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Kommentar zur Konjunktur : 2019 wird ungemütlich

Container liegen zur Abfertigung am Containerterminal im Hamburger Hafen. Die deutsche Wirtschaft profitiert seit Jahrzehnten von einem starken Export. Bild: dpa

Endet der wirtschaftliche Aufschwung im zehnten Jahr? Die Entscheidung darüber fällt nicht in Deutschland.

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          Deutschland kann in diesem Jahr ein Jubiläum feiern. Wächst die Wirtschaft auch 2019, würde der Aufschwung zehn Jahre anhalten. Als goldenes Jahrzehnt, das Deutschland Rekordbeschäftigung und einen nie dagewesenen Wohlstand gebracht hat, ginge die Periode seit der Weltwirtschaftskrise 2009 dann in die Geschichtsbücher ein. Ob es so kommen wird?

          Noch vor wenigen Monaten bestand daran kein Zweifel. Um 2,5 Prozent werde die deutsche Volkswirtschaft wachsen, hatten die meisten Volkswirte vor einem Jahr prognostiziert. Zwölf Monate später klingen sie ganz anders, das zurückliegende Jahr hat ihre Erwartungen enttäuscht. Im Sommer ist die deutsche Wirtschaft wegen der Schwierigkeiten der Autoindustrie geschrumpft, im ganzen Jahr hat sie um höchstens 1,5 Prozent zugelegt. In ähnlicher Geschwindigkeit werde es nun weitergehen, sagen die Volkswirte. Die niedrige Arbeitslosigkeit, die Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank sowie die überaus wettbewerbsfähige Exportwirtschaft sind dafür die Garanten. Fachkräftemangel und stark ausgelastete Kapazitäten hemmen die Entwicklung dagegen.

          Der verhaltene Optimismus der Wirtschaftsforscher steht allerdings im Widerspruch zu der Entwicklung an den Börsen. In Deutschland und den Vereinigten Staaten zeigt die Tendenz seit Monaten nach unten, die Verluste sind längst mehr als eine kurze Kurskorrektur. Investoren blicken so skeptisch auf die Entwicklung der Weltwirtschaft wie zuletzt im Krisenherbst 2008. Das zeigen Umfragen der Bank of America. Mehr als die Hälfte der Befragten rechnet in den kommenden zwölf Monaten mit einem globalen Wirtschaftsabschwung.

          Solide Wachstumsaussichten und mehr Verunsicherung

          Auch in den Unternehmen verschlechtern sich die Aussichten. Der Ifo-Geschäftsklimaindex ist viermal hintereinander gesunken. Und obwohl die Weltwirtschaft in diesem Jahr nach Prognosen der OECD um 3,7 Prozent zulegen wird, schwindet in vielen Industriestaaten das Vertrauen in das Wachstum.

          Die Diskrepanz zwischen den noch immer soliden Wachstumsaussichten und der zunehmenden Verunsicherung lässt sich mit einem Gefahren-Cocktail erklären, der die Weltwirtschaft – und damit auch die deutsche Konjunktur – zu vergiften droht. Zuallererst ist da der noch immer nicht befriedete Handelskonflikt zwischen den beiden größten Volkswirtschaften der Welt. Die Vereinigten Staaten und China haben im Anschluss an den G-20-Gipfel Anfang Dezember zwar Signale der Annäherung gesendet. Noch immer aber steht auf beiden Seiten die Drohung höherer und umfangreicherer Zölle im Raum.

          Donald Trumps erklärtes Ziel besteht darin, den technologischen Aufstieg des großen Rivalen zu stoppen. Die Handelspolitik ist eine seine wirksamsten Waffen. Es sollte daher niemanden überraschen, wenn der amerikanische Präsident diesen Trumpf nicht aus der Hand gibt. Natürlich kann bei Trump auch alles ganz anders kommen. Der weltgrößte Vermögensverwalter Blackrock etwa rechnet damit, dass am Ende des Konflikts niedrigere Zölle als vor dem Konflikt stehen werden. In diesem Positivszenario sind die Vereinigten Staaten und China auch 2019 die Triebkräfte der Weltwirtschaft.

          Der Brexit-Countdown läuft

          In beiden Volkswirtschaften gibt es allerdings auch jenseits des Handelskonflikts Fragezeichen hinter der Konjunkturentwicklung. In Amerika, wo die Notenbank Fed für das neue Jahr 2,3 Prozent Wachstum erwartet, machen Rezessionsängste die Runde. Trumps Steuerreform scheint nicht für nachhaltig höheres Wachstum zu sorgen, die Leitzinsanhebungen der Fed gehen ihm und vielen Anlegern deswegen zu schnell. China steht seinerseits vor dem Dilemma, das Wachstum mit lockerer Geldpolitik und staatlicher Intervention befeuern zu wollen, aber zugleich die Verschuldung unter Kontrolle halten zu müssen. Bislang geht dieses Unterfangen gut, es bleibt allerdings ein Wagnis.

          Für die deutsche Wirtschaft wird in diesem Jahr außerdem von enormer Bedeutung sein, wie es in den Nachbarländern weitergeht. Der Brexit-Countdown läuft. Kommt es am 29. März zu einem „harten“ EU-Austritt der Briten, worauf derzeit vieles hindeutet, werden das auch deutsche Unternehmen spüren. Wie groß die Einbußen sein werden, kann niemand genau vorhersagen – zumal der Brexit auch psychologische Kosten mit sich bringt. Vertrauensverlust und Ängste sind für eine ohnehin schwächer werdende Konjunktur besonders gefährlich.

          Mit dem Vertrauen der Investoren wird auch die Regierung des hochverschuldeten Italiens weiter spielen. Die Anleger werden im Zweifelsfall weniger gnädig mit der Regierung umgehen als die EU-Kommission, die das Land ohne Defizitverfahren hat davonkommen lassen. Zudem ist Frankreich ein Unsicherheitsfaktor. Die Proteste der „Gelbwesten“ haben sich zwar vorerst gelegt. Die Ruhe hat Präsident Emmanuel Macron aber teuer erkauft. Sollte sich das Land weiterhin als kaum reformierbar erweisen, wäre das Gift für die französische Wirtschaft.

          2019 dürfte also ein ungemütlicheres Jahr werden. Allerdings wurde der lange andauernde Aufschwung in den vergangenen Jahren schon mehrmals totgesagt. Und wie es um die Lebenserwartung Totgesagter steht, ist ja kein Geheimnis.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

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