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Kommentar zur Sparkassen-Gruppe : Gepäppelte Sparkassen

Die Sparkassen-Organisation steht unter Druck. Der von den privaten Banken in Brüssel durchgesetzte überfällige Wegfall der Staatshaftung erhöht die Refinanzierungskosten der Landesbanken.

          Die Sparkassen-Organisation steht unter Druck. Der von den privaten Banken in Brüssel durchgesetzte überfällige Wegfall der Staatshaftung erhöht die Refinanzierungskosten der Landesbanken. Die Gruppe rückt enger zusammen, um von den Ratingagenturen stärker als Ganzes wahrgenommen zu werden; an die Stelle der Staatshaftung tritt die Gruppenhaftung. Unter Druck stehen auch die Bundesländer. Die fortschreitende europäische Integration verstärkt den Wettbewerb der Regionen. Geldtöpfe für Industriepolitik und Strukturpolitik, die nicht als von Brüssel verbotene Beihilfen gelten, sind hoch willkommen zur Stärkung der Wettbewerbsposition.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Folge: Der doppelte Druck, dem sich einerseits die Sparkassen-Organisation im allgemeinen und die Landesbanken im besonderen sowie andererseits die Bundesländer, die ihnen als Gesetzgeber, Gewährsträger (bis 2005) und fast immer als Miteigentümer der Landesbanken eng verbunden sind, ausgesetzt sehen, könnte für die in Brüssel erfolgreichen Wettbewerber zum Bumerang werden. Es spricht vieles dafür, daß nach der gerade laufenden Phase der Neuaufstellung die größte Bankengruppe Deutschlands besser dasteht als heute ohnehin schon.

          In der derzeit angespannten Lage der Kreditbranche zeigt sich bestens, wie verhältnismäßig gut es um Sparkassen und Landesbanken auch dank jahrzehntelang zu ihren Gunsten verzerrten Wettbewerbs bestellt ist. Die S-Finanzgruppe ist die einzige der drei Bankengruppen in Deutschland, die ihr Geschäftsvolumen noch ausweiten kann. Die beiden anderen, private Banken und Genossenschaftsinstitute wie Volks- und Raiffeisenbanken, schrumpfen. Vor allem in dem von den privaten Banken inzwischen gemiedenen Kreditgeschäft mit Mittelstand und Existenzgründern fallen der Sparkassen-Organisation Marktanteile zu. Zwar bleibt abzuwarten, ob sich die Sparkassen durch ihre nach wie vor expansive Kreditvergabe nicht gerade enorme zusätzliche Risiken in die Bücher nehmen. Doch haben es viele Institute immerhin zuletzt geschafft, den Zinsüberschuß zu steigern. Wenn es einer Bank gelingt, eine höhere Marge zwischen dem Zins für verliehenes Geld und dem Zins für eingelegtes Geld durchzusetzen, gilt dies als Zeichen für abnehmenden Wettbewerb.

          Es wäre kein Wunder. Die massiven Wertberichtigungen der Kredite in den Bankbilanzen, die angesichts der Insolvenzwelle zwingende Folge sind, kann nur wegstecken, wer Reserven hat. Viele Sparkassen und Landesbanken haben hohe Reserven. Sie mußten auf ihr Eigenkapital jahrzehntelang keine Ausschüttungen vornehmen im Gegensatz zu den Wettbewerbern, deren Aktionäre und Genossen nach einer Dividende rufen. Sie mußten auch keine großen Stützungsfonds für Sanierungsfälle mit eigenen Mitteln aufbauen und speisen. Und die Landesbanken haben ein brillantes Rating - beides dank der Staatshaftung. Denn für den der Staat bürgt, der kann nicht insolvent werden und von dem verlangt der Kreditgeber weniger Zinsen, weil die Wahrscheinlichkeit, daß er den Kredit nicht zurückzahlt, deutlich geringer ist als ohne Staat im Rücken. Damit sollte Schluß sein - wie Brüssel 2001 zu Recht entschied.

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