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Konjunktur : Wettbewerbsdruck in der Autoindustrie wächst

  • Aktualisiert am

Bild: dpa

Die deutsche deutsche Autoindustrie bleibt dank boomender Exporte auf Rekordkurs. Doch der Automarkt in Deutschland wird nach Einschätzung des Branchenverbandes VDA auch 2006 keinen robusten Aufschwung erleben.

          Beflügelt vom kräftigen Export und der höheren Inlandsnachfrage rechnet die deutsche Autoindustrie 2006 mit mehr Absatz als bisher. Nach einem guten ersten Halbjahr erwartet der Verband der Automobilindustrie (VDA) im Gesamtjahr 3,4 Millionen Neuzulassungen auf dem deutschen Automarkt nach 3,34 Millionen 2005. Damit hob der Verband seine Prognose leicht an. Wegen der starken Nachfrage aus dem Ausland sollen Produktion und Export neue Rekordwerte erreichen. „Wir haben allen Anlaß, optimistisch zu bleiben“, sagte VDA-Präsident Bernd Gottschalk. Die neuen Modelle kämen gut an, und die deutschen Hersteller hätten auf wichtigen Märkten Anteile gewonnen.

          Mit dem deutschen Markt seien die Autohersteller noch nicht zufrieden. Im ersten Halbjahr stiegen die Neuzulassungen um 1,4 Prozent auf 1,74 Millionen Wagen. „Die deutsche Autokonjunktur fährt zwar mit höherem Tempo, aber noch immer nicht mit voller Kraft voraus“, sagte Gottschalk. Zwar stockten viele Firmen ihre Autoflotten auf, so daß der gewerbliche Bereich mit fünf Prozent wachse. Die privaten Verkäufe stagnierten dagegen.

          „Nachlaß-Bazillus“

          Gottschalk nannte den „Nachlaß-Bazillus“ als wichtigsten Grund: Viele Käufer warteten ab und hofften auf noch höhere Rabatte, auch im Wissen um die bevorstehende Mehrwertsteuererhöhung im kommenden Jahr. Die steigenden Steuerbelastungen verunsicherten die Konsumenten. Und obendrein habe der hohe Ölpreis Kaufkraft abgezogen. Gottschalk plädierte für eine CO2-basierte Kraftfahrzeugsteuer. Diese würde einen vernünftigen Anreiz schaffen, damit mehr Deutsche ihr Altfahrzeug durch ein neues effizienteres Autos ersetzten. Die Autos auf Deutschlands Straßen seien mittlerweile 96 Monate alt - auch dies ein neuer Höchstwert.

          Höhere Mehrwertsteuer entzieht Kaufkraft

          Die geplante Erhöhung der Mehrwertsteuer Anfang 2007 wird laut VDA den deutschen Autofahrern allein an der Zapfsäule 2 Milliarden Euro Kaufkraft entziehen. Insgesamt müssten sie rund 4,8 Milliarden Euro mehr für Autokauf, Reparatur, Wartung und Versicherungssteuer ausgeben. Wegen dieser Belastung rechnet die Branche im zweiten Halbjahr nur mit zahlenmäßig geringen vorgezogenen Autokäufen, aber nicht mit einer „plötzlichen Zulassungswelle“.

          Wichtigster Motor für die deutsche Schlüsselbranche bleibt der Export. Nach dem Rekord vom Vorjahr rechnet der VDA 2006 mit einem neuen Höchstwert von mehr als 3,8 Millionen Autos. Im ersten Halbjahr wurden mit zwei Millionen Wagen vier Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum exportiert. Hohe zweistellige Zuwachsraten hätten Audi, BMW und VW gemeldet. Die stärksten Zuwächse verzeichneten die Firmen in den USA, Asien und in den neuen EU-Ländern. „Der Export ist unser Paradestück geworden.“

          Beschäftigungsabbau geht weiter

          Die mögliche Allianz von General Motors mit Renaultund Nissandürfte die globale Autoindustrie vor neue Herausforderungen stellen. „Ein solches Bündnis ist Zeichen eines nochmals verschärften, triadeübergreifenden Wettbewerbs“, sagte VDA-Präsident Gottschalk. Die deutschen Hersteller müßten alle Potentiale in ihren Restrukturierungsbemühungen ausschöpfen, wollten sie sich gegenüber dem neuen Weltmarktführer behaupten. „Bei einer 28,8-Stunden-Woche kann man dann nicht stehen bleiben“, fügte Gottschalk mit Blick auf die Tarifauseinandersetzung bei Volkswagen hinzu. Grundsätzlich gehe es auch für die deutschen und europäischen Hersteller darum, transatlantisch zusammenzuarbeiten, um die Kosten von Entwicklung und Fertigung zu senken. Ein „Denken und Handeln in kleinem Karo“ sei nicht die passende Antwort, sagte Gottschalk.

          Trotz der guten Lage gehe der Beschäftigungsabbau weiter. Die Industrie beschäftigte im April 750.000 Menschen - das waren 16.000 Mitarbeiter weniger als ein Jahr zuvor. „Das ist eine temporäre Entwicklung, denn gleichzeitig entstehen Arbeitsplätze neu“, sagte Gottschalk. „Es werden nicht flächendeckend Stellen abgebaut.“

          Schließlich nehme der Anteil der deutschen Autos, die aus ausländischen Fabriken stammen, rapide zu. Zwar sei die Inlandsfertigung in den vergangenen fünf Jahren um 4 Prozent gestiegen, die Auslandsproduktion im selben Zeitraum aber um 14 Prozent. „Die Diskussionen um den Standort würden rascher abebben, wenn die Diskussionen um längere Arbeitszeiten und höhere Flexibilitäten rascher begännen“, sagte Gottschalk. Er verwies in dem Zusammenhang auch auf die Tatsache, daß die Zulieferunternehmen, die im Vergleich zu den Herstellern auf längere Arbeitszeiten kommen, ihr Beschäftigungsvolumen eher gehalten hätten.

          Die Produktion soll 2006 mit 5,4 Millionen Wagen ein Prozent über dem Vorjahr liegen - auch das wäre ein neuer Rekord. Im ersten Halbjahr kletterte die Fertigung um zwei Prozent auf 2,8 Millionen Autos. Der Nutzfahrzeugbereich - als konjunkturelles Barometer - legte in den ersten sechs Monaten deutlich zu. Die Neuzulassungen bei schweren Lastwagen über sechs Tonnen stiegen um 18 Prozent, bei Transportern um 14 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

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