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Konkurrenz durch Fernbusse : Die Bahn bläst zum Gegenangriff

Im Billigzug von Berlin nach Hamburg: Der Interregio-Express Bild: DB Systel GmbH

Die Fernbusse nehmen der Bahn immer mehr Kunden weg. Jetzt schlägt sie zurück. Mit Billigzügen und kostenlosem Internet.

          Bahnchef Rüdiger Grube erzählt gern die Geschichte seiner Tochter. „Sie ist für neun Euro mit dem Bus von Stuttgart nach Mannheim gefahren. Sie war wegen Staus mehr als drei Stunden unterwegs. Zurück hat sie die Bahn genommen – und war in 38 Minuten da.“

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dieser Zeitvorteil müsste doch eigentlich alle überzeugen, den Zug statt den Fernbus zu wählen, will Grube damit sagen. Und er hat es wahrscheinlich auch lange so gedacht. Zu lange. Denn die Bahn hat die neue Konkurrenz der Fernbusse dramatisch unterschätzt. Viele Kunden sind auf die Straße umgestiegen, vor allem junge Leute unter 35 und Senioren. Für sie ist der Fahrpreis das entscheidende Kriterium für die Wahl des Verkehrsmittels. Für sieben Euro von Frankfurt nach Köln, für fünfzehn Euro nach München – da kann kein Zugticket mithalten. Dass die Fahrt im Bus viel länger dauert – geschenkt. 120 Millionen Euro Umsatz und ungefähr genau so viel Gewinn sind der Bahn im vergangenen Jahr durch diese Umsteiger verlorengegangen. Und der Busmarkt soll weiter kräftig wachsen.

          Wettbewerb im Busmarkt wird härter

          Nun könnte die Bahn eigentlich gelassen bleiben, denn sie betreibt selbst Fernbuslinien – unter dem Namen Berlin-Linien-Bus und mit den IC-Buslinien. Doch die Busse kompensieren nicht den Rückgang auf der Schiene. Mit einem Marktanteil von gerade einmal neun Prozent sind die Busse der Bahn weit weg von den Marktführern Mein Fernbus (44 Prozent) und Flixbus (30 Prozent), die gerade auch noch ihren Zusammenschluss angekündigt haben. Der Wettbewerb wird also auch im Busmarkt selbst härter.

          Jetzt ist die Bahn aufgewacht. Und holt zum Gegenangriff aus. In zwei Wochen präsentiert sie ein Strategiepapier mit Maßnahmen, die ihre Fernbusse attraktiver machen sollen. Mitte März werden dann die Pläne für den Schienenfernverkehr veröffentlicht, mit denen die abtrünnigen Kunden zurückgewonnen werden sollen. „Wir werden mit dem Fernverkehr in die Offensive gehen“, trommelt Grube vorab. „Wir wollen an die Fahrgastrekorde der vergangenen Jahre anknüpfen und diese sogar übertreffen.“

          Erste Details der Offensive sind schon durchgesickert. So will Grube das kostenlose Internet (W-Lan) ausbauen. Damit locken die Busse schon seit langem. Die Bahn hat es erst im Dezember in der ersten Klasse eingeführt und auch nur auf einigen ICE-Strecken. Nun sollen weitere Verbindungen hinzukommen, bis Ende des Jahres sollen auch IC-Züge einbezogen werden. Das ist aufwendig, denn die Technik muss auch bei Tempo 300 und in Tunnels stabil zur Verfügung stehen. In der zweiten Klasse, in der bisher fürs Surfen bezahlt werden muss, soll es kostenloses W-Lan bis 2016 geben. Zudem soll es in 24 großen Bahnhöfen angeboten werden.

          Bahn lockt mit Sonderangeboten

          Aber der größte Nachteil gegenüber dem Bus ist der Preis, den Bahnfahrer zahlen müssen. Der ist in den vergangenen zehn Jahren nach Angaben des Statistischen Bundesamtes um 37 Prozent gestiegen. Auch hier will die Bahn angreifen. Im Dezember hat sie auf eine Preiserhöhung in der zweiten Klasse verzichtet. „Wir wollten ein Signal in den Markt setzen“, sagte damals Personenverkehrsvorstand Ulrich Homburg. Ein internes Papier empfiehlt auch für dieses Jahr eine Nullrunde. Zudem lockt die Bahn nun mit speziellen Sonderangeboten – und zwar direkt in der Höhle des Löwen: auf den Vergleichsseiten im Internet, über die Buskunden die günstigsten Angebote herausfiltern. Weitere Preisaktionen vor allem für junge Leute und Senioren sind in der Diskussion.

          Diese Angebote wird die Bahn allerdings immer nur für eine begrenzte Zahl von Tickets machen können, denn sie hat viel höhere Kosten als die Busbetreiber. „Aber sie muss auch nicht genau so günstig sein, denn sie kann mit dem Zeitvorteil einen Aufpreis rechtfertigen“, sagt Andreas Brenck vom Iges-Institut, einem unabhängigen Forschungs- und Beratungsinstitut für Infrastrukturfragen.

          Sogar mit einem ihrer schärfsten Konkurrenten auf der Schiene, der privaten Gesellschaft HKX, arbeitet die Bahn inzwischen zusammen, um sich gegenüber den Buslinien zu behaupten. HKX betreibt einzelne Fernzüge zwischen Hamburg und Köln. In ihnen werden künftig auch Fahrkarten der Deutschen Bahn akzeptiert. Das steigere die Attraktivität des Schienenverkehrs, heißt es bei der Bahn.

          Renaissance für den Interregio?

          Für die besonders hart umkämpfte Strecke Berlin–Hamburg, die beliebteste Fernbusverbindung im Land, hat sich die Bahn etwas Besonderes ausgedacht. Sie schickt ihren eigenen Billigzug in das Duell. In aufgehübschten alten Wagen kostet die Fahrt nur 20 Euro zum Festpreis statt bis zu 78 Euro im ICE, dauert aber auch eineinhalb Stunden länger. Genauso lang braucht der Bus, der die Strecke schon ab acht Euro befährt, an Wochenenden oder bei später Buchung allerdings auch schon einmal für 17 Euro. Folgerichtig wird der Billigzug vor allem am Wochenende gut angenommen, von Dienstag bis Donnerstag aber weniger, wie die Bahn zugibt.

          Interregio-Express (IRE) heißt der Zug. Das weckt Erinnerungen an den alten Interregio, der früher in ganz Deutschland unterwegs war und mittelgroße Städte untereinander verband und an die ICE-Bahnhöfe anschloss. Der Interregio war bei den Fahrgästen beliebt, aber nicht kostendeckend. Deshalb wurde er 2002 eingestellt. Jetzt erlebt er womöglich eine Renaissance. Denn die Bahn könnte im März weitere IRE-Strecken mit Festpreisen ankündigen. Das würde auch neue Direktverbindungen zwischen mittelgroßen Städten schaffen, auf denen die Busse bisher so erfolgreich sind, die Bahn aber nicht. Allerdings machte Bahnchef Grube auch klar, dass für eine flächendeckende Einführung in ganz Deutschland nicht genug Lokomotiven und Waggons zur Verfügung stehen.

          Verzahnung von Bus und Bahn

          Für den Konzern führt deshalb kein Weg daran vorbei, auch die eigenen Buslinien zu stärken. Auf Verbindungen, in denen der Zug nur mit einigen Umstiegen zu nutzen ist, fahren IC-Busse direkt. Rot-weiß im IC-Look lackiert, sind sie ab 9 Euro auf neun grenzüberschreitenden Strecken unterwegs. Erst vor einer Woche sind zwei Verbindungen nach Amsterdam und Brüssel hinzugekommen, weitere könnten folgen. Auch für die innerdeutschen Strecken von Berlin-Linien-Bus zeichnen sich Änderungen ab. Zur Diskussion stehen ein Ausbau des Netzes, möglicherweise sogar eine Kooperation mit einem Konkurrenten. Attraktiv könnte eine Verzahnung mit dem Zugangebot sein, zum Beispiel durch gemeinsame Tickets und eine Abstimmung der Fahrpläne. Der Bus könnte dann am Bahnhof die Weiterfahrt übernehmen.

          All das könnte die Bahn wieder in eine bessere Position bringen. Etwas günstiger aber werden die Fernbusbetreiber wohl immer sein, denn das ist ihr wichtigster Wettbewerbsvorteil. Aber er schrumpft. Denn für die Busfirmen ist das Preisniveau zurzeit unrentabel. Erste Preiserhöhungen sind schon zu beobachten. Weitere werden für dieses Jahr erwartet. Was dazu wohl Grubes Tochter sagen würde?

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