. Ob damit der Luftfahrtboom endet, der den Herstellern dicke Auftragspolster verschafft hat, ist allerdings nicht ausgemacht. Denn in den Schwellenländern wachsen die Mittelklassen und damit neue Kundengruppen weiter.

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