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Konjunkturpaket II : Autoindustrie jubelt über Abwrackprämie

  • -Aktualisiert am

Verschrotten für die Konjunktur: Das freut die Autoindustrie Bild: dpa

Die von der Regierung beschlossene Abwrackprämie freut die Autoindustrie zutiefst. Denn die „Umweltprämie“ kommt einem Preisnachlass von 10 Prozent gleich. Fachleute erwarten deshalb in diesem Jahr rund 300.000 zusätzliche Autoverkäufe.

          Die deutsche Autoindustrie hat hocherfreut auf das von der Bundesregierung geplante Hilfspaket reagiert. „Die große Koalition setzt mit den vereinbarten Maßnahmen ein richtiges Signal zur richtigen Zeit“, sagte Matthias Wissmann, Präsident des Verbands der Automobilindustrie (VDA). Die Kombination aus Bürgschaftsprogramm für Unternehmen, Reform der Kfz-Steuer und Umweltprämie gebe nun dem Automarkt im Inland Rückenwind und helfe, die schwierige konjunkturelle Situation zu meistern. Auch der Verband der Autohändler und Werkstätten begrüßte das Paket grundsätzlich, kritisierte aber die Pflicht zur Verschrottung.

          Bis Ende 2009 erhalten private Autobesitzer eine sogenannte Umweltprämie von 2500 Euro, wenn sie einen Neu- oder Jahreswagen (mindestens Schadstoffklasse Euro 4) kaufen und ihr altes Fahrzeug verschrotten. Die Anträge können gestellt werden, sobald am heutigen Mittwoch der Kabinettsbeschluss ergangen ist. Voraussetzung für den staatlichen Zuschuss ist, dass das Auto mindestens neun Jahre alt ist und mindestens ein Jahr auf den Halter zugelassen war. Damit will man verhindern, dass die Mitnahmeeffekte noch größer sind, indem alte Fahrzeuge aufgekauft und die Prämien kassiert werden. Die Regelung gilt für alle Autos. Es gibt keine Unterschiede zwischen in- und ausländischen Fahrzeugen oder Beschränkungen in der Größe oder PS-Zahl der Autos. Die Kosten des Programms werden auf 1,5 Milliarden Euro beziffert.

          PwC: Deutsche Autos im Schnitt knapp neun Jahre

          Die Unternehmensberatung Pricewaterhouse Coopers (PwC) schätzt den durch die Abwrackprämie verursachten zusätzlichen Absatz im Jahr 2009 auf rund 300.000 Autos. Zum Vergleich: Den Gesamtabsatz in Deutschland prognostiziert der VDA für das laufende Jahr in einer Größenordnung von 2,9 Millionen Autos. Laut PwC ist derzeit der deutsche Fahrzeugbestand mit im Schnitt knapp neun Jahren so alt wie noch nie. Rund 4 Millionen Fahrzeuge seien seit ihrer Erstzulassung 16 bis 25 Jahre lang unterwegs. Erfreulicherweise hätten Verbraucher nun Klarheit über staatliche Kaufanreize.

          Von den derzeit in Deutschland zugelassenen 44 Millionen Autos sind nach Angaben eines VDA-Sprechers etwa 18,5 Millionen älter als neun Jahre und kommen somit für die Prämie in Frage. Die bereitgestellte Summe von 1,5 Milliarden Euro würde für 600.000 Autos reichen - was etwa 20 Prozent eines Gesamtjahresabsatzes entspricht. Unter Fachleuten unumstritten ist, dass die Prämie kurzfristig einen hohen Kaufanreiz darstellt. Denn der Kaufpreis für einen Neuwagen beträgt im Schnitt 25.000 Euro. Die Prämie entspräche also 10 Prozent Preisnachlass.

          An der Börse fiel die Reaktion verhalten aus

          Von den Analysten der Commerzbank wird die Prämie trotzdem kritisch beurteilt. So hätten Erfahrungen in Spanien und Italien gezeigt, dass Prämien zu Marktverzerrungen führen, aber nachhaltig kaum stimulierend wirkten. Auch an der Börse fiel die Reaktion eher verhalten aus. Der Kurs der BMW-Aktie büßte in einem insgesamt schwachen Markt zeitweise gut 5 Prozent ein. Daimler und Volkswagen verloren jeweils rund 4 Prozent.

          Moderate Kritik äußerte der Händler- und Werkstättenverband ZDK. So verringere die Pflicht zur Verschrottung der bisherigen Fahrzeuge die Wirkung der Prämie. Fahrzeuge ab einem Alter von neun Jahren verkörperten oft noch einen Wert, der die Prämie von 2500 Euro bei weitem übersteige. Deshalb werde kein Anreiz geschaffen, einen solchen Pkw durch ein sparsames Fahrzeug zu ersetzen.

          Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) nannte die Umweltprämie verlogen. Neue Autos seien nicht zwingend umweltfreundlicher. Zum einen verbrauchten Neuwagen teilweise sogar mehr als die alten Autos, zum anderen werde bei ihrer Herstellung mehr Energie eingesetzt, als später im Betrieb eingespart würde.

          Die Abwrackprämie war zunächst eine Idee der SPD, gegen die sich die Unionsfraktion lange gewehrt hatte. In den vergangenen Tagen war indes zu hören, dass der Druck der Autobranche auf das Kanzleramt immer größer geworden war. Nach der befristeten Aussetzung der Kfz-Steuer soll zudem in einer Anschlussregelung die Steuer umgestellt werden auf die Kohlendioxid-Emissionen. Diese Umstellung soll möglichst bis Anfang Juli 2009 erfolgen. Auch damit soll die jetzige Zurückhaltung der Kunden beim Autokauf beseitigt werden. Es wird dabei einen linearen, an der Emission orientierten Tarif von 2 Euro je Gramm Kohlendioxid je Kilometer geben. Dabei wird für die Jahre 2010 und 2011 ein Freibetrag eingeführt: Die ersten 120 Gramm je Kilometer sind steuerfrei. Diese Basismenge soll von 2012 an sinken, erst auf 110 Gramm, ab 2014 auf 95 Gramm.

          Der Altbestand an Autos (Zulassung vor dem 5. November 2008) wird nach einer vierjährigen Übergangsfrist in die neue Form der Besteuerung überführt. Zudem wird künftig der Bund die Kfz-Steuer kassieren. Die Länder erhalten einen Ausgleich. Ferner übernimmt dieser die Verwaltungskosten und überweist den Ländern in den nächsten fünf Jahren jeweils 170 Millionen Euro.

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