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Kommerzialisiertes Bergsteigen : Das Geschäft mit dem Höhenrausch

Extrembergsteiger Hans Kammerlander ist empört über die Kommerzialisierung des Höhenbergsteigens Bild: ddp

Der tödliche Unfall von elf Bergsteigern am K 2 hat den Extremsport ins Licht der Öffentlichkeit gerückt. Das Expeditionsbergsteigen ist eine lukrative Nische im alpinen Reiseangebot geworden. Erfahrene Alpinisten prangern diese Kommerzialisierung an.

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          Die Tragödie auf dem K2 erschüttert viele Bergsteiger und bringt das kommerzialisierte Höhenbergsteigen wieder in die Kritik. Nach einem tödlichen Lawinenunglück sind auf dem zweithöchsten Berg der Erde am vergangenen Wochenende elf Menschen ums Leben gekommen. Der im Karakorum-Gebirge im chinesisch-pakistanischen Grenzgebiet gelegene K2 gilt unter Bergsteigern als der am schwersten zu bewältigende Achttausender. Die Todesquote der Kletterer liegt beim K2 bei 27 Prozent und damit dreimal so hoch wie beim höchsten Berg der Erde, dem Mount Everest.

          Michaela Seiser

          Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          Angeprangert wird das kommerzialisierte Höhenbergsteigen vor allem von erfahrenen Alpinisten wie Reinhold Messner. Sie wundern sich, dass Expeditionen gegen viel Geld auf solche Gipfel geführt werden. Der Südtiroler Extrembergsteiger Hans Kammerlander, der zum Teil mehrfach auf fast allen Achttausendern gestanden hat, empört sich über solche „fahrlässigen“ Geschäfte: „Dass dieser Wahnsinn vom Everest jetzt auf den K2 übertragen wird, finde ich unglaublich.“ Obwohl Kammerlander selbst dreimal auf dem K2 gewesen ist, würde er sich nicht zutrauen, andere Bergsteiger dort zu führen. Wenn in diesen Höhen etwas passiere, könne man nicht einfach die Bergrettung rufen. Der K2 sei kein Berg, um mit einem zusammengemischten Rudel hinaufzugehen. Das sei unverantwortlich. „Ich würde mich für so etwas nicht hergeben.“

          Von den Achttausendern die Finger lassen

          Anders sehen es Anbieter, die damit mehr oder weniger viel Geschäft machen. Im deutschsprachigen Raum sind es etwa eine Handvoll wichtiger Akteure. Dazu gehören neben Amical alpin das Unternehmen Diamir Erlebnisreisen, zudem Hauser Exkursionen, der Summit Club des Deutschen Alpenvereins und die Berg-Spechte in Linz. Sie verdienen am wachsenden Interesse am Höhenbergsteigen, wenngleich deutlich weniger als amerikanische Mitbewerber. Ralf Dujmovits, Geschäftsführer von Amical alpin im Schwarzwald, verzeichnet starke Zuwächse in der Nachfrage. „Wir haben 30 Prozent Steigerung jedes Jahr.“ Rund 500 Personen buchen bei ihm jährlich Expeditionen. Damit sieht sich Amical alpin als führender Veranstalter in Deutschland.

          Dujmovits schätzt, dass jährlich bis zu 1000 Alpinisten im deutschsprachigen Raum Touren auf Sechstausender und höhere Gipfel buchen. Allerdings bietet er die hohen Achttausender, wie Everest und K2, nicht mehr an. „Ich bin überzeugt, dass wir von den hohen Achttausendern die Finger lassen sollen, weil wir dort die Sicherheit nicht bieten können.“ Niedrigere Achttausender, wie Cho Oyu, Nanga Parbat, Shisha Pangma, Gasherbrum II und Broad Pick stehen im Programm. Solche Touren kosten 8000 bis 9000 Euro. Reich wird Dujmovits, der seit zwanzig Jahren Expeditionen organisiert, davon nicht. „Ich kann meine Familie versorgen.“ Er kalkuliert eine Gewinnspanne von 10 Prozent. Auftrieb erhalten seine Expeditionen durch den Namen seiner Frau. Der Deutsche ist mit der österreichischen Extrembergsteigerin Gerlinde Kaltenbrunner verheiratet, die als erste Frau elf der vierzehn Achttausender erklommen hat.

          Dujmovits arbeitet mit der Alpinschule Berg-Spechte des Österreichers Edi Koblmüller in Linz zusammen. Koblmüller hält zwar deutlich höhere Margen mit Expeditionen auf hohe Gipfel im Vergleich zu Trekkingtouren für möglich. Dennoch lässt er sich durch das Geld nicht zu Abenteuern verlocken, deren Risiko er nicht tragen will. Es gebe extrem ehrgeizige Menschen, die unbedingt hinauf wollten und für diese Trophäe bereit seien, viel Geld zu zahlen. Koblmüller erinnert an finanzkräftige Alpinisten, die sich in Himalaja-Expeditionen eingekauft haben, ohne jemals Steigeisen benutzt zu haben: „Einen K2 hätte ich auch in meiner besten Zeit nie ausgeschrieben, weil das Risiko zu hoch ist“, sagt der erfahrene Alpinist. „Ein Bergführer darf nicht an seinem Limit sein, das ist jedoch auf dem K2 der Fall.“

          „Besser mit ordentlichem Bergführer als allein“

          Im Gegensatz dazu ist für Hauser Exkursionen in München der zweithöchste Berg kein Tabu. Der K2 wurde bereits für rund 14.000 Euro angeboten. Damit kostet dieser schwierige Gipfel weniger als der Everest, für dessen Besteigung mehr als 20.000 Euro verlangt werden. Geschäftsführer Michael Schott spricht von einem kleinen Marktsegment und weist Kritik am kommerzialisierten Höhenbergsteigen zurück: „Wenn da ordentliche Bergführer dabei sind, die auf die Umkehrzeit achten, ist das viel besser, als wenn die Leute allein hinaufgehen.“ Allerdings gibt er zu, dass die Sicherheit bei einem solchen Berg letztlich auf den Konsumenten überwälzt wird: „Garantieren für die Sicherheit kann bei einem solchen Berg kein einziger Bergführer. Jeder ist da oben mit sich selbst beschäftigt, auch der Bergführer. Dazu muss man stehen.“

          Wenig hält Schott davon, alpine Laien zu so etwas zu verführen. „Jemand, der Achttausender besteigt, muss bereits im Höhenbergsteigen Erfahrung haben. Da wird eine lange Tourenliste gefordert, die auch die Erklimmung schwieriger Alpenwände belegt.“ An diesem Anforderungsprofil können sich entweder engagierte Hobbybergsteiger oder Bergführer messen, die sich dann für solche Touren interessieren. Der Berg dürfe kein Luxusgut sein, erklärt Schott sein Kalkulationsprinzip. Spannen zwischen 10 und 20 Prozent würden kalkuliert. Mehr verlangen wolle er nicht. Es gehe darum, interessierten und fähigen Alpinisten solche Abenteuer zu ermöglichen. „Einen Berg kann man sich nicht kaufen, sondern muss man sich hart erarbeiten.“ Oft kämen zwar Leute, die Geld hätten, jedoch nicht die Qualifikation. Umgekehrt hätten oft exzellente Bergsteiger nicht die finanziellen Mittel.

          Die jungen Wilden wollen die Gipfel stürmen

          Ebenso sieht Christoph Thoma, Sprecher des Summit Club, der Bergsteigerschule des Deutschen Alpenvereins, das Expeditionsbergsteigen nach wie vor als ein Randthema. Von 13.000 Kunden im Jahr gingen höchstens 100 auf Expeditionen in solche Höhen. Der Summit Club hat von den Achttausendern nur die leichteren im Programm, „sofern es in der Größenordnung überhaupt etwas Leichteres gibt“. Erstmals wurde in diesem Jahr eine Expedition zum Nanga Parbat für rund 8000 Euro angeboten. Es dürften nur ausgewiesene Bergsteiger mit: „Ein Hasardeur hat bei uns keine Chance. Wir geben keine Gipfelgarantie.“ Da dürfe man nicht auf das schnelle Geld aus sein, sondern müsse auf Sicherheit bedacht sein.

          Thoma bedauert, dass die Mentalität des Alles-haben-Wollens immer stärker um sich greife. Während sich früher Alpinisten mit viel mehr Demut und erst nach hinreichender Erfahrung an einen Achttausender gewagt hätten, gebe es heute die jungen Wilden, die meinten, nach einem Sechstausender sofort einen Achttausender erklimmen zu müssen. Die in Katmandu lebende Publizistin und Mitarbeiterin des Himalaja-Archivs Billi Bierling weist darauf hin, dass allein im vergangenen Jahr der Everest 629 Mal bestiegen wurde. Der Andrang sei bemerkenswert, sagt Bierling, gab es doch in den ersten vierzig Jahren der Everest-Geschichte insgesamt nur 609 Besteigungen.

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