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Konkurrenz durchs Netz : Der Handel hat eine Chance

Der Einzelhandel befindet sich in einem Wandlungsprozess. Bild: dpa

Der stationäre Einzelhandel ist dem Online-Handel nicht hilflos ausgeliefert. Er hat eine Zukunft, vor allem in den Großstädten. Ein Kommentar.

          Dem Handel geht es gut. Die Deutschen konsumieren. Solange das Sparen kaum Zinsen bringt und das Ersparte real sogar an Wert verliert, wird mit frei verfügbarem Geld lieber das Bad erneuert, ein Smartphone gekauft oder die alte Winterjacke durch eine neue ersetzt. Solange die Löhne bei hohem Beschäftigungsgrad steigen und die Arbeitsplätze sicher sind, hat der Einzelhandel nichts zu befürchten.

          Trotzdem rumort es im Einzelhandel, haben viele Händler sogar wirtschaftliche Schwierigkeiten. Die öffentlichkeitswirksamen Problemfälle von Karstadt über Weltbild bis zu Praktiker stehen für viele andere. Der Einzelhandel macht einen Wandlungsprozess durch, den man ruhig dramatisch nennen kann. Der Grund ist auch hier die Digitalisierung.

          Eine lineare Fortsetzung der Entwicklung ist nicht zu erwarten

          Neu ist das nicht. Die noch vor zehn Jahren in jedem Stadtbild unübersehbaren Fotogeschäfte mit ihren Agfa- oder Kodak-Schildern vor der Tür sind längst Opfer dieser Entwicklung geworden. Heute werden Fotos digital geschossen und digital zu Fotobüchern weiterverarbeitet. Auch die verschwundenen Musikgeschäfte mussten dem digitalen Herunterladen von Musik – meist von Apple – weichen. Die Frage liegt auf der Hand, welche Handelsbranche als Nächstes dem Online-Geschäft zum Opfer fällt. Aber so einfach liegen die Dinge nicht, dass eine lineare Fortsetzung der Entwicklung zu erwarten wäre.

          Der Online-Handel – er macht mit gut 40 Milliarden Euro etwa 10 Prozent des Handelsumsatzes hierzulande aus – erlebt einen Umsatzrekord nach dem anderen. Ein Ende der Rekordfahrt ist nicht absehbar. Der Online-Handel ist bequem, passt in die zunehmende Elektronisierung aller Lebensbereiche, hat keine begrenzten Öffnungszeiten, bietet, verglichen mit dem stationären Einzelhandel, ein fast grenzenloses Angebot und ist serviceorientiert. Immer mehr Menschen sitzen daher abends oder am Wochenende daheim und bestellen oder probieren bestellte Ware aus.

          Der stationäre Handel ist dem aber nicht nur hilflos ausgeliefert. Auch er hat Stärken. Seine größte Stärke ist das Einkaufserlebnis. Da bietet der Online-Handel gar nichts. Viele Händler stärken daher den Eventcharakter des Einkaufens. Eine weitere Stärke ist die persönliche Beratung und die haptische Beurteilung der Ware, auf Deutsch: Sie anfassen zu können. Diese Stärken baut der Handel aus – und integriert die Elektronik so weit wie möglich in das stationäre Konzept.

          Beide Bereiche wachsen zusammen

          Da wird im Augenblick sehr vieles ausprobiert. In modernen Buchhandlungen können sich schon heute die Kunden am Neuheitentisch über einen Bildschirm weitere Informationen zum Autor und zu seinen Titeln beschaffen und diese – so sie nicht vorrätig sein sollten – elektronisch bestellen. Man kann die bestellten Bücher am anderen Tag in der Buchhandlung abholen oder sich nach Hause bringen lassen. Der Buchhandel, er schien manchem schon als nächstes Opfer der Digitalisierung ausgemacht, hat schon immer seinen Kunden eine Übernachtbeschaffung zugesagt, wie auch die Apotheken. Andere Handelsbereiche sind davon noch meilenweit entfernt. Die Buchhandelskette Thalia arbeitet zudem daran, eine Datenbank inhaltsähnlicher Bücher aufzubauen, die sehr viel anspruchsvoller sein soll als der Amazon-Hinweis darauf, was Besteller eines Buches noch gekauft haben.

          Einkaufszentren überlegen sich, wie sie ihre gesetzlich begrenzte Öffnungszeit vor allem am Wochenende durch elektronische Angebote erweitern können. So könnten Spaziergänger über entsprechende Apps auf dem Smartphone über das Angebot im Einkaufszentrum informiert werden. Sie könnten dann Artikel elektronisch bestellen und sich zusenden oder zur Abholung bereitlegen lassen und auch über das Handy bezahlen. Die Einbindung elektronischer Hilfsmittel von der E-Mail-Werbung bis zur Smartphone-App in das stationäre Geschäft hat die alte Frage überholt, ob die Besucher in das Ladengeschäft nur zum Informieren kommen und dann im Internet bestellen oder aber umgekehrt Kunden im Laden das kaufen, was sie über eine Internetrecherche ausgewählt haben. Diese Frage, wer wem schadet und Umsatz wegnimmt, ist überholt. Beides wächst zusammen. Die Betreiber großer Einkaufszentren denken längst darüber nach, ob sie ihre Flächen noch nach Umsatz vermieten oder nicht besser nach Besucherfrequenz. Wo diese dann den Umsatz machen – ob im Geschäft oder über das Internet – spielt eine immer geringere Rolle. Entscheidend für das stationäre Geschäft ist die Kundenfrequenz.

          Die Frequenz wird aber in erster Linie in Großstädten und in Mittelzentren erreicht. Der inhabergeführte Einzelhandel in Klein- und Mittelstädten kommt in Bedrängnis, weil ihm das Internet margenstarken Umsatz wegnimmt, ein eigener Online-Handel zu teuer ist und er zu wenig Kunden aufbringt, um als stationärer Schauraum für Hersteller interessant zu sein. Hier wird sich auch die Politik überlegen müssen, wie man die Urbanität und die Vollversorgung trotz zurückgehender Handelsflächen aufrechterhält. In Großstädten hat der stationäre Einzelhandel durchaus eine Zukunft, wenn er sich umstellt.

          Georg Giersberg

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Betriebswirt“.

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